Reichtum ohne Geld

Das Buch ist ja nicht mehr ganz neu, aber ich habe es jetzt erst gelesen: Reichtum ohne Gier, von Sahra Wagenknecht.

Ich bin nicht wenig enttäuscht. Sie ist promovierte Volkswirtin? Und hat früher einmal stolz verkündet, Marxistin zu sein? Sie hat, wie mir scheint, weder die „Bastardökonomie“ von heute, also das, was aus der früheren produktiven Marktwirtschaft geworden ist, verstanden, noch das, was Marx über diese Wirtschaft, ihre Vergangenheit und ihre Zukunft denken würde.

Es fängt eigentlich schon mit dem Titel an, und ich habe es geahnt, dachte aber, das sei nur wegen der schlafenden Käuferschicht, die man ja immer an ihren primitiveren Instinkten packen muss, um ihr Interesse zu wecken. Nein, sie glaubt tatsächlich, die Wirtschaft habe nur ihre Tugend verloren, und nun müssen man mit echten Unternehmern und Gemeinwohlbanken vom Feudalkapitalismus zur „modernen Wirtschaftsordnung“ der Marktwirtschaft zurückkehren. So entstehe dann Reichtum ohne Gier.

Na da hätte sie vielleicht doch besser Marxistin bleiben sollen.

Marx hätte ihr erstens gut erklären können, dass die Motivlagen einzelner Individuen kaum eine Rolle spielen, und im analytischen Zugriff auf die unterliegenden Strömungen, Regularien und Tendenzen der wirtschaftlichen Entwicklung, die es zu entschlüsseln gilt, gar keine Rolle spielen dürfen. Es kommt nicht darauf an, moralische Bewertungen vorzunehmen und Wirtschaftshandeln nach moralischen Kriterien zu bemessen, um dann Perspektiven wirtschaftlicher Entwicklung mit moralischen Appellen zu verwechseln. Und zweitens hätte er ihr erklären können, welche Rolle die „Mittel zur Bearbeitung des Naturstoffs“, das vorhandene Niveau der Technologie für die Epoche spielen, der sie zur Verfügung steht. Davon hat sie offenbar überhaupt nichts verstanden, und dass die „moderne Wirtschaftsordnung“, die ehemalige Marktwirtschaft, seit mindestens 30 Jahren an Überproduktivität leidet, genau so wenig.

Wie soll sie dann verstehen, wie es vor sich geht, dass dieser überproduktive Kapitalismus genau die „Mittel zur Bearbeitung des Naturstoffs“ hervorbringt, die der folgenden Epoche dann ermöglichen, ohne Wachstum und ohne das Produzieren von (überflüssigen) Gütern um die Wette zu leben?

Ob sie schon von diesem Phänomen gehört hat, von dem Hans-Jürgen Jakobs berichtet, von dem „Phänomen des ‚dry powder‘, wie das in der Branche heißt: Es sind genügend Finanzmittel vorhanden, das Pulver ist trocken, aber es fehlt an Chancen, das Geld auch wieder gut zu investieren. Allein Blackstone, der Marktführer im alternativen Finanzgeschäft, hat an die 100 Milliarden Dollar Trockenpulver.“

Hat sie sich das mal angeschaut, wie sich die alte Deutschland-AG verändert hat? Und vom wem jetzt die Deutschland-AG beherrscht wird?

Da hofft sie auf Kapitalneutralisierung? Auf Stiftungsuntermehmen? Auf Mitarbeitergesellschaften?

Absolut richtig ist die Intention, dass Eigentum nur noch durch eigene Arbeit von Personen entstehen soll, und nicht als Kapitalertrag, als leistungsloses Einkommen innerhalb feudaler Besitzstrukturen. Aber sie versteht überhaupt nicht die Rolle des Sachkapitals – der „Maschinerie“ – bei der Erzeugung der Werte, die dann als leistungsloses Einkommen einem „Feudalherren“, oder, wie es im Neo-Kapitalismus der Finanzinvestoren richtiger heißen muss, einem der „Top-Investoren“ als Aktiendividende zufließen. Dann kann sie auch nicht die Potentiale verstehen, die sich aus der Wandlung der inneren Struktur dieser Maschinerie ergeben, die es nämlich zum ersten Mal in der Geschichte möglich machen, auf die Allokation von Gütern über Märkte zu verzichten, und damit auch diese Kapitalerträge, die anderen – den „Feudalherren“ – dann als leistungsloses Einkommen zufließen, gar nicht erst entstehen zu lassen.

