Marx, Roboter und die Fundamentalökonomie

Wenn das Wirtschaftssystem den Planeten und die Freiheit bedroht, sollte man darüber nachdenken, wie sich der „alltägliche Kommunismus“ der Fundamentalökonomie mit Hilfe der Roboter in einen weit weniger alltäglichen Kommunismus verwandeln lässt.

Der weltbekannte Jazz-Bassist Richard Bona, der in einfachsten Verhältnissen im Kamerun aufwuchs und sich auf selbstgebauten Instrumenten das Bass-Spielen beibrachte, schrieb neulich in seinem Facebook-Profil, er strebe in allen Dingen die er tue, an jedem einzelnen Tag nach Vollkommenheit. Und tatsächlich – ist es denn nicht genau das, was jeden Meister seines Fachs, sei er Künstler oder Handwerker, Wissenschaftler oder Ingenieur, auszeichnet? Ist es denn nicht immer diese dem Geist nur undeutlich und unerreichbar fern vorschwebende Idee von Vollkommenheit, die schaffende Menschen immer von neuem vorantreibt, diesem Ideal immer weiter sich anzunähern? Und das, ist es einmal in einem Werk erreicht und verwirklicht, unvergleichliche Faszination ausübt, und seinerseits für andere Menschen Ansporn darstellt, diesem Ideal nachzueifern?

Nun verbindet man mit diesem großen Wort Vollkommenheit eher dem Bereich profaner Nutzanwendungen entrückte Kunstwerke; von auf dem Markt handelbaren und industriell hergestellten Produkten erwartet man sie nicht unbedingt. Aber auch etwa die schwäbischen Mercedes-Gründer Carl Benz und Gottlieb Daimler wollten perfekte, vollkommene Autos bauen, und dem italienischen Auto-Genie Ettore Bugatti wird man vielleicht zugestehen wollen, es mit seinen erlesenen automobilen Skulpturen auch geschafft zu haben. Oder wie ist es etwa mit Möbeln, ersonnen von großen Möbel-Designern, wie den bis heute faszinierenden Schöpfungen der Bauhaus-Designer, vom weniger bekannten Charles Macintosh mit seinem bezaubernden Hill House-Stuhl bis zu den unvergessenen Namen Charles Eames, Gerrit Rietfeld, Le Corbusier oder Marcel Breuer? Oder in der Architektur? Oder vielleicht mit Fernsehgeräten, von Braun, oder auch von Sony?

Aber auch noch weit profanere Dinge können einen Grad von Perfektion erreichen, der in die entrückten Dimensionen von Vollkommenheit hineinreicht. Zum Beispiel – Software-Systeme. Software-Entwickler können ob des Anblicks von Programmcode in Verzückung geraten, und darin makellose Schönheit entdecken, Eleganz und Perfektion, und eben Vollkommenheit. Oder auch – Roboter. Oder ganze Produktionssysteme, wie etwa die „Open Integrated Factory“ von SAP, die individuelle Dinge auf Kundenanforderung herstellen kann, oder das „Roboter-Lego“ der jungen Firma Robodev, eine Art Lego-Baukasten, dessen Bausteine aus Modulen wie Klein-Robotern oder Transportsystemen bestehen, die man schnell und einfach zu flexibel verwendbaren automatischen Produktionssystemen zusammenstecken kann. Das Motto ist: „Einfach selbst automatisieren“.

Was macht ein Werk vollkommen? Die Regel form follows function war das auf den amerikanischen Architekten Louis Sullivan zurückgehende Design-Prinzip, das später vom Bauhaus übernommen wurde. Die function, die Funktionalität wiederum „bringt Normativität ins Spiel“, wie der amerikanische Philosoph John Searle formulierte; der Begriff ästhetischer oder funktionaler Vollkommenheit transportiert normative Ansprüche. Was macht nun etwa eine Software oder einen Roboter oder ein Fabrikationssystem vollkommen – offenbar die Fähigkeit, ihre Funktion auf vollkommene Weise zu erfüllen. Und worin besteht ihre Funktion vor allem und in erster Linie – wohl doch darin, Arbeit zu leisten, und so den Menschen von Arbeit zu entlasten. Das wiederum haben diese Artefakte mit allen solchen menschengemachten Dingen gemein, die Tools, Werkzeuge sind: Werkzeuge sind und waren nie etwas anderes als vorgetane Arbeit, um Arbeit einzusparen. Der Mensch ist, das wusste Marx von Benjamin Franklin, ein toolmaking animal, seit dem ersten Faustkeil, über das Rad und den Hebel, Pfeil und Bogen und Druckerpresse bis zum universal programmierbaren Automaten, und schließlich bis zur vollkommenen, vielfältigste Arten von Arbeit erledigenden und so menschliche Arbeit sparenden „smarten“ oder intelligenten Fabrik.

