Der Sechste Kondratieff

Es klingt wie ein Adelstitel, der 6. Earl of Douglas, oder der 9. Duke of Wellington. Der 6. Kondratieff… und wie heiß wird er ersehnt! Dass er doch bald herab kommen möge zu uns, die Welt aus ihrem Schmerz zu erlösen, ja aus bitterster Not, hat sie den Tod durch Hunger und Durst doch schon nahe vor Augen… Denn es mangelt ihr an dem Nötigsten, an ihrem Lebenselixier, die Kammern und Reservoirs sind leer, es finden sich keine neuen, die man erschließen könnte, es ist eine wahres Grauen, denn was ihr so bitter nötig fehlt, hat auf dieser großen gottverlassenen Welt niemand mehr: es ist – etwas, das fehlt.

Aber ohne etwas, das fehlt, das wirklich Vielen fehlt, das alle an ihre Sparschweine stürmen lässt, um sie zu schlachten, oder an die Bankschalter, um einen Kleinkredit aufzunehmen, und das darum die Investoren jubeln lässt – gibt es kein Wachstum! Das ist doch das Lebenselixier dieser renditehungrigen Welt, und er, der 6. Kondratieff, der lange Verheißene, wird es ihr bringen. Wachstum! Hosianna!

Was hat man sich alles schon ausgedacht, was den 6. Kondratieff auslöst, und was er mit sich bringt. Ein Öko-Kondratieff! Ein Bio-Kondratieff! Ein Nano-Kondratieff! Ein Ganzheitliche-Gesundheit-Kondratieff!

Eine groß angelegte Trend-Analyse der „Allianz“ aus 2010 etwa fragte: „Markiert die Finanzkrise vielleicht die Geburt eines neuen 6. Wohlstandszyklus? Sind vielleicht die Bereiche Umwelt, Biotechnologie und Gesundheit die ökonomischen Kraftquellen von morgen? Können sie uns zurück auf einen nachhaltigen Wachstumspfad führen?“

Na bitte – Gesundheit! Ein ganz neues Produkt, und ein vorher nie gekanntes Bedürfnis. Oder das Wissen, auch ein ganz neuartiges Produkt, das vielen gänzlich unbekannt geblieben war, und das nun ein intensives Verlangen auslöst: „Der Weg der Industriestaaten hin zu einer Wissensökonomie scheint bereits vorgezeichnet. Es ist daher wahrscheinlich, dass von ihnen auch der 6. Kondratieffzyklus ausgehen wird.“ Ein Wissensökonomie! Das muss ja einen explosiven Wachstumsschub auslösen, waren doch alle Ökonomien bisher Unwissensökonomien.

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BWL contra VWL

Wenn etwas betriebswirtschaftlich richtig ist, ist es volkswirtschaftlich oft falsch, und anders herum.

Eine private Rentenversicherung zum Beispiel mag betriebswirtschaftlich richtig sein. Menschen sparen jeder für sich, ganz privat, Geld an, und sorgen so für das Alter vor. Da Versicherungsgesellschaften sich damit auskennen, sammeln sie das Geld von vielen Sparern ein, und legen es gewinnbringend an, so dass jeder einzelne Sparer am Ende mehr zurück erhält, als wenn er sein Geld einfach in die Sparbüchse steckte. Und er erhält auch noch eine Rentengarantie, das heißt die private Rentenversicherung verspricht eine lebenslange Rentenzahlung, und geht das Risiko ein, einen Verlust zu erwirtschaften, wenn die zugesagte Rente zu hoch ist oder der Rentenbezieher länger lebt als kalkuliert.

Wenn sie scharf kalkuliert, und das Geld der – möglichst vielen – Sparer gut anlegt, können Versicherung und Sparer damit gut fahren.

Aber diese Wahrscheinlichkeit, dass das Geld gewinnbringend angelegt werden kann, nimmt ab, je reicher die Volkswirtschaften schon geworden sind. Und das ist es, was in den letzten 70 Jahren geschehen ist, und was die reichen Volkswirtschaften seit mindestens zwei Jahrzehnten nun immer deutlicher vor Augen haben.

Es ist im Grunde eine einfache Rechnung: es kommt auf das Verhältnis zwischen dem gesamten angesammelten Sparvermögen, und dem Bruttoinlandsprodukt einer Volkswirtschaft an. Wenn das Sparvermögen zu groß wird, kann die gesamte volkswirtschaftliche Leistung die kalkulierten Renditen der vielen Sparer nicht mehr erwirtschaften.

Man muss sich einmal folgende Zahlen vor Augen führen: 1990 betrug das Weltfinanzvermögen 56 Billionen US Dollar, und das Welt-BIP 23 Billionen US-Dollar. Das Verhältnis lag also etwa bei 1 : 2.4, und das Finanzvermögen war damit gut doppelt so groß wie das BIP. 2015 aber war das Weltfinanzvernögen auf 267 Billionen US-Dollar angewachsen, das Welt-BIP aber nur auf 73 Billionen US-Dollar. Das Verhältnis lag nun bei 1 : 3.66, schon fast dem Vierfachen des BIP. Und wenn man sich die Verhältnisse in einzelnen reichen Staaten anschaut, wird das alles viel krasser und extremer. Etwa das Buch „Wem gehört die Welt“ von Hans-Jürgen Jakobs, lange Zeit Leiter der Wirtschaftsredaktion der Süddeutschen Zeitung und später Chefredakteur des Handelsblatt, ist hier ein Augenöffner.