Sie versteht überhaupt nicht, dass dieser kleine unscheinbare 3D-Drucker im Haushalt, über den sie sich lustig macht, ein erstes Vorscheinen so einer industriellen Struktur ist, bei der Güter direkt aus der Produktion in der Hand des (ideellen) Produzenten in die Hand des Konsumenten übergehen, ohne ihren Weg über den Markt gegangen zu sein: weil Produzent und Konsument nämlich identisch sind. Im Falle des 3D-Druckers im Haushalt heißt das nichts anderes, als dass der Haushalt in sein eigenes Sachkapital investiert. Im Falle einer Volkswirtschaft ist das letzten Endes das Gleiche, wenn auch um Einiges komplizierter, und zwar sowohl komplizierter zu realisieren, als auch komplizierter zu verstehen.

Nehmen wir das Beispiel des Möbelbaus. Nehmen wir gleich das Beispiel des Möbelhauses Ikea, das sich heute im Besitz einer Stiftung befindet. Was wäre der Vorschlag von Frau Wagenknecht – die Stiftung in eine Gemeinwohlgesellschaft umzuwandeln? Welche Ziele würde die dann verfolgen?

Bevor man sich der Frage zuwendet, welche Folgen eine Änderung der Form des Eigentums haben könnte, kann man sich gleich anschauen, wie ein großes Unternehmen wie das Haus Ikea arbeiten muss, um handlungsfähig zu bleiben, zu überleben und Gewinne zu machen. Es muss, um seine erreichte Marktposition in einem stark konsolidierten, kaum mehr wachsenden Markt zu halten, sehr kosteneffizient arbeiten, und attraktive Produkte anbieten. Die Attraktivität der Produkte ist das Resultat der Möbeldesigner von Ikea, die deshalb auch eine eigene Firma innerhalb des Konzern geworden sind. Die Kosten werden niedrig gehalten durch eine hocheffiziente und sparsame Fertigung, die deshalb mehr und mehr in Billiglohnländer ausgelagert worden ist, früher in die DDR, und später, nach dem Zerfall des Ostblocks, in andere dortige Länder mit sehr niedrigem Lohnniveau.

Was wäre jetzt der Vorschlag von Frau Wagenknecht? Was würde die Veränderung der Eigentumsform bewirken können?

Unterstellen wir einmal, es gäbe gar keine Billiglohnländer. So etwas ist in ökonomischen Betrachtungen ein Sonderfall, ein Sondereinfluss, als Ergebnis besonderer Umstände. Im Normalfall entwickeln sich Lohnniveau und technischer Fortschritt in einem aufeinander abgestimmten und entsprechenden Verhältnis. Um die Preise ninimal zu halten, kommt in der Regel immer nur die technische Arbeitsunterstüzung in Frage, wodurch die Produktivität der einzelnen Arbeitsstunde erhöht werden kann. Wenn man nun den Zugriff der Investoren auf die Produktion zur Rentenextraktion verhindern will, kann man das. den Zugriff, per Veränderung der Eigentumsform verbieten, und das Unternehmen irgendwie gemeinwirtschaftlich werden lassen, unabhängig von der Frage, wie genau das zu bewerkstelligen sein könnte.

Nun gehört das Unternehmen irgendwem, der nicht das Kapital in Person ist, sondern vielleicht den Beschäftigten selber, oder niemandem, und es wird irgendwie von einer öffentlchen Hand verwaltet. Aber die Beschäftigten sind trotzdem weiter davon abhängig, dass das Unternehmen in der Lage ist, ihre Löhne zu bezahlen. Eine Überlebensgarantie hat das Unternehmen so aber auch nicht, es muss also weiter kostengünstig arbeiten, und attraktive Produkte anbieten. Wie geht es also mit dem technischen Fortschritt um? Es wird, falls die Nachfrage nicht gesteigert werden kann, Mitarbeiter entlassen müssen. Oder, wie war das gedacht von Frau Wagenknecht? Auf den technischen Fortschritt gibt sie eigentlich gar keine spezifische Antwort.

Jedenfalls, nur mit Änderung der Eigentumsform wird man möglicherweise nicht sehr weit kommen können.

