Udo und der Rote Stern

Gestern war ich mal wieder in einem Konzert von Udo Lindenberg. Weil ich aus Münster stamme und zu der Zeit mich als Musiker versucht habe, als Udo’s Stern gerade aufging, war ich fast zwangsläufig Fan von Udo, aber nicht nur deshalb. Mit Kennerblick war mir klar, dass das eine richtig gute Band mit richtig guten Musikern war, und vor allem einem Typen am Mikrofon, der versuchte fortzusetzen was in den 60ern erwachte und nach Altamont und der Auflösung der Beatles gestorben war. Udo war eine oder zwei Nummern kleiner als Stones und Beatles, aber die Wurzel war an der richtigen Stelle und brachte etwas zum Leben, das bis heute die Zeiten überstanden hat und nun größer und lebendiger geworden ist als jemals zuvor.

Mein erstes Udo-Konzert erlebte ich in der kleinen Stadthalle von Münster, in der auch Vieh-Auktionen stattfanden. Man sah und roch es, die Halle hieß auch Bullenhalle. Es gab eine einzige kleine Kantine, und als ich mir vor dem Konzert ein Bier besorgte, saß da die ganze Panik-Band, einfach hinten am Tisch in dieser Kantine für alle. Die Band, das war damals: Steffi Stephan am Bass, Karl Allaut an der Gitarre, Gottfried Böttger an den Tasten, Backi Backhausen am Schlagzeug, und natürlich Udo. Das war die Zeit vom Onkel Pö, und der Rentner-Band. Für einen braven münsteraner Studenten sahen die Jungs, die zwar alle aus dem Westfälischen stammten, aber – wie jedenfalls Udo – hauptsächlich in Hamburg lebten, wild und exotisch aus.

Jeder kennt heute die Geschichte von Udo, dem Mädchen aus Ost-Berlin, und dem Sonderzug nach Pankow. Udo wird von den Menschen im Osten noch heute heißgeliebt, weil er damals unbedingt im Osten auftreten wollte und gerufen hat: die Mauer muss weg. Genau wie die Pershings und alle Raketen links und rechts der Mauer. Udo wollte Frieden und Freiheit, bunte Republik, Love and Peace, wie die Hippies der 1960er.

Der Kommunismus und die Mauer sind heute weg. Das ist Geschichte, und gerade die Menschen im Osten sind darum nicht traurig. Jedenfalls: als die Mauer fiel, war niemand traurig, aber als mit der Mauer auch die Jobs alle  verschwunden waren, waren die Gefühle schon eher gemischt. Die Treue und Verehrung für Udo sind trotzdem geblieben.

Dem Genossen Erich Honecker und dem ganzen Sowjet-Kommunismus weint heute jedenfalls keiner eine Träne nach. Udo war nie für irgendwie was mit -ismus, weder Kapital- noch Sozial-, er hat Bücher von Hermann Hesse gelesen und war mit Joseph Boys bei den Gründungsversammlungen der Grünen. Udo ist ein gefühlsbetonter Mensch, der sich so lange ins Koma säuft, bis seine Gefühle die richtigen udopischen Signale empfangen. Das ist immer Udos Weg der Erkenntnis gewesen.

Aber trotzdem: der Rote Stern muss heute mit. Dieser rote Stern fasziniert, auf ganz rätselhafte Weise, noch immer, trotz allem. Der Rote Stern prangte auf Udo’s Präsidenten-Jumbo „Panik 1“, und auf seiner bunten Uniform, wie bei den Kommunisten-Uniformen oder den Eisenbahn-Lokomotiven der frühen Revolutionäre, nach der gewonnenen Revolution. Der Rote Stern war gewissermaßen das Markenzeichen der Firma, die keine Firma war, sondern die Arbeiterklasse, der Arbeiter- und Bauernstaat selber. Die fünf Zacken des roten Stern sollten die fünf Erdteile symbolisieren, die nun alle im Geiste des Kommunismus und der Freundschaft der Völker vereint sind.

Es ist nichts daraus geworden, um Haaresbreite wäre die Welt in diesen Tagen in den nächsten großen Krieg gerasselt. Das Sowjetreich ist zerfallen, und der Rote Stern auf dem Kreml ist nur noch eine Reminiszens. Aber die Faszination für den Roten Stern ist offenbar geblieben, auch für jemanden wie Udo, der durch die Höllen der alkoholischen Erleuchtung gegangen ist.