An dem Punkt wird das, was betriebswirtschaftlich richtig ist, aus einer gesamtvolkswirtschaftlichen Sicht immer falscher, je weiter das Verhältnis zwischen Sparvermögen und BIP sich auseinanderentwickelt.

Richtiger wäre dann, was die Renten angeht, eine gesetzliche Rentenversicherung nach dem Umlageprinzip, wie es vor der Privatisierungswelle ja üblich war. Die eine junge Generation bezahlt der anderen älteren Generation ihre Renten. Dann spielen Renditen und Verzinsung und der Kapitalmarkt überhaupt keine Rolle. Es darf sich nur die Zahl der Rentenbezieher und der Einzahler nicht zu sehr auseinanderentwickeln.

Das allerdings wird mit zunehmendem Verschwinden der Vollzeitarbeitsplätze auch immer mehr der Fall sein. Was dann?

Auch mit Blick auf die Verteilung der Beschäftigung in einer Volkswirtschaft ist es so: was betriebswirtschaftlich richtig ist, ist volkswirtschaftlich gesehen falsch. Jeder einzelne Betrieb sichert seine Existenz und damit die Arbeitsplätze seiner Beschäftigten, indem er ein gutes Ergebnis erzielt. Das Ergebnis ist die Zahl, die in der Gewinn- und Verlustrechnung unten steht. Wenn die Einnahmen höher sind als die Ausgaben eines Jahres, dann steht unten eine schwarze Zahl. Wenn der Betrieb auf hohes Interesse trifft bei seinen Kunden, kann er seine Tätigkeit ausweiten, Mitarbeiter einstellen und, wenn er sonst alles richtig macht, seinen Gewinn steigern.

Bleibt die Nachfrage konstant, weil die Konkurrenz ja auch noch da ist und nicht schläft, wird der Betrieb schauen, wo er Kosten sparen kann. Oft fällt der Blick dann eben auf die Beschäftigten, die das meiste Geld kosten. Wenn möglich, werden welche entlassen, oder keine neuen eingestellt, wenn welche gehen.

Je mehr die Wirtschaft insgesamt schon reich und wohlhabend ist, kommt es nun mehr und mehr zu einem ganz typischen Geschehen in der Volkswirtschaft: es kommt zu Firmenkonzentrationen, zu Druck auf die Löhne und die Beschäftigung, und auf die Politik, den Unternehmen das Leben zu erleichtern, indem die Steuern gesenkt werden und die Gesetzgebung gelockert. Es wird immer mehr das getan, das betriebswirtschaftlich richtig, aber volkswirtschaftlich falsch ist.

Aus volkswirtschaftlicher Sicht müsste der Staat eigentlich immer mehr eingreifen und regulieren; dafür sorgen dass die Arbeitsplätze möglichst gleichmäßig verteilt werden, gegen Firmenkonzentrationen vorgehen, die Steuern eher erhöhen als senken, um sich die Möglichkeit des Eingreifens zu schaffen und zu erhalten. Die Staatsquote müsste eher erhöht werden, als gesenkt.

Da aber die gesamte Wirtschaft in diesen „schlechten“ Zeiten – die eigentlich „gute“ Zeiten sind, an der Höhe des erreichten Wohlstands gemessen – immer mehr von den Unternehmen abhängt, die die Menschen beschäftigen und den „Kuchen“ erwirtschaften, den es zu verteilen gilt, bekommen die Unternehmen und deren Interessenvertreter immer mehr Macht.

So kommt es zu der Polarisierung, die wir nun immer mehr beobachten. Die Sicht aus betriebswirtschaftlicher Perspektive wird immer radikaler, und die Sicht aus volkswirtschaftlicher Perspektive wird es auch. Wenn sich die Partner der neu geschmiedeten Großen Koalition endlich zusammenfinden zu einem Kompromiss zwischen der betriebswirtschaftlichen Sicht (eher CDU) und der volkswirtschaftlichen Sicht (eher SPD), sind die „Radikalen“ aus beiden Lagern unzufrieden.

Und diese Polarisierung zwischen zwei Sichten, die eigentlich beide richtig sind, nimmt immer mehr zu, je weiter der geschaffene Reichtum der Volkswirtschaften anwächst, und je mehr die Frage im Vordergrund steht, wie denn nun noch neue Bedürfnisse und neue Beschäftigung geschaffen werden können.

Genau genommen ist natürlich die volkswirtschaftliche Sicht die richtigere, denn das Verhalten aus der betriebswirtschaftlichen Sicht führt am Ende dazu, dass die Wirtschaft kollabiert. Leider kann die volkswirtschaftliche Sicht sich eben immer schlechter durchsetzen.