Welche Möglichkeiten bieten aber die neuen digitalen Technologien, von denen Frau Wagenknecht nur den kleinen 3D-Drucker im Haushalt hat ihrer Aufmerksamkeit zuführen können? Diese digitalen Technologien bieten die Möglichkeit, die Fertigung der Möbel, getrennt von der Fertigung der Designs, zu vergesellschaften; das könnte ein öffentliches, gemeinnütziges Unternehmen sein oder werden, das diese Aufgabe übernimmt. Das würde keine Gewinne erwirtschaften müssen, sondern müsste nur kostendeckend arbeiten. Es würde die Entwürfe der Designabteilung, die die Möbeldesiger entworfen haben, in digitaler Form, in reale Möbelstücke umsetzen. Die einzelnen Stätte der Fertigung könnten, als dezentrale kleine Einheiten, nahe am Ort des Konsums platziert sein, während die Designer irgendwo sitzen und ihre Designs entwickeln, und sie in digitaler Form um die Welt verschicken.

Diese einzelnen Fertiger wären im Verhältnis zueinander keine Wettbewerber, sondern könnten ihre Kapazitäten im gegenseitigen Verkehr anpassen und ausgleichen, das könnte also von zentraler Stelle koordiniert werden. Um den technischen Fortschritt müssten sie sich kümmern und könnte ihn extern zukaufen, um die Kosten minimal zu halten. Es wären Betriebe, vielleicht wie ein technisch anspruchsvolles öffentliches Unternehmen, das vielleicht ein Kraftwerk betreibt. Vielleicht würden sie eng mit Universitäten zusammenarbeiten, und wissenschaftliche Unterstützung erhalten.

Jedenfalls geschähe die Wertschöpfung, die auf die Fertigung entfällt, so in öffentlicher Hand; die Produkte, die so entstandenen Möbel, kämen also aus öffentlicher Hand, und gingen in private Verbraucherhand. Wenn auch nicht direkt, aber indirekt wären die Verbraucher auf diese Weise Konsumenten ihrer eigenen Erzeugnisse.

Dennoch wäre der Betrieb, der die Fertigung der Möbel übernimmt, nicht in der gleichen Weise dem Markt- und Wettbewerbsdruck ausgesetzt, wie wenn er es wäre, wenn er ein reines Möbelhaus wäre, wenn auch in Belegschaftshand. Der Fertiger wäre eine reine Fertigungsmaschinerie, die alles Mögliche fertigen kann, auch Designs von anderen Möbeldesignern, oder vielleicht auch ganz andere Produkte.

So etwas ist noch niemals vorher möglich gewesen, und ist erst möglich durch die digitale Fabrikation, durch die Entkopplung von Fertigung und Design. Das entgeht Frau Wagenknecht komplett.

Frau Wagenknecht war also einmal Marxistin. Er, Marx, und auch ein anderer Ökonom nach ihm, Joseph A. Schumpeter, haben den technischen Fortschritt für essentiell gehalten in der Erklärung des Wandels der Epochen. Schumpeter hat eine „Vollkommenheit“ der Produktionsmittel und einen hohen Grad von Sättigung der Bedürfnisse für die Voraussetzung gehalten, nach dem Kapitalismus eine nächste, höhere Phase der gesellschaftlichen Ordnung zu erreichen. Weder die Rolle und die Wirkungen der Sättigung, nämlich eben den Investitionsstau, die Sparflut, den Hunger der globalen Kapitalmassen nach Rendite, noch die Rolle und die Wirkungen des technischen Fortschritts, und erst recht nicht seine Potenziale, nachdem er sich eben unter dem Einfluss dieser Erscheinungen des reifen Spätkapitalismus gewandelt hat, hat sie verstanden.

Das ist schade! Es wäre schön, wenn sie es verstünde, denn kann könnte sie vielleicht helfen, es auch anderen verständlich zu machen!

Und darauf kommt es ja schließlich an, dass alle anderen das verstehen. Wir haben ja jetzt nicht mehr so viel Zeit.

Dschungelcamp, Tittytainment und das BGE

„Egal ob „Dschungelcamp“, „Promi Big Brother“ oder „Germany’s next Topmodel“. Niemand gibt es zu, aber alle schalten ein: Populäre Unterhaltungssendungen räumen regelmäßig mit guten Quoten ab. Warum ist das so?“– fragte die Berliner Zeitung vor einigen Tagen.