Insoweit ist die immer wieder von neuem mit immer neuem Elan diskutierte Frage, ob die digitalen Technologien inklusive Robotik und KI Arbeitsplätze vernichten werden, eigentlich eine nicht sehr originelle Frage. Genau dazu sind sie doch gemacht worden, Arbeit einzusparen, sonst wäre die Arbeit, die man aufgewendet hat um sie herzustellen, verschwendet. Bezogen auf die Frage nach dem Arbeitsplatz bedeutet das: wenn so ein Artefakt in einem definierten Arbeitsprozess so viel Arbeit einsparen kann, dass für den oder die diese Arbeit bisher erledigenden Menschen nicht genügend Arbeit übrig bleibt, um ihn oder sie dem Lohn entsprechend auszulasten, wird der Arbeitsplatz verloren gehen. Es sei denn, eine Firma ist großzügig und verschenkt den Lohn, was sie sich aber in den seltensten Fällen wird leisten können bzw. wollen. Bezogen auf eine ganze Ökonomie bedeutet das: wenn man vorgetane und eingesparte Arbeit saldiert, wird ein durchschnittliches Plus von einigen Prozent an Produktivitätsfortschritt dabei herauskommen, und dies nur dann, wenn ein möglicher Produktivitätsfortschritt durch sachgemäße Anwendung geschaffener arbeitssparender Technologien auch realisiert wird. Das ist nicht unbedingt der Fall, aber, wie die Geschichte seit frühester Steinzeit und insbesondere seit Start des Kapitalismus zeigt, sind Produktivitätsfortschritte wohl nicht nur ausnahmsweise erreicht worden. Seit Beginn der Industrialisierung haben sich Produktivität und Lebensstandard geradezu explosiv entwickelt.

Ist ein Produktivitätsfortschritt einmal erreicht, kann er prinzipiell auf dreierlei Weise verwendet werden: als Lohnerhöhung, als Arbeitszeitverkürzung, oder als Gewinnsteigerung des Unternehmens. Produktivitätssteigerungen bedeuten immer auch neue Spielräume zur Erweiterung des Konsums, durch verbilligte, verbesserte oder ganz neue Produkte. Solange danach Nachfrage besteht und die hinreichend attraktiven Produkte nicht plötzlich ausbleiben, kann die Wirtschaft wachsen, und tatsächlich ist dies in den wesentlichen Zügen ja der jahrhundertealte evolutionäre Prozess, der den frühindustrialisierten Gesellschaften den bis heute erreichten Lebensstandard beschert hat.

Wenn aber die Fähigkeit, durch leistungsstarke Technologien Arbeit einzusparen, die Möglichkeiten der konsumtiven Verwendung der eingesparten Arbeit dauerhaft übersteigt, weil die Ideen für die immer neue „Killerapplikation“, die sensationelle, alle Märkte stürmende, ganz neue und ganz neue Kapazitäten erfordernde Innovation ausbleibt, oder wenn andere Gründe – etwa ökologische – einem endlos weiter gesteigerten Konsum entgegenstehen, genau dann und erst dann wird im Feld der Ökonomie ziemlich vieles ziemlich anders.

Kann der Kapitalismus weiterleben? Meines Erachtens nicht.

Joseph Schumpeter, im linken Lager nicht gerade der geliebte Referenzökonom, vertrat im Gegensatz zu seinem Zeitgenossen John Maynard Keynes die Auffassung, dass der Kapitalismus nicht ewig weiterleben könne. Er werde sich gewissermaßen selbst in einen Folgezustand transformieren, den Schumpeter Sozialismus nannte. Als bedingende und auslösende Faktoren nannte Schumpeter genau diese beiden: Sättigung der Massenmärkte, und Vollkommenheit der Produktionsmittel.

