Reichtum ohne Geld

Das Buch ist ja nicht mehr ganz neu, aber ich habe es jetzt erst gelesen: Reichtum ohne Gier, von Sahra Wagenknecht.

Ich bin nicht wenig enttäuscht. Sie ist promovierte Volkswirtin? Und hat früher einmal stolz verkündet, Marxistin zu sein? Sie hat, wie mir scheint, weder die „Bastardökonomie“ von heute, also das, was aus der früheren produktiven Marktwirtschaft geworden ist, verstanden, noch das, was Marx über diese Wirtschaft, ihre Vergangenheit und ihre Zukunft denken würde.

Es fängt eigentlich schon mit dem Titel an, und ich habe es geahnt, dachte aber, das sei nur wegen der schlafenden Käuferschicht, die man ja immer an ihren primitiveren Instinkten packen muss, um ihr Interesse zu wecken. Nein, sie glaubt tatsächlich, die Wirtschaft habe nur ihre Tugend verloren, und nun müssen man mit echten Unternehmern und Gemeinwohlbanken vom Feudalkapitalismus zur „modernen Wirtschaftsordnung“ der Marktwirtschaft zurückkehren. So entstehe dann Reichtum ohne Gier.

Na da hätte sie vielleicht doch besser Marxistin bleiben sollen.

Marx hätte ihr erstens gut erklären können, dass die Motivlagen einzelner Individuen kaum eine Rolle spielen, und im analytischen Zugriff auf die unterliegenden Strömungen, Regularien und Tendenzen der wirtschaftlichen Entwicklung, die es zu entschlüsseln gilt, gar keine Rolle spielen dürfen. Es kommt nicht darauf an, moralische Bewertungen vorzunehmen und Wirtschaftshandeln nach moralischen Kriterien zu bemessen, um dann Perspektiven wirtschaftlicher Entwicklung mit moralischen Appellen zu verwechseln. Und zweitens hätte er ihr erklären können, welche Rolle die „Mittel zur Bearbeitung des Naturstoffs“, das vorhandene Niveau der Technologie für die Epoche spielen, der sie zur Verfügung steht. Davon hat sie offenbar überhaupt nichts verstanden, und dass die „moderne Wirtschaftsordnung“, die ehemalige Marktwirtschaft, seit mindestens 30 Jahren an Überproduktivität leidet, genau so wenig.

Wie soll sie dann verstehen, wie es vor sich geht, dass dieser überproduktive Kapitalismus genau die „Mittel zur Bearbeitung des Naturstoffs“ hervorbringt, die der folgenden Epoche dann ermöglichen, ohne Wachstum und ohne das Produzieren von (überflüssigen) Gütern um die Wette zu leben?

Ob sie schon von diesem Phänomen gehört hat, von dem Hans-Jürgen Jakobs berichtet, von dem „Phänomen des ‚dry powder‘, wie das in der Branche heißt: Es sind genügend Finanzmittel vorhanden, das Pulver ist trocken, aber es fehlt an Chancen, das Geld auch wieder gut zu investieren. Allein Blackstone, der Marktführer im alternativen Finanzgeschäft, hat an die 100 Milliarden Dollar Trockenpulver.“

Hat sie sich das mal angeschaut, wie sich die alte Deutschland-AG verändert hat? Und vom wem jetzt die Deutschland-AG beherrscht wird?

Da hofft sie auf Kapitalneutralisierung? Auf Stiftungsuntermehmen? Auf Mitarbeitergesellschaften?