Warum ist es so, dass der deutsche Zwangsgebührenzahler mit solchen Trash-Sendungen überschwemmt wird, während die wenigen wichtigen und informativen Hintergrundanalysen in tiefste Nacht verbannt werden, wenn es sie überhaupt noch gibt? Wenn man sich vergegenwärtigt, dass vor über 20 Jahren der – inzwischen verstorbene – ehemalige US-Sicherheitsberater Zbigniew Brzezinski diesen Begriff geprägt hat als Kampfmassnahme, um das dumme Wahlvolk an die Bildschirme fesseln zu können, vor denen sie dumpf und mit allenfalls voyeuristischem Interesse den ekelhaften Höhepunkten dieser Banal-Dramaturgien entgegen fiebern, dann ahnt man, warum das so ist: wie der Medienwissenschaftler Prof. Bernd Gäbler sagt, ist es das Fernsehen, dass die Aufmerksamkeit lenkt: „Es schafft Themen, über die gesprochen wird.“ Irgendjemand in der Konferenz der Programmdirektoren möchte also offenbar, dass über diese Themen gesprochen wird, und nicht über die, von denen unsere Zukunft und die unserer Kinder abhängt.

Harald Schumann brichtete von dieser Idee Brzezinskis in seinem 1996 erschienenen Bestseller „Die Globalisierungsfalle“, mit dem er sich bei seinem damaligen Arbeitgeber Spiegel nachhaltig unbeliebt machte, und schliesslich aus dem ehrenwerten Haus hinaus komplimentiert worden ist. Er berichtete von der imposanten Kulisse, in der sich die Mächtigen der Welt trafen, um zu beratschlagen, wie man das Volk werde ruhig stellen können, wenn einmal die Hälfte der Menschen ihren Job verloren haben wird, weil der technische Fortschritt in dem rasanten Tempo vorangeschritten ist, wie es damals schon hinreichend klar zu sehen war. Und eben das, Tittytainmnt, war Zbigniew Brzezinskis geniale Idee, der die Programmmacher der westlichen Welt offenbar gefolgt sind. Es funktioniert, ganz offensichtlich.

Und heute scheinen die Mächtigen der Welt langsam eine weitere Idee dem Volk schmackhaft machen zu wollen, um es vor dem Fernseher ruhig zu stellen: das bedingungslose „Grundeinkommen“. Seine Verfechter, die es das „emanzipatorische“ Grundeinkommen nennen, sehen das natürlich anders. Für sie ist es eine Massnahme, den Wert der Arbeit neu zu definieren, und dem Menschen ganz neue Seinsdimensionen zu eröffnen. Für die Verfechter in den Chefetagen dürfte eine andere Motivation vorherrschen: wenn den Menschen ein kleines regelmässiges Geld gezahlt wird, werden sie kaum auf die Barrikaden gehn. Wenn man dann noch den Sozialstaat mit all seinen bedarfsabhängigen Leistungen grundlegend umkrempelt und all das abschafft, was den Bedürftigen heute an Leistungen zusteht, wird es am Ende vielleicht sogar noch billiger als das, was wir heute haben. Zu verschenken haben diese Verfechter des Grundeinkommens natürlich nichts.

Was nun?

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Vorbereitung für einen Krieg?

Das Programm des Kultursenders ARTE, in dem man lange Zeit echte informative Hintergrunddokumentationen vorfinden konnte, die im Programm von ARD und ZDF entweder in tiefste Nachtstunden oder ganz in den Orkus verbannt worden waren, hat sich nun offenbar auch der Dämonisierung Russlands, mit Vorliebe in der Person Putins, verschrieben. Nach den jammervollen Machwerken vom 16.01. nun dieser Film mit dem Namen Stalingrad, der – natürlich – als Anti-Kriegsfim daherkommt. In einer Kritik in der ZEIT urteilte damals Andreas Kilb: „Joseph Vilsmaiers „Stalingrad“ ist kein Antikriegsfilm, sondern ein Kriegsfilm mit schlechtem Gewissen.“ Warum wird heute im Kulturkanal ARTE dieser Film wieder gezeigt, nach 25 Jahren? Warum dieser Film, der keine Moral hat, wie Kilb urteilte: „… eine Authentizität, die mit drei Tonnen Dynamit produziert wird, ist lächerlich, und eine Moral, die sich häppchenweise über einen Zweieinhalb-Stunden-Film verteilt, verfehlt ihr Ziel. Übrig bleibt ein Landserdrama, das wie die Quersumme aller existierenden Stalingrad-Geschichten wirkt. Denn Vilsmaiers Film hat nicht nur keine Moral, er hat auch keine Perspektive..“.