Wann genau darf man nun einem so komplexen Werkzeug wie einem Produktionssystem, das Konsumgüter herstellen kann, Vollkommenheit zusprechen? Schumpeter dachte an möglichst hohe Produktivität, die ja vom Automationsgrad abhängig ist. Ist der Automationsgrad eines Arbeitsprozesses sehr hoch und geht gegen hundert Prozent, steigt die Arbeitsproduktivität der verbliebenen menschlichen Arbeiter, die in diesem Arbeitsprozess noch eine Rolle spielen, ins Unendliche. Ist eine Gesellschaft in dem Sinne reich geworden, dass sie über derart vollkommene Produktionsmittel verfügt, ist „das Problem der Ökonomie“ gelöst, wie Keynes erwartet hatte, denn die lebensnotwendigen und einen angenehmen Lebensstandard bescherenden Güter sind nicht mehr knapp. Doch obwohl das auf den ersten Blick völlig logisch und folgerichtig erscheint, hat bislang weder die Selbsttransformation des Kapitalismus stattgefunden, noch hat sich die 15-Stundenwoche durchgesetzt, und das Problem der Ökonomie scheint ungelöster denn je.

Bevor wir uns ökonomischen Fragestellungen zuwenden, bleiben wir noch einen Moment bei der Frage der Vollkommenheit der Produktionsmittel. Wie ja auch Marx wusste, träumte schon der griechische Philosoph Aristoteles von selbstbewegten, auto-matischen Werkzeugen, zum Beispiel dem berühmten Weberschiffchen, das mit dem Wissen begabt war, wie es seine Bewegungen zu steuern hätte, um ein textiles Gewebe entstehen zu lassen. Dieses Wissen ist in der modernen IT-gesteuerten Fabrik in ein Programm, also in Software gegossenes Wissen; die Fabrik ist seit dem Siegeszug von Alan Turings Universalrechner in die Fabrikhallen – man nun sagt – digitalisiert. Idealerweise ist so eine Fabrik also eine technische Apparatur, die sich durch in Software gegossenes Wissen steuern lässt, und vollkommen ist sie dann, wenn das von ihr erzeugte Produkt mit minimalem Aufwand und ohne Verschwendung von Ressourcen auto-matisch erzeugt wird, und dies möglichst genau so wie der Konstrukteur eines Produktes es erdacht hatte. Eine solche Fabrik wäre also eine vollkommene Spezialfabrik, die ein bestimmtes in einer Softwareprozedur beschriebenes Produkt fehlerfrei und mit minimalem Ressourceneinsatz herstellen kann.

Nun weiß man ja seit Turings universaler Rechenmaschine, dass die sich genau dadurch von vorherigen automatischen Rechenmaschinen unterschied, dass sie eine Universalmaschine war: sie war eben die Universale Turing-Maschine, im Gegensatz zur speziellen Turing-Maschine. Sie war in der Lage, jede spezielle, eine spezielle algorithmische Prozedur beschreibende Turing-Maschine zu „implementieren“, also zur Ausführung zu bringen. Erst das machte sie zur mächtigen Universalmaschine, die im Bereich der Berechenbarkeit jedes Problem lösen konnte, das als algorithmische Prozedur beschrieben werden konnte. Das impliziert offenbar für die normative Zuschreibung von Vollkommenheit im Falle einer Fabrikationsmaschine: auch sie müsste idealerweise in der Lage sein, jedes beliebige als berechenbare Prozedur formulierte Produktionsprogramm auzuführen. Bevor wir uns nun der Frage zuwenden, ob die industriellen Produktionsmittel vielleicht – und sogar schon lange! – auf dem Weg sind, sich in der Realität diesem Ideal anzunähern, kurz zu der Frage, ob die Verfügbarkeit in diesem Sinne idealer Produktionsmittel nicht nur die Möglichkeit darstellt, Knappheitsbedingungen zu überwinden, sondern auch die hinreichende Bedingung, kapitalistische ökonomische Verhältnisse mit dominanter Markt- und Preissteuerung zu überwinden.

Solange die Betriebe Spezialbetriebe sind, sind Märkte und Preissteuerung unverzichtbar, um die doppelte Kontingenz der anonymen anarchischen kapitalistischen Produktion zu operationalisieren: der Anbieter kennt den Nachfrager und dessen Konsumwünsche nicht, und der Nachfrager kennt den Anbieter und dessen Angebot nicht. Über möglichst transparente Märkte kann der Anbieter dem Nachfrager sein Angebot bekannt machen, und der Nachfrager kann das für ihn optimale Angebot auswählen. So entsteht die unausweichliche Marktdynamik: der Anbieter produziert unter Risiko auf Vorrat, und steht mit seinen Mitbewerbern in Konkurrenz um zahlende Kundschaft und Marktanteile.