Absolut richtig ist die Intention, dass Eigentum nur noch durch eigene Arbeit von Personen entstehen soll, und nicht als Kapitalertrag, als leistungsloses Einkommen innerhalb feudaler Besitzstrukturen. Aber sie versteht überhaupt nicht die Rolle des Sachkapitals – der „Maschinerie“ – bei der Erzeugung der Werte, die dann als leistungsloses Einkommen einem „Feudalherren“, oder, wie es im Neo-Kapitalismus der Finanzinvestoren richtiger heißen muss, einem der „Top-Investoren“ als Aktiendividende zufließen. Dann kann sie auch nicht die Potentiale verstehen, die sich aus der Wandlung der inneren Struktur dieser Maschinerie ergeben, die es nämlich zum ersten Mal in der Geschichte möglich machen, auf die Allokation von Gütern über Märkte zu verzichten, und damit auch diese Kapitalerträge, die anderen – den „Feudalherren“ – dann als leistungsloses Einkommen zufließen, gar nicht erst entstehen zu lassen.

Sie versteht überhaupt nicht, dass dieser kleine unscheinbare 3D-Drucker im Haushalt, über den sie sich lustig macht, ein erstes Vorscheinen so einer industriellen Struktur ist, bei der Güter direkt aus der Produktion in der Hand des (ideellen) Produzenten in die Hand des Konsumenten übergehen, ohne ihren Weg über den Markt gegangen zu sein: weil Produzent und Konsument nämlich identisch sind. Im Falle des 3D-Druckers im Haushalt heißt das nichts anderes, als dass der Haushalt in sein eigenes Sachkapital investiert. Im Falle einer Volkswirtschaft ist das letzten Endes das Gleiche, wenn auch um Einiges komplizierter, und zwar sowohl komplizierter zu realisieren, als auch komplizierter zu verstehen.

Nehmen wir das Beispiel des Möbelbaus. Nehmen wir gleich das Beispiel des Möbelhauses Ikea, das sich heute im Besitz einer Stiftung befindet. Was wäre der Vorschlag von Frau Wagenknecht – die Stiftung in eine Gemeinwohlgesellschaft umzuwandeln? Welche Ziele würde die dann verfolgen?

Bevor man sich der Frage zuwendet, welche Folgen eine Änderung der Form des Eigentums haben könnte, kann man sich gleich anschauen, wie ein großes Unternehmen wie das Haus Ikea arbeiten muss, um handlungsfähig zu bleiben, zu überleben und Gewinne zu machen. Es muss, um seine erreichte Marktposition in einem stark konsolidierten, kaum mehr wachsenden Markt zu halten, sehr kosteneffizient arbeiten, und attraktive Produkte anbieten. Die Attraktivität der Produkte ist das Resultat der Möbeldesigner von Ikea, die deshalb auch eine eigene Firma innerhalb des Konzern geworden sind. Die Kosten werden niedrig gehalten durch eine hocheffiziente und sparsame Fertigung, die deshalb mehr und mehr in Billiglohnländer ausgelagert worden ist, früher in die DDR, und später, nach dem Zerfall des Ostblocks, in andere dortige Länder mit sehr niedrigem Lohnniveau.

Was wäre jetzt der Vorschlag von Frau Wagenknecht? Was würde die Veränderung der Eigentumsform bewirken können?

Unterstellen wir einmal, es gäbe gar keine Billiglohnländer. So etwas ist in ökonomischen Betrachtungen ein Sonderfall, ein Sondereinfluss, als Ergebnis besonderer Umstände. Im Normalfall entwickeln sich Lohnniveau und technischer Fortschritt in einem aufeinander abgestimmten und entsprechenden Verhältnis. Um die Preise ninimal zu halten, kommt in der Regel immer nur die technische Arbeitsunterstüzung in Frage, wodurch die Produktivität der einzelnen Arbeitsstunde erhöht werden kann. Wenn man nun den Zugriff der Investoren auf die Produktion zur Rentenextraktion verhindern will, kann man das. den Zugriff, per Veränderung der Eigentumsform verbieten, und das Unternehmen irgendwie gemeinwirtschaftlich werden lassen, unabhängig von der Frage, wie genau das zu bewerkstelligen sein könnte.