Aus betriebswirtschaftlicher Sicht ist es richtig, Aktien zu kaufen, so lange die Kurse steigen. Wenn das alle tun, steigen die Kurse auch, aber immer nur so lange, bis die Blase platzt. Wenn immer alle das tun, was betriebswirtschaftlich richtig ist, kommt es am Ende zum grandiosen Kapitalkollaps. All dies wird immer extremer und immer schwerer zu bändigen und zu regulieren und zu kontrollieren, je größer der Reichtum schon geworden ist, je gigantischer die Vermögen angeschwollen sind, je stärker die Spitzeneinkommen der Topmanager und die Durchschnittslöhne auseinanderklaffen, und je mehr die Arbeitsplätze schwinden und unsicherer werden.

Was kann man tun?

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Das intelligente Unternehmen

Das Walldorfer Softwarehaus SAP gehört zu den wichtigsten Lieferanten für Unternehmenssoftware weltweit; etwa 80 Prozent des weltweiten BIP werden über Transaktionen von SAP-Systemen abgewickelt. Seit seiner Gründung 1972 ist es das Ziel seiner Software-Entwickler, die in einem Unternehmen notwendigen Abläufe und Transaktionen effizient zu unterstützen, und den Mitarbeitern dadurch ihre Arbeit zu erleichtern. Zunächst war es eine Finanzbuchhaltung, die die SAP-Gründer entwickelten, und die so intelligent angelegt war, dass Unternehmen sie individuell an ihre spezifischen Belange anpassen konnten, ohne jedoch die zuverlässigen Programme, die die jeweiligen Funktionen ausführten, zu verändern. Das war die Geburt der „Standard-Software“, die dazu führte, dass in Tausenden von Unternehmen die alten COBOL-Programme ausgemistet wurden, die jedes Unternehmen sich individuell hatte entwickeln lassen, und damit das Rad immer wieder neu erfinden musste, das andere längst erfunden hatten, und das sich dadurch abhängig machte von seiner Entwickler-Mannschaft, die als einzige dann in der Lage waren, die von ihnen selber entwickelten Programme zu pflegen und zu warten.

Darum kam dann die Ära der Standard-Software, und bescherte demjenigen Unternehmen, das die beste, solideste, am weitesten durchdachte und schnellste Standard-Software anbot, Jahre von stürmischem Wachstum. Dieses Unternehmen war bald ganz unangefochten das Haus SAP. Nach der Finanzbuchhaltung kamen immer weitere Module dazu, bis alle Unternehmensbereiche abgedeckt waren; es kam spezielle Software für produzierende Industrieunternehmen, für Banken, für Energieunternehmen, für Krankenhäuser, für Dienstleister und Behörden und für den öffentlichen Dienst.

Nach dem Aufkommen des Internet kam die Standardisierung der zwischenbetrieblichen Abläufe dazu, und die Kommunikation zwischen Kunden und Anbietern wurde erfasst und mit Software unterstützt. Die IT-Systeme der Unternehmen wurden größer und größer, genauso wie die Datenmengen, aber auch die Heere der Unternehmensberater, die damit beschäftigt waren, die jeweils neueste Generation von Software in den Unternehmen zu installieren und in Betrieb zu nehmen. Das Haus SAP wuchs von den anfänglich fünf Gründern auf nun rund 85.000 Beschäftigte weltweit.

Warum kaufen Unternehmen diese Software? Um damit Geld zu verdienen. Sie wollen entweder dadurch Personal einsparen, oder ihre Leistung verbessern, also für Kunden attraktiver machen, so dass diese bereit sind, dafür mehr Geld auszugeben. Das Prinzip bleibt immer gleich: sie wollen ihre Umsatzrentabilität verbessern, also pro eingesetztem Euro oder Dollar eine bessere Rendite erzielen. Am Ende sind es einige wenige nackte Zahlen, auf die die CEOs schauen, die Kapitaleigner und die Investoren. Am Ende entscheiden die Bilanzen.

Was tut aber ein Unternehmen, wenn sich durch Software seine Leistung nicht mehr wesentlich verbessern lässt? Und was tut ein Software-Hersteller wie SAP, wenn ihm die Ideen ausgehn, wie es seine Software noch attraktiver machen kann, so dass es seine 85.000 Beschäftigten weiter beschäftigen kann? Hier tun sich in der Tat, nach bald 50 Jahren erfolgreicher und sehr innovativer Software-Produktion, Schwierigkeiten auf.