Wenn Udo wüsste, wie nah wir heute dem Traum sind, den die Kommunisten und Revolutionäre seit Marx vergeblich geträumt haben. Aber wie um Himmels willen soll ein so gefühlsweiser Mensch wie Udo verstehen, wovon die Verwirklichung dieses Traums tatsächlich abhängt. Udo glaubt an die Erleuchtung durch das innere Licht, an die Kraft des Glaubens an das Gute, und an den Eierlikör. Wenn da jetzt jemand käme, der ihm die Wirkung von Chemie und Physik und der klassischen Medizin nahebringen wollte und ihm wissenschaftlich erklären, wie sein geliebter Body funktioniert und wie er ihn fit und bei Laune halten kann, hätte der wenig Chancen.

So ist es leider auch mit dem Kommunismus und der Erklärung, warum der kommunistische Rote Stern irgendwie was geheimnisvoll Faszinierendes war und geblieben ist, und warum der Kommunismus damals, vor hundert Jahren, nicht funktionieren konnte, und warum er es heute (vielleicht) kann. Die Erklärung ist sehr nüchtern und wissenschaftlich und kompliziert, und man kann daraus nicht leicht schöne große Worte und Gefühle machen. Aber das muss irgendwie gelingen, und auch möglichst bald, denn wir haben nicht mehr so viel Zeit. Das Problem ist heute nicht das mit den Ketten, die die Arbeiter zu verlieren haben, sondern das vergiftete Klima, in dem bald niemand mehr leben kann, jung oder alt, Tier oder Pflanze, Kommunist oder Kapitalist.

Für Love und Peace, in den Frieden ziehn und saubere Luft kann man die Menschen schnell begeistern. Nur: was bedeutet das, wie kriegt man die große Udopie denn hin, was steckt heute hinter dem Roten Stern? Da wirds kompliziert. Udo kann in seinen Konzerten wunderbare Bilder an die riesige LED-Leinwand malen, und die Musik seiner riesigen Band wird wunderbar in die großen Hallen übertragen, es ist ein Fest der Sinne. Niemand würde genau wissen wollen wie die Technik funktioniert die hinter all dem steckt.

Aber das brauchen wir für die große Udopie eben auch, da muss so viel gebaut und geschraubt werden. Wie kriegt man die Leute dazu, das zu machen? Das kann Jahre und Jahrzehnte dauern, und ist ein riesengroßes Projekt, das dann aber tatsächlich auch auf der ganzen Welt stattfinden könnte, auf allen fünf Erdteilen. Es könnte die Menschen vereinen. Aussehen und anfühlen könnte sich alles am Ende wie in einem Konzert von Udo.

 

 

 

Mehr Licht für die klare lichte Zukunft

Paul Mason hat nun ein Buch geschrieben, das in die Zeit zu passen scheint. Jedenfalls erheblich besser als sein „Postkapitalismus“ (2016 in der deutschen Übersetzung erschienen). Bisher sind seine Kritiken handzahm und eher positiv, und der ganze Zeitgeist scheint im Moment ja nach links zu fliegen. Ein Youtuber, der „die CDU zerstören“ will, erhält Millionen Views in drei Tagen und findet Eingang in die Spalten der etablierten Medienwelt, und nach einer Gallup-Umfrage aus April würden 43 Prozent der Amerikaner „irgendeine Form von Sozialismus“ für eine gute Sache halten.
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Plattform-Sozialismus

Dass die Digitalriesen mit Plattformen eine Menge Geld verdienen, und eine Menge Steuern nicht zahlen, hat sich herumgesprochen. Wenn sie wenigstens ihre Steuern zahlen würden, könnte man sich mit dem Überwachungskapitalismus, den die Digitalriesen ja auch noch auf dem Kerbholz haben, halbwegs arrangieren. Aber das tun sie partout nicht, und bunkern ihr Geld in Steueroasen.

Darum machen sie sich unbeliebt, und das gemeine Volk fängt an nachzudenken über – Plattformsozialismus (den man auch Digitalsozialismus nennen könnte). Denn die Plattformen sind ja an sich eine gute Idee, sogar Amazon und Uber und Ebay, und was es sonst noch so gibt, was die Bequemlichkeit verspricht, alles vom heimischen Laptop aus erledigen zu können. Deshalb taucht hier und da schonmal die Idee auf, diese Services als hoheitliche Aufgabe zu betrachten, und sie konsequent auf das Allgemeinwohl zu verpflichten, statt auf private Gewinne. Das hieße: sie verstaatlichen.