Diese Dynamik löst sich – den Erwartungen Keynes‘ und Schumpeters zum Trotz – aber nicht auf, wenn die Märkte sich von Verkäufer- zu Käufermärkten gewandelt haben, und insofern schon lange Sättigungssymptome aufweisen. Im Gegenteil, der Kampf um Marktanteile und Gewinne wird umso härter ausgefochten; der Druck auf die Löhne genauso wie in subtilerer Form auf die Konsumenten, auch die verzichtbarsten Produkte etwa zur Steigerung des Prestiges für teures Geld einzukaufen, nimmt unaufhörlich zu, und der Umsatz wird mit den raffiniertesten und tückischsten Mitteln auf möglichst hohem Niveau gehalten.

Nun könnte man sagen: wenn die Selbsttransformation des Kapitalismus ausbleibt, dann wird nichts anderes übrig bleiben, als mit anderen Mitteln diese Transformation herbeizuführen, etwa, indem man die Steuerung der Ökonomie und der Betriebe in die öffentliche Hand übergibt, und sie von einem „Planungsministerium“ durchführen lässt, wie es Joseph Schumpeter vorschwebte. Wie immer das Problem der Überführung privaten Eigentums in öffentliche Verfügungsgewalt nun gelöst werden könnte, bliebe aber auf jeden Fall genau das Problem bestehen, das bis dato nur Märkte und freie Marktpreise lösen konnten: nämlich die Überwindung der typischen doppelten Kontingenz der Warenproduktion.

Und genau dieses Problem wäre nun in der Tat gelöst, wenn die Produktionsmittel im beschriebenen Sinne Vollkommenheit besäßen: dann wäre es eben möglich, auf die Steuerung durch die „invisible hand“ des Marktes, die genauso unsichtbar wie blind ist, zu verzichten, weil es möglich wäre, jede Konsumentennachfrage ad hoc, on demand exakt nach Kundenwunsch zu befriedigen. Der Kunde könnte sein Wunschprodukt nun in einem virtuellen Prozess auswählen, bevor es hergestellt worden ist. Die Produkte müssten nicht mehr über den Markt allokiert werden, sondern könnten etwa über eine Internet-Plattform allokiert werden, ohne Verluste an allokativer Effizienz. Und dann erst wäre es auch möglich und sinnvoll, dass diese Produktionsmittel aus der privaten gewinnwirtschaftlichen Nutzung in öffentliche Nutzung übergingen.

Wirft man nun einen Blick auf die tatsächliche Entwicklung der digitalen Fertigungstechnologien, so ist kaum übersehbar, dass die Begriffe Losgröße 1, Flexibilität, on-demand-Produktion und Automation die Vision der „Fabrik der Zukunft“ prägen. Etwa beim Projekt der „SmartFactory KL“, eines herstellerübergreifenden Vereins zur Entwicklung einer visionären Modellfabrik, die die Potenziale von Automatisierungstechnik und Informationstechnik in einem funktionsfähigen Modell sichtbar machen soll, dreht sich alles um die Begriffe Modularität, Flexibilität und Losgröße 1. Die „Smart Factory“ soll idealerweise eine „Blackbox“ sein, die mit „Daten“, also den zu einem Produkt gehörenden CAD- und Prozessdaten, gefüttert wird, und die daraus ganz im Verborgenen und möglichst in Windeseile das gewünschte Ding produziert. Und diese Fabrik wäre in der Tat schon fast universal programmierbar. So trennt sich die eigentliche Fertigung auch mehr und mehr von einem speziellen Produkt und einem speziellen Markenfertiger; es gibt bereits Anbieter von „smart factories as a service“, als Dienstleistung, auf welche Markenhersteller nach Bedarf zugreifen können – was sie von der Notwendigkeit, eigene Fertigungskapazitäten vorhalten zu müssen, tendenziell befreit.