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Elitenverwahrlosung, Nullzinsen und die neue Sicherheitsstrategie

In seinem Handelsblatt Morning-Briefing vom 30.01. schildert Gabor Steingart die haarsträubenden Hintergründe dieser neuesten Dimension des VW-Abgasskandals, des „Diesel-Gates“. VW hat an Tier- und zeitweilig sogar an Menschenversuchen die Gefährlichkeit der Abgasbelastung von Dieselabgasen testen lassen. Dem Dieseluntersuchungsausschuss des Deutschen Bundestages lagen Berichte darüber vor, und dem ist es egal. Albrecht Müller von den Nachdenkseiten teilt Steingarts Empörung: „Der Herausgeber des Handelsblatts hat den Nagel auf den Kopf getroffen: Er nennt die Tests der Abgasbelastung an Affen und die damit einhergehende Kommentierung bzw. Ignoranz bei Wissenschaftlern, Wirtschaftsführern und Politikern eine Elitenverwahrlosung.“

Vor einigen Jahren erschien Steingarts Buch mit dem schönen Titel „Bastardökonomie“, das sein Verlag mit folgenden Worten ankündigt: „Nach der Krise ist vor der Krise. Vor einem staunenden Publikum türmen sich die Milliarden zu Billionen: Wer soll das bezahlen, wer hat so viel Geld? Kaum jemand kann noch verstehen, was mit unserer Wirtschaft los ist. Es geht uns gut, aber wir sind besorgt. Wir exportieren fleißig, aber die Verschuldung steigt. Wir helfen in Südeuropa, doch die Lage spitzt sich weiter zu. Wir tanzen in den Tempeln des Konsums und wissen längst, dass es so nicht weitergehen kann.“

Was ist mit unserer Wirtschaft, und was ist mit unseren Eliten los?

Was ist mit unserer Wirtschaft los – wir überschütten uns gegenseitig mit den Erzeugnissen unserer fleissig arbeitenden Ökonomien, und hoffen sie losschlagen zu können. Grosse Empörung löste die Idee Donald Trumps aus, die amerikanische Wirtschaft abschotten zu wollen, damit sich nicht Elendsbilder wie verfallende Stadtteile und Hochhäuser in Detriot, oder Zeltstädte in Los Angeles in Amerika ausbreiten. Das ist Protektionismus! Amerika soll doch einfach selber bessere Autos bauen. Dann sieht man die Elendsbilder woanders.

US-Konzerne, denen es nicht so schlecht geht, lagern ihr Geld lieber im Ausland, wie zum Beispiel Apple. Apples Geldreserven betrugen Ende September 268,9 Milliarden Dollar. Davon lagerten 94 Prozent außerhalb der USA, schrieb der FOCUS im Januar. Man muss ihnen großzügige Steuergeschenke machen, um sie dazu zu bewegen, doch wenigstens einen Teil dieses Geldes dem „Homeland“, den eigenen notleidenden Landsleuten zur Verfügung stellen, statt es weiter vollkommen ungenutzt aus Offshore-Konten liegen zu lassen. Was ist mit unseren Eliten los? „Elitenverwahrlosung, Nullzinsen und die neue Sicherheitsstrategie“ weiterlesen

Dschungelcamp, Tittytainment und das BGE

„Egal ob „Dschungelcamp“, „Promi Big Brother“ oder „Germany’s next Topmodel“. Niemand gibt es zu, aber alle schalten ein: Populäre Unterhaltungssendungen räumen regelmäßig mit guten Quoten ab. Warum ist das so?“– fragte die Berliner Zeitung vor einigen Tagen.

Warum ist es so, dass der deutsche Zwangsgebührenzahler mit solchen Trash-Sendungen überschwemmt wird, während die wenigen wichtigen und informativen Hintergrundanalysen in tiefste Nacht verbannt werden, wenn es sie überhaupt noch gibt? Wenn man sich vergegenwärtigt, dass vor über 20 Jahren der – inzwischen verstorbene – ehemalige US-Sicherheitsberater Zbigniew Brzezinski diesen Begriff geprägt hat als Kampfmassnahme, um das dumme Wahlvolk an die Bildschirme fesseln zu können, vor denen sie dumpf und mit allenfalls voyeuristischem Interesse den ekelhaften Höhepunkten dieser Banal-Dramaturgien entgegen fiebern, dann ahnt man, warum das so ist: wie der Medienwissenschaftler Prof. Bernd Gäbler sagt, ist es das Fernsehen, dass die Aufmerksamkeit lenkt: „Es schafft Themen, über die gesprochen wird.“ Irgendjemand in der Konferenz der Programmdirektoren möchte also offenbar, dass über diese Themen gesprochen wird, und nicht über die, von denen unsere Zukunft und die unserer Kinder abhängt.

Harald Schumann brichtete von dieser Idee Brzezinskis in seinem 1996 erschienenen Bestseller „Die Globalisierungsfalle“, mit dem er sich bei seinem damaligen Arbeitgeber Spiegel nachhaltig unbeliebt machte, und schliesslich aus dem ehrenwerten Haus hinaus komplimentiert worden ist. Er berichtete von der imposanten Kulisse, in der sich die Mächtigen der Welt trafen, um zu beratschlagen, wie man das Volk werde ruhig stellen können, wenn einmal die Hälfte der Menschen ihren Job verloren haben wird, weil der technische Fortschritt in dem rasanten Tempo vorangeschritten ist, wie es damals schon hinreichend klar zu sehen war. Und eben das, Tittytainmnt, war Zbigniew Brzezinskis geniale Idee, der die Programmmacher der westlichen Welt offenbar gefolgt sind. Es funktioniert, ganz offensichtlich.