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Bundesliga mit Tore-Limit

Angenommen, man stellt fest, dass Tore, die in der Fußballbundesliga geschossen werden, die Umwelt belasten. Man kann ausrechnen, dass in der Saison höchstens sagen wir 150 Tore geschossen werden dürfen, sonst überschreitet das den tolerablen Grenzwert. Wenn zu viele Tore geschossen werden, wird das Klima aufgeheizt, und dann schmelzen die Polkappen, und dem HSV steht bald das Wasser im Stadion bis zum Hals.

Wie kann man also dafür sorgen, dass nicht zu viele Tore geschossen werden, aber die Spiele trotzdem spannend bleiben, und die Mannschaft mit den meisten Toren deutscher Meister wird?

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Arbeitsmittel und ihre ökonomischen Epochen

Worum geht es in der Geschichte, einmal mit einem Horizont von vielleicht 10.000 Jahren betrachtet, also von den ersten Werkzeug benutzenden Kulturen des „tool making animal“, bis heute? Wie, welchen Fortschrittskriterien folgend, und wodurch ändern sich die Epochen?

Das ist das Resümee meines Buches „Die Große Digitalmaschinerie“.

Arbeitsmittel und ihre Epochen

Von den Moden zum Trend

Auf der Tagung Wirtschaftsinformatik ’95 hielt der Begründer des Studienfaches Wirtschaftsinformatik in Deutschland, Professor Peter Mertens, seinen Hauptvortrag „Wirtschaftsinformatik – Von den Moden zum Trend“. Es tat dies in der Absicht, seiner jungen Wissenschaft ihre „langfristigen“ und im Zeitverlauf unveränderlichen, bleibenden Ziele zu weisen.

Er begründete dies so: „Idealerweise würde sich eine Disziplin auf einem geraden Fortschrittspfad in Richtung eines (…) Langfristzieles bewegen.“ Mäandernde Entwicklungen, die einem Trial-and-Error-Pfad folgen, seien also zu vermeiden. Dann stellt er fest, dass es in der Wirtschaftsinformatik seiner Zeit zu mäandernden Entwicklungen gekommen war; die Wissenschaft war also kurzfristigen „Moden“ gefolgt, und hatte dadurch Zeit und Ressourcen verschwendet.

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Der Sechste Kondratieff

Es klingt wie ein Adelstitel, der 6. Earl of Douglas, oder der 9. Duke of Wellington. Der 6. Kondratieff… und wie heiß wird er ersehnt! Dass er doch bald herab kommen möge zu uns, die Welt aus ihrem Schmerz zu erlösen, ja aus bitterster Not, hat sie den Tod durch Hunger und Durst doch schon nahe vor Augen… Denn es mangelt ihr an dem Nötigsten, an ihrem Lebenselixier, die Kammern und Reservoirs sind leer, es finden sich keine neuen, die man erschließen könnte, es ist eine wahres Grauen, denn was ihr so bitter nötig fehlt, hat auf dieser großen gottverlassenen Welt niemand mehr: es ist – etwas, das fehlt.

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BWL contra VWL

Wenn etwas betriebswirtschaftlich richtig ist, ist es volkswirtschaftlich oft falsch, und anders herum.

Eine private Rentenversicherung zum Beispiel mag betriebswirtschaftlich richtig sein. Menschen sparen jeder für sich, ganz privat, Geld an, und sorgen so für das Alter vor. Da Versicherungsgesellschaften sich damit auskennen, sammeln sie das Geld von vielen Sparern ein, und legen es gewinnbringend an, so dass jeder einzelne Sparer am Ende mehr zurück erhält, als wenn er sein Geld einfach in die Sparbüchse steckte. Und er erhält auch noch eine Rentengarantie, das heißt die private Rentenversicherung verspricht eine lebenslange Rentenzahlung, und geht das Risiko ein, einen Verlust zu erwirtschaften, wenn die zugesagte Rente zu hoch ist oder der Rentenbezieher länger lebt als kalkuliert.

Wenn sie scharf kalkuliert, und das Geld der – möglichst vielen – Sparer gut anlegt, können Versicherung und Sparer damit gut fahren.

Aber diese Wahrscheinlichkeit, dass das Geld gewinnbringend angelegt werden kann, nimmt ab, je reicher die Volkswirtschaften schon geworden sind. Und das ist es, was in den letzten 70 Jahren geschehen ist, und was die reichen Volkswirtschaften seit mindestens zwei Jahrzehnten nun immer deutlicher vor Augen haben.

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