Nun gehört das Unternehmen irgendwem, der nicht das Kapital in Person ist, sondern vielleicht den Beschäftigten selber, oder niemandem, und es wird irgendwie von einer öffentlchen Hand verwaltet. Aber die Beschäftigten sind trotzdem weiter davon abhängig, dass das Unternehmen in der Lage ist, ihre Löhne zu bezahlen. Eine Überlebensgarantie hat das Unternehmen so aber auch nicht, es muss also weiter kostengünstig arbeiten, und attraktive Produkte anbieten. Wie geht es also mit dem technischen Fortschritt um? Es wird, falls die Nachfrage nicht gesteigert werden kann, Mitarbeiter entlassen müssen. Oder, wie war das gedacht von Frau Wagenknecht? Auf den technischen Fortschritt gibt sie eigentlich gar keine spezifische Antwort.

Jedenfalls, nur mit Änderung der Eigentumsform wird man möglicherweise nicht sehr weit kommen können.

Welche Möglichkeiten bieten aber die neuen digitalen Technologien, von denen Frau Wagenknecht nur den kleinen 3D-Drucker im Haushalt hat ihrer Aufmerksamkeit zuführen können? Diese digitalen Technologien bieten die Möglichkeit, die Fertigung der Möbel, getrennt von der Fertigung der Designs, zu vergesellschaften; das könnte ein öffentliches, gemeinnütziges Unternehmen sein oder werden, das diese Aufgabe übernimmt. Das würde keine Gewinne erwirtschaften müssen, sondern müsste nur kostendeckend arbeiten. Es würde die Entwürfe der Designabteilung, die die Möbeldesiger entworfen haben, in digitaler Form, in reale Möbelstücke umsetzen. Die einzelnen Stätte der Fertigung könnten, als dezentrale kleine Einheiten, nahe am Ort des Konsums platziert sein, während die Designer irgendwo sitzen und ihre Designs entwickeln, und sie in digitaler Form um die Welt verschicken.

Diese einzelnen Fertiger wären im Verhältnis zueinander keine Wettbewerber, sondern könnten ihre Kapazitäten im gegenseitigen Verkehr anpassen und ausgleichen, das könnte also von zentraler Stelle koordiniert werden. Um den technischen Fortschritt müssten sie sich kümmern und könnte ihn extern zukaufen, um die Kosten minimal zu halten. Es wären Betriebe, vielleicht wie ein technisch anspruchsvolles öffentliches Unternehmen, das vielleicht ein Kraftwerk betreibt. Vielleicht würden sie eng mit Universitäten zusammenarbeiten, und wissenschaftliche Unterstützung erhalten.

Jedenfalls geschähe die Wertschöpfung, die auf die Fertigung entfällt, so in öffentlicher Hand; die Produkte, die so entstandenen Möbel, kämen also aus öffentlicher Hand, und gingen in private Verbraucherhand. Wenn auch nicht direkt, aber indirekt wären die Verbraucher auf diese Weise Konsumenten ihrer eigenen Erzeugnisse.

Dennoch wäre der Betrieb, der die Fertigung der Möbel übernimmt, nicht in der gleichen Weise dem Markt- und Wettbewerbsdruck ausgesetzt, wie wenn er es wäre, wenn er ein reines Möbelhaus wäre, wenn auch in Belegschaftshand. Der Fertiger wäre eine reine Fertigungsmaschinerie, die alles Mögliche fertigen kann, auch Designs von anderen Möbeldesignern, oder vielleicht auch ganz andere Produkte.

So etwas ist noch niemals vorher möglich gewesen, und ist erst möglich durch die digitale Fabrikation, durch die Entkopplung von Fertigung und Design. Das entgeht Frau Wagenknecht komplett.