Und heute scheinen die Mächtigen der Welt langsam eine weitere Idee dem Volk schmackhaft machen zu wollen, um es vor dem Fernseher ruhig zu stellen: das bedingungslose „Grundeinkommen“. Seine Verfechter, die es das „emanzipatorische“ Grundeinkommen nennen, sehen das natürlich anders. Für sie ist es eine Massnahme, den Wert der Arbeit neu zu definieren, und dem Menschen ganz neue Seinsdimensionen zu eröffnen. Für die Verfechter in den Chefetagen dürfte eine andere Motivation vorherrschen: wenn den Menschen ein kleines regelmässiges Geld gezahlt wird, werden sie kaum auf die Barrikaden gehn. Wenn man dann noch den Sozialstaat mit all seinen bedarfsabhängigen Leistungen grundlegend umkrempelt und all das abschafft, was den Bedürftigen heute an Leistungen zusteht, wird es am Ende vielleicht sogar noch billiger als das, was wir heute haben. Zu verschenken haben diese Verfechter des Grundeinkommens natürlich nichts.

Was nun?

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Ein Kantischer Wertehorizont (aus: Die Grosse Digitalmaschinerie)

Die Frage, ob es die „bloße Technik“ ist, die die Epochen und die Lebensverhältnisse der Menschen bestimmt, zieht einen ganzen Strom von Fragestellungen nach sich. Wenn die Technik bestimmend ist, sind dann „wir“, die Menschen, also aufgeklärter Wille und informierte Öffentlichkeit oder moderne demokratische Institutionen, sind wir Menschen es dann nicht, die über unser Schicksal bestimmen? Ist unsere Geschichte dann determiniert? Verläuft sie nach einem von uns nicht festgelegten, uns nicht einmal bekannten Plan?

Umgekehrt stellt sich die Frage nach der Qualität, dem Ursprung oder der Gültigkeit des Orientierungswissens, wenn es doch der Mensch selbst sein soll, der in diesem Sinne die Zügel über sein Schicksal in der Hand hat. Wie gewinnen wir dann Gewissheit? Wie wollen wir sicher sein, dass wir nicht vielleicht heute einer Wahrheit oder Meinung unter vielen folgen, die sich morgen schon als Irrtum erweist? Dem Banner des „Sozialismus“ und den Versprechungen des „Arbeiter- und Bauernstaates“ sind Menschen der halben Welt gefolgt, über mehrere Generationen, und offenbar sind sie tragisch gescheitert; sie haben das von ihnen erhoffte Ziel nicht erreicht. Woran sind diese Menschen gescheitert: an mangelnder Technik? Oder waren die Idee, die Werte, die Orientierung „falsch“? War die Idee „richtig“, aber sie scheiterten an der „egoistischen Natur“ des Menschen, an mangelndem Willen oder fehlender sozialistischer Moral? Oder an mangelnden charakterlichen Qualitäten der politischen Führung, die sich durch den Besitz der Macht hat korrumpieren lassen? Woran liegt es umgekehrt, dass sich der Kapitalismus heute offenbar noch immer nicht überwinden lässt? Ist es ebenfalls fehlende „bloße Technik“? Soll er denn überwunden werden? warum? woher gewinnen wir Gewissheit, ob an diesem Kapitalismus etwas falsch ist, was wäre es, und wie ließe es sich gegebenenfalls korrigieren?

Die vorherrschende Wertorientierung des „Westens“ ist jedenfalls klar; der Westen versteht sich heute als „Wertewesten“, und betont bei allen politischen Entscheidungen mit einer gewissen Tragweite die gemeinsame Verwurzelung in einem Wertekanon. Sowohl die Europäische Union als auch die Erweiterungen der NATO finden ihre Legitimation in der Bezugnahme auf diesen Wertekanon, wie er etwa im Artikel 2 des Vertrages von Lissabon formuliert wird: „Die Werte, auf die sich die Union gründet, sind die Achtung der Menschenwürde, Freiheit, Demokratie, Gleichheit, Rechtstaatlichkeit und die Wahrung der Menschenrechte, einschließlich der Rechte der Personen, die Minderheiten angehören. Diese Werte sind allen Mitgliedstaaten in einer Gesellschaft gemeinsam, die sich durch Pluralismus, Nichtdiskriminierung, Toleranz, Gerechtigkeit, Solidarität und die Gleichheit von Frauen und Männern auszeichnet.“

Die Präambel des EU-Vertrages versteht das „kulturelle, religiöse und humanistische Erbe Europas, aus dem sich die unverletzlichen und unveräußerlichen Rechte des Menschen sowie Freiheit, Demokratie, Gleichheit und Rechtsstaatlichkeit als universelle Werte entwickelt haben“, als eine der Kraftquellen, aus der normative Kraft beim Beschluss zur Gründung der Europäischen Union zu schöpfen war.

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Alternative nur im Nirgendwo?