Haben Fertigungsprozesse in diesem Sinne hinreichende Vollkommenheit erreicht, kommt es gewissermaßen zum geschichtlichen Durchbrechen der Schallmauer, zur „Singularität“: dann macht es keinen Sinn mehr, dass private gewinngetriebene Unternehmen diese Services anbieten, die dabei immer auch der kapitalistischen Dynamik ausgesetzt sind und einerseits wachsen müssen, andererseits der Begierde des nach Investitionsmöglichkeiten gierenden Großkapitals ausgesetzt sind. Dann könnte sich die Gesellschaft der Bürger, die ihre Konsummöglichkeiten Pareto-optimal gestalten wollen, selbst eine entsprechende industrielle Infrastruktur aufbauen, die dieses gewährleistet. Das Ende des Kapitalismus würde gewissermaßen darin bestehen, dass die Gesellschaft sich „Dinge-Automaten“ installiert, die nach Wunsch und auf Anforderung Konsumgüter produzieren. Zum ersten Mal in der Geschichte würden diese Dinge-Automaten keinen Tauschwert mehr produzieren, sondern nur noch Gebrauchswert. Ihr Ziel wäre nicht die endlose Vermehrung von Kapitalgewinnen, sondern die endliche Befriedigung von – rationalen – Konsumwünschen.

Fundamentalökonomie

Wolfgang Streeck beschreibt in seiner Einleitung zur „Ökonomie des Alltagslebens“ fundamentalökonomische Infrastrukturen als den „alltäglichen Kommunismus“, der „unseren alltäglichen Kapitalismus erst ermöglicht“. Fundamentalökonomische Infrastrukturen sind langfristige Investitionen mit geringen Renditen, „die jedoch durch ein geringes Risiko – und natürlich durch ihren allgemeinen, der Gesellschaft frei zur Verfügung gestellten Wert – aufgewogen werden.“

Genauso verhielte es sich mit industriellen Infrastrukturen, die nun nicht nur Wasser, Energie, Mobilität, Gesundheit, Bildung, Wohnen, Pflege und Telekommunikation produzieren, sondern auch: Konsumgüter, jedenfalls solche, die man zu einem Grundbedarf zählen kann. Die Rendite wäre – als Kapitalertrag – nicht nur gering, sondern null. Der Ertrag bestünde ausschließlich aus dem „allgemeinen, der Gesellschaft frei zur Verfügung gestellten Wert“. Aus dem alltäglichen Kommunismus wäre ein etwas weniger alltäglicher Kommunismus geworden, mit einer aber schon deutlich erkennbaren Tendenz zum absolut nicht mehr alltäglichen Kommunismus: denn so könnte es langsam entstehen – „das Einfache, das schwer zu machen ist“. Die Arbeit – unter diesen Bedingungen nur noch notwendig, um Dinge und Dienstleistungen zu konsumieren, die der alltägliche Kommunismus nicht produzieren kann – wäre in genau diesem Umfang optional geworden, und die kapitalistische Profitwirtschaft wäre aus dem Bereich der Fundamentalökonomie vertrieben. Der gesellschaftliche Reichtum – Marx‘ wirklicher Reichtum – würde in genau dem Maße wachsen.

Dieser Argumentation folgend würde es in Zukunft also darauf ankommen, nicht nur die kollektiv-gemeinwirtschaftliche Grundlage der Gesellschaft vor den Imperativen der Kapitalverwertung zu schützen, sondern im Gegenteil die kollektiv-gemeinwirtschaftliche Grundlage in den Bereich der Konsumgüterproduktion hinein auszudehnen. Und dies wird nicht möglich sein ohne Roboter und menschenleere, „smarte“, leistungsfähige Fabriken. Was spricht auch dagegen? Wer heute die menschenleere Fabrik für ein Schreckgespenst hält, denkt konservativer als die konservativsten Kapitalisten. Für Marx war gerade die Menschen versklavende und demütigende Fabrik das Schreckgespenst, und es war seine Hoffnung, dass kluge Wirtschaftsplanung und ausgefeilte Technologien den Menschen eines Tages ein erfülltes Leben außerhalb der Fabrikmauern ermöglichen werde. Der Atem der gesellschaftspolitischen Gestaltung und der Blick müssen weit genug sein, einen Wandel zu überblicken und gestalterisch zu bewältigen, der den langfristigen Abbau von Arbeitsplätzen in der Industrieproduktion einschließt, ohne die betroffenen Menschen im Regen stehen zu lassen, und ihnen dazu eine attraktive – ja weit attraktivere – Alternative zu bieten.