Frau Wagenknecht war also einmal Marxistin. Er, Marx, und auch ein anderer Ökonom nach ihm, Joseph A. Schumpeter, haben den technischen Fortschritt für essentiell gehalten in der Erklärung des Wandels der Epochen. Schumpeter hat eine „Vollkommenheit“ der Produktionsmittel und einen hohen Grad von Sättigung der Bedürfnisse für die Voraussetzung gehalten, nach dem Kapitalismus eine nächste, höhere Phase der gesellschaftlichen Ordnung zu erreichen. Weder die Rolle und die Wirkungen der Sättigung, nämlich eben den Investitionsstau, die Sparflut, den Hunger der globalen Kapitalmassen nach Rendite, noch die Rolle und die Wirkungen des technischen Fortschritts, und erst recht nicht seine Potenziale, nachdem er sich eben unter dem Einfluss dieser Erscheinungen des reifen Spätkapitalismus gewandelt hat, hat sie verstanden.

Das ist schade! Es wäre schön, wenn sie es verstünde, denn kann könnte sie vielleicht helfen, es auch anderen verständlich zu machen!

Und darauf kommt es ja schließlich an, dass alle anderen das verstehen. Wir haben ja jetzt nicht mehr so viel Zeit.

Elitenverwahrlosung, Nullzinsen und die neue Sicherheitsstrategie

In seinem Handelsblatt Morning-Briefing vom 30.01. schildert Gabor Steingart die haarsträubenden Hintergründe dieser neuesten Dimension des VW-Abgasskandals, des „Diesel-Gates“. VW hat an Tier- und zeitweilig sogar an Menschenversuchen die Gefährlichkeit der Abgasbelastung von Dieselabgasen testen lassen. Dem Dieseluntersuchungsausschuss des Deutschen Bundestages lagen Berichte darüber vor, und dem ist es egal. Albrecht Müller von den Nachdenkseiten teilt Steingarts Empörung: „Der Herausgeber des Handelsblatts hat den Nagel auf den Kopf getroffen: Er nennt die Tests der Abgasbelastung an Affen und die damit einhergehende Kommentierung bzw. Ignoranz bei Wissenschaftlern, Wirtschaftsführern und Politikern eine Elitenverwahrlosung.“

Vor einigen Jahren erschien Steingarts Buch mit dem schönen Titel „Bastardökonomie“, das sein Verlag mit folgenden Worten ankündigt: „Nach der Krise ist vor der Krise. Vor einem staunenden Publikum türmen sich die Milliarden zu Billionen: Wer soll das bezahlen, wer hat so viel Geld? Kaum jemand kann noch verstehen, was mit unserer Wirtschaft los ist. Es geht uns gut, aber wir sind besorgt. Wir exportieren fleißig, aber die Verschuldung steigt. Wir helfen in Südeuropa, doch die Lage spitzt sich weiter zu. Wir tanzen in den Tempeln des Konsums und wissen längst, dass es so nicht weitergehen kann.“

Was ist mit unserer Wirtschaft, und was ist mit unseren Eliten los?

Was ist mit unserer Wirtschaft los – wir überschütten uns gegenseitig mit den Erzeugnissen unserer fleissig arbeitenden Ökonomien, und hoffen sie losschlagen zu können. Grosse Empörung löste die Idee Donald Trumps aus, die amerikanische Wirtschaft abschotten zu wollen, damit sich nicht Elendsbilder wie verfallende Stadtteile und Hochhäuser in Detriot, oder Zeltstädte in Los Angeles in Amerika ausbreiten. Das ist Protektionismus! Amerika soll doch einfach selber bessere Autos bauen. Dann sieht man die Elendsbilder woanders.

US-Konzerne, denen es nicht so schlecht geht, lagern ihr Geld lieber im Ausland, wie zum Beispiel Apple. Apples Geldreserven betrugen Ende September 268,9 Milliarden Dollar. Davon lagerten 94 Prozent außerhalb der USA, schrieb der FOCUS im Januar. Man muss ihnen großzügige Steuergeschenke machen, um sie dazu zu bewegen, doch wenigstens einen Teil dieses Geldes dem „Homeland“, den eigenen notleidenden Landsleuten zur Verfügung stellen, statt es weiter vollkommen ungenutzt aus Offshore-Konten liegen zu lassen. Was ist mit unseren Eliten los? „Elitenverwahrlosung, Nullzinsen und die neue Sicherheitsstrategie“ weiterlesen