Heiner Flassbeck wirft der Linken (der Partei) und den Linken (als Strömung) vor, sie wisse nicht, wo sie hin will: will sie das System (den Kapitalismus) verändern, oder will sie ihn überwinden? Und das, diese Unentschlossenheit und Unklarheit habe äusserst fatale Konsequenzen: „Es gelingt dem gesamten konservativen Block einschließlich der AfD, den Eindruck zu erwecken, dass die einzig linke Partei von „linken Spinnern“ durchdrungen ist, die nichts Besseres im Sinn haben, als das „System“ zu überwinden und durch ein Nirwana zu ersetzen, das ungefähr so erfolgreich ist wie die ehemalige DDR.“ Und darum werden nicht sie gewählt, sondern etwa auch, neuerdings, die Afd. „Mit dieser Strategie wird man die Linke noch hundert Jahre bei zehn Prozent halten können. Wenn die Partei nicht begreift, dass die Träume von einem anderen System, das niemand kennt und niemand der großen Mehrheit der Bürger erklären kann, in der Politik nur Schaden anrichten. Denn die große Mehrheit will kein anderes System. Und sie hat damit vollkommen Recht.“

Ist das so? richtig ist, das ein „anderes“ System niemand kennt – wie alles, das eines Tages ganz frisch und neugeboren die Bühne betritt. Aber heisst das, das neue System liegt im Nirwana? und ist so erfolgreich wie die ehemalige DDR?

Was ist denn falsch am Kapitalismus, warum könnte man sich seine Überwindung wünschen? Wünschbar wäre eine Alternative aus vielerlei Gründen, die man durchaus klar benennen kann, und die z. B. Jürgen Habermas vor vielen Jahren als den Konflikt zwischen System und Lebenswelt bezeichnet hat. Der Kapitalismus steuert sich im wesentlichen durch das Medium Geld, nicht durch demokratische, vernunftgeleitete Diskurse. Das ist ein Mangel – allerdings keiner von dem man sagen könnte wie er denn nachhaltig zu beheben sei. Also führt diese Argumentation nur zur Möglichkeit der Zähmung, Kultivierung und politischen Kontrolle – so weit wie möglich.

Aber heisst das, der Kapitalismus lebt ewig? Einer der großen Verteidiger und Bewunderer des Kapitalismus, Joseph Schumpeter, hat bekanntlich die Frage, ob der Kapitalismus weiterleben kann, eindeutig beantwortet: „Nein, meines Erachtens nicht“.

Aber die Gründe, die Schumpeter genannt hat, waren im wesentlichen nicht die, die heute genannt werden, um eine „Überwindung“ des Kapitalismus zu begründen. Schumpeter glaubte, der Kapitalismus habe eines Tages seine geschichtliche Aufgabenstellung erfüllt. Die Aufgabenstellung bestand darin, die Bedürfnisse der Massen zu befriedigen, eines nach dem anderen. Die Menschen sollten nicht mehr unter Not und Mangel leiden wie noch im Feudalismus, wo über 70 Prozent der Bevölkerung auf den Feldern arbeiten mussten, nur um das tägliche Brot zu erwirtschaften, wo ein Buch ein Luxusgegenstand war, und die Kleider, die jemand im Schrank hatte, zu seinem Vermögen gezählt wurden.

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Einleitung (lang)

Die Grosse Digitalmaschinerie

 

Joseph A. Schumpeters Klassiker „Kapitalismus, Sozialismus und Demokratie“ erschien 1942 in englischer Sprache, und 1947 auch in Deutsch, bevor er dann im Laufe der Jahre in mindestens 20 weitere Sprachen übersetzt worden ist. Schumpeter war ein konservativer Ökonom, dessen Begriff von Innovation und wirtschaftlichem Fortschritt als „schöpferische Zerstörung“ und seine emphatische Verehrung der Unternehmerpersönlichkeit als „Führer“ mit „Siegerwillen“ ihm in wirtschaftsfreundlichen Kreisen wesentlich größere Sympathien und höhere Akzeptanz verschafft haben dürften als etwa in linken sozialrevolutionären Milieus. Dennoch stammt von ihm dieser Satz, den Menschen mit postkapitalistischen Hoffnungen und Denkweisen mit ganz anderen Augen und Empfindungen zur Kenntnis genommen haben dürften als „Konservative“: „Kann der Kapitalismus weiterleben? Nein, meines Erachtens nicht.“

Schumpeter hat in diesem Werk seine Auffassung entwickelt und vorgetragen, dass der Kapitalismus sich auf eine ganz natürliche und zwanglose Weise in einen staatlich und zentral gelenkten Sozialismus verwandeln werde. Diese Entwicklung betrachte er aber nicht mit Sympathie oder Antipathie, sondern als unparteiischer Beobachter; er stelle eine Prognose auf der Basis der ihm zur Ver­­fügung stehenden Daten, so wie ein Arzt eine positive oder negative Prognose auf der Grundlage seiner Befunde stelle, ohne sich hierbei durch Sympathie für den einen oder anderen zu erwartenden Ausgang beeinflussen zu lassen.