Geschichtlicher und technischer Fortschritt verlangen Klügeres als das Festhalten am industriellen Arbeitsplatz, der keine andere Legitimation besitzt als die, dass man sich nichts anderes vorstellen kann. Dies hat auch nicht nur nationalökonomische Relevanz. Die Smart Factory, die wie der Computer zum internationalen Standard geworden ist, kann den internationalen Wirtschaftsverkehr revolutionieren: Statt des gegenseitigen Überschüttens mit Exporten von fertig produzierten Produkten können die CAD-Daten immateriell durch Datenleitungen fließen, um am Ort des Konsums in Produkte verwandelt zu werden. Staaten können ihre Kapazitäten zu weltweiten Produktionsnetzwerken zusammenschließen. Ziel ist dann aber nicht mehr die Maximierung der Kapitalrendite, sondern eben der der Gesellschaft zur Verfügung gestellte (Gebrauchs-)Wert.

Die Gesellschaften haben heute die Greta-Frage zu beantworten: wie hältst Du’s mit dem Wirtschaftswachstum? Nicht erst das brennende Amazonasbecken zeigt: infinites Wirtschaftswachstum ist längst nicht mehr wohlstandserweiternd, sondern schafft statt blühender Landschaften verkohlte todbringende Wüsten. Es wäre eine gute Idee, diese Möglichkeiten, die der Kapitalismus am Ende seiner fruchtbaren Tage der Nachwelt hinterlässt, zu entdecken und im Sinne einer nachhaltigen und erstrebenswerten Zukunft zu nutzen. Allerdings: Renditejäger werden enttäuscht sein. Es geht eigentlich nur um den höheren Lohn und den Wert des Erhalts dieses unseres einzigen Planeten.

Udo und der Rote Stern

Gestern war ich mal wieder in einem Konzert von Udo Lindenberg. Weil ich aus Münster stamme und zu der Zeit mich als Musiker versucht habe, als Udo’s Stern gerade aufging, war ich fast zwangsläufig Fan von Udo, aber nicht nur deshalb. Mit Kennerblick war mir klar, dass das eine richtig gute Band mit richtig guten Musikern war, und vor allem einem Typen am Mikrofon, der versuchte fortzusetzen was in den 60ern erwachte und nach Altamont und der Auflösung der Beatles gestorben war. Udo war eine oder zwei Nummern kleiner als Stones und Beatles, aber die Wurzel war an der richtigen Stelle und brachte etwas zum Leben, das bis heute die Zeiten überstanden hat und nun größer und lebendiger geworden ist als jemals zuvor.

Mein erstes Udo-Konzert erlebte ich in der kleinen Stadthalle von Münster, in der auch Vieh-Auktionen stattfanden. Man sah und roch es, die Halle hieß auch Bullenhalle. Es gab eine einzige kleine Kantine, und als ich mir vor dem Konzert ein Bier besorgte, saß da die ganze Panik-Band, einfach hinten am Tisch in dieser Kantine für alle. Die Band, das war damals: Steffi Stephan am Bass, Karl Allaut an der Gitarre, Gottfried Böttger an den Tasten, Backi Backhausen am Schlagzeug, und natürlich Udo. Das war die Zeit vom Onkel Pö, und der Rentner-Band. Für einen braven münsteraner Studenten sahen die Jungs, die zwar alle aus dem Westfälischen stammten, aber – wie jedenfalls Udo – hauptsächlich in Hamburg lebten, wild und exotisch aus.

Jeder kennt heute die Geschichte von Udo, dem Mädchen aus Ost-Berlin, und dem Sonderzug nach Pankow. Udo wird von den Menschen im Osten noch heute heißgeliebt, weil er damals unbedingt im Osten auftreten wollte und gerufen hat: die Mauer muss weg. Genau wie die Pershings und alle Raketen links und rechts der Mauer. Udo wollte Frieden und Freiheit, bunte Republik, Love and Peace, wie die Hippies der 1960er.

Der Kommunismus und die Mauer sind heute weg. Das ist Geschichte, und gerade die Menschen im Osten sind darum nicht traurig. Jedenfalls: als die Mauer fiel, war niemand traurig, aber als mit der Mauer auch die Jobs alle  verschwunden waren, waren die Gefühle schon eher gemischt. Die Treue und Verehrung für Udo sind trotzdem geblieben.

Dem Genossen Erich Honecker und dem ganzen Sowjet-Kommunismus weint heute jedenfalls keiner eine Träne nach. Udo war nie für irgendwie was mit -ismus, weder Kapital- noch Sozial-, er hat Bücher von Hermann Hesse gelesen und war mit Joseph Boys bei den Gründungsversammlungen der Grünen. Udo ist ein gefühlsbetonter Mensch, der sich so lange ins Koma säuft, bis seine Gefühle die richtigen udopischen Signale empfangen. Das ist immer Udos Weg der Erkenntnis gewesen.