Bisher hat nun diese Entwicklung – die Transformation des privatwirtschaftlich dominierten Kapitalismus in einen staatlich-öffentlich dominierten Sozialismus – ganz offensichtlich nicht stattgefunden. Allerdings hat die Frage, ob der Kapitalismus weiterleben kann, spätestens mit Hereinbrechen der bislang letzten großen Krise, der sog. Finanz- oder Hypothekenkrise zwischen den Jahren 2007 und 2010 eine ganz neue und wohl nie erlebte Aktualität erhalten. Die Stimmen, die dem Kapitalismus eher geringere Überlebensaussichten bescheinigten, dürften dabei in Anzahl und der Eindeutigkeit und Differenziertheit ihres Urteils diejenigen optimistischen Stimmen überwogen haben, die unverdrossen von einer unerschöpften Regenerationsfähigkeit des Kapitalismus ausgehen, und für die Welt der Börsen, der Konzerne, der Produktivitätssteigerungen, des Wachstums und der Vollbeschäftigung am Horizont kein Ende aufziehen sehen, und die dabei möglicherweise noch nicht einmal die ökologisch verursachten Wolken am Himmel des ewigen Wachstums ihre Stimmung trüben lassen.

Wer allerdings eher geneigt ist, eine Endlichkeit der kapitalistisch geprägten Entwicklung für wahrscheinlich zu halten, ist damit noch nicht unbedingt und in jedem Fall in der Lage oder auch willens[1], einen Nachfolger zu benennen, also die wirtschaftlichen und politischen Umstände anzugeben oder zu umreißen, unter denen jenseits kapitalistischer ökonomischer Prinzipien und Regularien würde gelebt und gearbeitet werden. Dass es allerdings nicht ein Sozialismus – so wie wir ihn kannten – sein wird, in den sich die sozioökonomische Wirklichkeit verwandelt, bezweifelt nach den gemachten Erfahrungen in den realsozialistischen Ökonomien des ehemaligen Ostblocks kaum jemand.

Insofern würde man zu Schumpeters Erwartung nun aus der heutigen Sicht einfach konstatieren müssen, dass er sich in dem Punkt offenbar geirrt hat. Schumpeters Werk hat im Laufe der Jahre wellenförmig an- und wieder absteigende Aufmerksamkeit erfahren, und seine Erwartung eines Abschwächens oder eben sogar Verebbens und Versiegens der kapitalistischen Dynamik und wohlfahrtsteigernden Kraft wurde durchaus geteilt, kaum aber jemals seine Prognose eines Übergleitens in einen staatlich gelenkten Sozialismus.

Inwieweit kann denn nun ein erneuter Blick in Schumpeters Werk und Gedan­ken aus dem ersten Drittel des vergangenen Jahrhunderts dazu beitragen, mög­­li­cherweise Antworten zu finden auf die heute ja noch immer nicht obsoleten und umgekehrt immer mehr drängenden Fragen nach der Zukunft des Kapitalismus, und, wenn diesem tatsächlich über kurz oder lang keine Zukunft beschie­den sein sollte, nach der dann entstehenden oder zu erwartenden Ordnung des wirtschaftlichen, sozialen und politischen Lebens?

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Aus der Einleitung (kurz)

EINLEITUNG

Wie sieht die nächste Gesellschaft aus? Was erwartet uns nach dem Kapitalismus?

In aller Kürze wird in diesem Buch die folgende Antwort auf diese – nicht unerhebliche – Fragestellung versucht: Man kann den Einstieg wählen über die Frage nach dem Ort der wirtschaftlichen Belange in einer Gesellschaft. Seit den Anfängen der klassischen Wirtschaftswissenschaften, durch alle Schulen und Lager hinweg, war die ordnungs-politische Frage nach der Aufgabenverteilung zwischen Staat und Privatwirtschaft eine entscheidende und richtungweisende, von der die Mehrzahl der weiteren abhängt. Gehören die wirtschaftlichen Belange der Gesellschaft ganz oder überwiegend in die öffentliche, oder in die private Sphäre? Welche Sphäre ist die dominierende? Etwa nach Joseph Schumpeters heute rund 70 Jahre alter Definition war eine sozialistische Gesellschaft ein „institutionelles System, in dem die Kontrolle über die Produktionsmittel und über die Produktion selbst einer Zentralbehörde zusteht“, mit anderen Worten, in dem die wirtschaftlichen Belange der Gesellschaft in die öffentliche Sphäre gehören. In einem nichtsozialistischen System gehören sie in die private Sphäre.

Schumpeter unterscheidet hier nun zwischen Kontrolle über die Produktionsmittel und Kontrolle über die Produktion selbst. Unabhängig davon wo Schumpeter den Unterschied sah, kann man danach unterscheiden, ob sich die Kontrolle auf die Abläufe in der Produktion selber richtet, also deren Verfahrensrationalität und die ressourceneffiziente Verwendung der Produktionsfaktoren, oder auf die Kontrolle über die Produktentwicklung und die Produktionsentscheidungen, also was produziert wird, in welchen Mengen, und zu welchem Preis es verkauft wird. Nach welchen Kriterien werden diese letzteren Entscheidungen getroffen? In privatwirtschaftlich verfassten Ökonomien wird hier nach erwerbswirtschaftlichen Prinzipien entschieden, also nach der Marktrationalität. Liegt die Kontrolle darüber in der öffentlichen Sphäre, kann nach Prinzipien einer politischen Vernunft entschieden werden, die Produktionsentscheidungen können also nach öffentlichen, allgemeinen, überprivaten Interessen ausgerichtet werden.

Die vergangenen Jahre seit der Finanzkrise ab 2008 haben nun Zweifel an der Steuerungskapazität der Marktkräfte nach marktrationalen Prinzipien geweckt. In zunehmend reifen, wohlhabenden und konsolidierten Ökonomien mit gesättigten Märkten führt die Suche nach renditetragenden Verwendungen des nicht in den Produktionsmitteln gebundenen Kapitals zu immer weniger wohlfahrtsichernden oder -erweiternden Investitionen; das Geld wird aufgesogen von der Finanzindustrie, und wandert in unproduktive, spekulative Verwendungen. Auf der anderen Seite hat sich im Laufe des realsozialistischen Experiments gezeigt, dass die Steuerungsfunktion frei gebildeter Marktpreise kaum effizient zu ersetzen ist; die politische Vernunft ist bei der Planung und Festlegung solcher mikroökonomischer Produktions- und Preisentscheidungen offenbar überfordert. Dieses Dilemma hat seither immer wieder die Suche nach „dritten Wegen“ motiviert, nach neuen Modalitäten der wirtschaftlichen Kooperation und Ordnungsbildung zwischen oder jenseits von Markt und Staat – gefunden wurden sie bisher nicht.

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Die Bankenkrise

Die Grosse Digitalmaschinerie

Die Bankenkrise (Auszug aus „Die Grosse Digitalmaschinerie“ S. 102 – 113)

Um einen Eindruck von der zerstörerischen Gewalt und dem Ausmaß der Bankenkrise zu bekommen, schaut man sich am besten die Entwicklung der Geldmengen M0, M1, M2 und M3 an, beispielsweise in dem Zeitraum seit Aufkündigung der Goldbindung des Dollar nach der Vereinbarung von Bretton Woods durch R. Nixon im Jahre 1971, so wie etwa Paul Mason sie darstellt (S. 141).

Zu Erläuterung: M0 nennt man die Menge des im Umlauf befindlichen Bargelds, also Münzen und Banknoten; M1 ist die Menge des Bargeldumlaufs plus Sichteinlagen (Guthaben) bei Banken; M2 ist Menge M1 plus kurz- und mittelfristig (zwei Jahre) festgelegtes Geld; und Menge M3 ist M2 plus alle erdenklichen Formen von „virtuellem“ Geld in Gestalt von Anteilen an Geldmarktfonds, Geldmarktpapieren und Bankschuldverschreibungen.

Grundsätz­lich muss man sich klarmachen: Geld ist erbrachte wirtschaftliche Leistung, die vom Erbringer dieser Leistung nicht direkt konsumiert wird. In einer florierenden Wirtschaft steht dieses ersparte Geld für Investitionen zur Verfügung, abgesehen von Beträgen, die vielleicht von Privatpersonen für die Altersversorgung vorgesehen sind, und die erst später konsumiert werden sollen. Aber auch diese können in Form von Krediten ja dem wirtschaftlichen Kreislauf zur Verfügung gestellt werden. Genaugenommen müssen sie das sogar, bzw. eine stabile wirtschaftliche Lage mit positiven Zinssätzen ist darauf angewiesen, dass das gesparte Geld auch auf der anderen Seite an Kreditnehmer verliehen wird – wer sollte sonst die Zinsen bezahlen. Wenn die Summe der Geldvermögen die Summe der Kredite übersteigt, kommt es also zu einem Liquiditätsüberhang, und dadurch mehr oder weniger zwangsläufig zu niedrigen Zinsen, möglicherweise sogar, wenn durchsetzbar, bis in den negativen Bereich hinein. Das ist die heutige Situation an den Finanzmärkten. Aber wie kommt es zu diesem Liquiditätsüberhang?

Saisonbereinigte Geldmenge M3

Unbestrittenerweise wird die Größe der Geldmenge von der Zentralbank bestimmt. Das von privaten Banken geschaffene Giralgeld macht aber einen viel höheren Anteil der Geldmenge aus als das von der Zentralbank im Umlauf gebrachte Bargeld, weshalb deren steuernder Einfluss sich auf die Festsetzung der Zinsen für Kredite an die Privatwirtschaft beschränkt, bzw. auf die Guthabenzinsen für Bargeldeinlagen. Das Steuerungsziel der Zentralbank besteht in einer solchen gesamtwirtschaftlichen Situation darin, die Banken zur Ausgabe von Krediten zu motivieren, bzw. umgekehrt in inflationären Situationen durch Erhöhung der Zinsen eine zu starke Kreditnachfrage zu dämpfen. Die Banken sollen in der heutigen Lage also mit Krediten freigebig sein – die Kreditnachfrage bleibt aber dennoch zu schwach, trotz der extremen Niedrigzinsen, und bereits negativer Einlagezinsen für Einlagen von Banken bei der Zentralbank.

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