Aber trotzdem: der Rote Stern muss heute mit. Dieser rote Stern fasziniert, auf ganz rätselhafte Weise, noch immer, trotz allem. Der Rote Stern prangte auf Udo’s Präsidenten-Jumbo „Panik 1“, und auf seiner bunten Uniform, wie bei den Kommunisten-Uniformen oder den Eisenbahn-Lokomotiven der frühen Revolutionäre, nach der gewonnenen Revolution. Der Rote Stern war gewissermaßen das Markenzeichen der Firma, die keine Firma war, sondern die Arbeiterklasse, der Arbeiter- und Bauernstaat selber. Die fünf Zacken des roten Stern sollten die fünf Erdteile symbolisieren, die nun alle im Geiste des Kommunismus und der Freundschaft der Völker vereint sind.

Es ist nichts daraus geworden, um Haaresbreite wäre die Welt in diesen Tagen in den nächsten großen Krieg gerasselt. Das Sowjetreich ist zerfallen, und der Rote Stern auf dem Kreml ist nur noch eine Reminiszens. Aber die Faszination für den Roten Stern ist offenbar geblieben, auch für jemanden wie Udo, der durch die Höllen der alkoholischen Erleuchtung gegangen ist.

Wenn Udo wüsste, wie nah wir heute dem Traum sind, den die Kommunisten und Revolutionäre seit Marx vergeblich geträumt haben. Aber wie um Himmels willen soll ein so gefühlsweiser Mensch wie Udo verstehen, wovon die Verwirklichung dieses Traums tatsächlich abhängt. Udo glaubt an die Erleuchtung durch das innere Licht, an die Kraft des Glaubens an das Gute, und an den Eierlikör. Wenn da jetzt jemand käme, der ihm die Wirkung von Chemie und Physik und der klassischen Medizin nahebringen wollte und ihm wissenschaftlich erklären, wie sein geliebter Body funktioniert und wie er ihn fit und bei Laune halten kann, hätte der wenig Chancen.

So ist es leider auch mit dem Kommunismus und der Erklärung, warum der kommunistische Rote Stern irgendwie was geheimnisvoll Faszinierendes war und geblieben ist, und warum der Kommunismus damals, vor hundert Jahren, nicht funktionieren konnte, und warum er es heute (vielleicht) kann. Die Erklärung ist sehr nüchtern und wissenschaftlich und kompliziert, und man kann daraus nicht leicht schöne große Worte und Gefühle machen. Aber das muss irgendwie gelingen, und auch möglichst bald, denn wir haben nicht mehr so viel Zeit. Das Problem ist heute nicht das mit den Ketten, die die Arbeiter zu verlieren haben, sondern das vergiftete Klima, in dem bald niemand mehr leben kann, jung oder alt, Tier oder Pflanze, Kommunist oder Kapitalist.

Für Love und Peace, in den Frieden ziehn und saubere Luft kann man die Menschen schnell begeistern. Nur: was bedeutet das, wie kriegt man die große Udopie denn hin, was steckt heute hinter dem Roten Stern? Da wirds kompliziert. Udo kann in seinen Konzerten wunderbare Bilder an die riesige LED-Leinwand malen, und die Musik seiner riesigen Band wird wunderbar in die großen Hallen übertragen, es ist ein Fest der Sinne. Niemand würde genau wissen wollen wie die Technik funktioniert die hinter all dem steckt.

Aber das brauchen wir für die große Udopie eben auch, da muss so viel gebaut und geschraubt werden. Wie kriegt man die Leute dazu, das zu machen? Das kann Jahre und Jahrzehnte dauern, und ist ein riesengroßes Projekt, das dann aber tatsächlich auch auf der ganzen Welt stattfinden könnte, auf allen fünf Erdteilen. Es könnte die Menschen vereinen. Aussehen und anfühlen könnte sich alles am Ende wie in einem Konzert von Udo.

 

 

 

Mehr Licht für die klare lichte Zukunft

Paul Mason hat nun ein Buch geschrieben, das in die Zeit zu passen scheint. Jedenfalls erheblich besser als sein „Postkapitalismus“ (2016 in der deutschen Übersetzung erschienen). Bisher sind seine Kritiken handzahm und eher positiv, und der ganze Zeitgeist scheint im Moment ja nach links zu fliegen. Ein Youtuber, der „die CDU zerstören“ will, erhält Millionen Views in drei Tagen und findet Eingang in die Spalten der etablierten Medienwelt, und nach einer Gallup-Umfrage aus April würden 43 Prozent der Amerikaner „irgendeine Form von Sozialismus“ für eine gute Sache halten.
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Plattform-Sozialismus

Dass die Digitalriesen mit Plattformen eine Menge Geld verdienen, und eine Menge Steuern nicht zahlen, hat sich herumgesprochen. Wenn sie wenigstens ihre Steuern zahlen würden, könnte man sich mit dem Überwachungskapitalismus, den die Digitalriesen ja auch noch auf dem Kerbholz haben, halbwegs arrangieren. Aber das tun sie partout nicht, und bunkern ihr Geld in Steueroasen.

Darum machen sie sich unbeliebt, und das gemeine Volk fängt an nachzudenken über – Plattformsozialismus (den man auch Digitalsozialismus nennen könnte). Denn die Plattformen sind ja an sich eine gute Idee, sogar Amazon und Uber und Ebay, und was es sonst noch so gibt, was die Bequemlichkeit verspricht, alles vom heimischen Laptop aus erledigen zu können. Deshalb taucht hier und da schonmal die Idee auf, diese Services als hoheitliche Aufgabe zu betrachten, und sie konsequent auf das Allgemeinwohl zu verpflichten, statt auf private Gewinne. Das hieße: sie verstaatlichen.

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Bundesliga mit Tore-Limit

Angenommen, man stellt fest, dass Tore, die in der Fußballbundesliga geschossen werden, die Umwelt belasten. Man kann ausrechnen, dass in der Saison höchstens sagen wir 150 Tore geschossen werden dürfen, sonst überschreitet das den tolerablen Grenzwert. Wenn zu viele Tore geschossen werden, wird das Klima aufgeheizt, und dann schmelzen die Polkappen, und dem HSV steht bald das Wasser im Stadion bis zum Hals.

Wie kann man also dafür sorgen, dass nicht zu viele Tore geschossen werden, aber die Spiele trotzdem spannend bleiben, und die Mannschaft mit den meisten Toren deutscher Meister wird?

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Arbeitsmittel und ihre ökonomischen Epochen

Worum geht es in der Geschichte, einmal mit einem Horizont von vielleicht 10.000 Jahren betrachtet, also von den ersten Werkzeug benutzenden Kulturen des „tool making animal“, bis heute? Wie, welchen Fortschrittskriterien folgend, und wodurch ändern sich die Epochen?

Das ist das Resümee meines Buches „Die Große Digitalmaschinerie“.

Arbeitsmittel und ihre Epochen

Von den Moden zum Trend

Auf der Tagung Wirtschaftsinformatik ’95 hielt der Begründer des Studienfaches Wirtschaftsinformatik in Deutschland, Professor Peter Mertens, seinen Hauptvortrag „Wirtschaftsinformatik – Von den Moden zum Trend“. Es tat dies in der Absicht, seiner jungen Wissenschaft ihre „langfristigen“ und im Zeitverlauf unveränderlichen, bleibenden Ziele zu weisen.

Er begründete dies so: „Idealerweise würde sich eine Disziplin auf einem geraden Fortschrittspfad in Richtung eines (…) Langfristzieles bewegen.“ Mäandernde Entwicklungen, die einem Trial-and-Error-Pfad folgen, seien also zu vermeiden. Dann stellt er fest, dass es in der Wirtschaftsinformatik seiner Zeit zu mäandernden Entwicklungen gekommen war; die Wissenschaft war also kurzfristigen „Moden“ gefolgt, und hatte dadurch Zeit und Ressourcen verschwendet.

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Der Sechste Kondratieff

Es klingt wie ein Adelstitel, der 6. Earl of Douglas, oder der 9. Duke of Wellington. Der 6. Kondratieff… und wie heiß wird er ersehnt! Dass er doch bald herab kommen möge zu uns, die Welt aus ihrem Schmerz zu erlösen, ja aus bitterster Not, hat sie den Tod durch Hunger und Durst doch schon nahe vor Augen… Denn es mangelt ihr an dem Nötigsten, an ihrem Lebenselixier, die Kammern und Reservoirs sind leer, es finden sich keine neuen, die man erschließen könnte, es ist eine wahres Grauen, denn was ihr so bitter nötig fehlt, hat auf dieser großen gottverlassenen Welt niemand mehr: es ist – etwas, das fehlt.

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