Alfred Müller von den Nachdenkseiten sieht hier die Vorbereitung eines Kriegs, und wenn man dazu erfährt, dass in Kiew legislative und „moralische“ Vorbereitungen getroffen werden („Russland ist der Agressor“), in den Donbass einzumarschieren, und dass Poroschenko wiederum auf der Münchner Sicherheitskonferenz erscheinen wird, um sich wohl Zustimmung und Rückendeckung zu holen sowie die Sprachregelung zu produzieren, unter der so eine „Operation“ dann der Öffentlichkeit verkauft wird, so verdichtet sich das Bild, und im Zusammenhang mit der gerade erst verkündeten „Nationalen Verteidigungstrategie“ des Weissen Hauses erst recht. Diese Orientierung, diese Ereignisse, diese mediale Begleitmusik verspricht nichts Gutes.

Jeder klar denkende Mensch weiss, dass es keine rationalen Gründe gibt, dass nicht wirklich eine Gefahr droht aus Russland, das ist vollkommen absurd, genauso absurd wie die Kriegslüge Hitler-Deutschlands vom Überfall auf den Sender Gleiwitz. Die wahren Hintergründe für den Drang Nazi-Deutschlands nach Osten lagen damals für jeden sichtbar auf der Hand, und genauso liegen heute die wahren Gründe für den Expansionsdrang der Nato und des diese ja benutzenden US-geführten Westens auf der Hand. Damals war es die „völkische“ Wahnsinnsidee des „Lebensraums im Osten“, den das deutsche Volk brauche, die „arische Herrenrasse“, und heute ist es der „Zugang zu Märkten und Ressourcen“, den die expansionsgierigen und stagnationsgequälten Ökonomien des Westens brauchen, bzw. vor allem deren Kapitalhalter, die verzweifelten Investoren, deren ins Absurde angewachsenen Kapitalmassen keine zufriedenstellenden Renditen mehr generieren können.

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Alternative nur im Nirgendwo?

Heiner Flassbeck wirft der Linken (der Partei) und den Linken (als Strömung) vor, sie wisse nicht, wo sie hin will: will sie das System (den Kapitalismus) verändern, oder will sie ihn überwinden? Und das, diese Unentschlossenheit und Unklarheit habe äusserst fatale Konsequenzen: „Es gelingt dem gesamten konservativen Block einschließlich der AfD, den Eindruck zu erwecken, dass die einzig linke Partei von „linken Spinnern“ durchdrungen ist, die nichts Besseres im Sinn haben, als das „System“ zu überwinden und durch ein Nirwana zu ersetzen, das ungefähr so erfolgreich ist wie die ehemalige DDR.“ Und darum werden nicht sie gewählt, sondern etwa auch, neuerdings, die Afd. „Mit dieser Strategie wird man die Linke noch hundert Jahre bei zehn Prozent halten können. Wenn die Partei nicht begreift, dass die Träume von einem anderen System, das niemand kennt und niemand der großen Mehrheit der Bürger erklären kann, in der Politik nur Schaden anrichten. Denn die große Mehrheit will kein anderes System. Und sie hat damit vollkommen Recht.“

Ist das so? richtig ist, das ein „anderes“ System niemand kennt – wie alles, das eines Tages ganz frisch und neugeboren die Bühne betritt. Aber heisst das, das neue System liegt im Nirwana? und ist so erfolgreich wie die ehemalige DDR?

Was ist denn falsch am Kapitalismus, warum könnte man sich seine Überwindung wünschen? Wünschbar wäre eine Alternative aus vielerlei Gründen, die man durchaus klar benennen kann, und die z. B. Jürgen Habermas vor vielen Jahren als den Konflikt zwischen System und Lebenswelt bezeichnet hat. Der Kapitalismus steuert sich im wesentlichen durch das Medium Geld, nicht durch demokratische, vernunftgeleitete Diskurse. Das ist ein Mangel – allerdings keiner von dem man sagen könnte wie er denn nachhaltig zu beheben sei. Also führt diese Argumentation nur zur Möglichkeit der Zähmung, Kultivierung und politischen Kontrolle – so weit wie möglich.

Aber heisst das, der Kapitalismus lebt ewig? Einer der großen Verteidiger und Bewunderer des Kapitalismus, Joseph Schumpeter, hat bekanntlich die Frage, ob der Kapitalismus weiterleben kann, eindeutig beantwortet: „Nein, meines Erachtens nicht“.

Aber die Gründe, die Schumpeter genannt hat, waren im wesentlichen nicht die, die heute genannt werden, um eine „Überwindung“ des Kapitalismus zu begründen. Schumpeter glaubte, der Kapitalismus habe eines Tages seine geschichtliche Aufgabenstellung erfüllt. Die Aufgabenstellung bestand darin, die Bedürfnisse der Massen zu befriedigen, eines nach dem anderen. Die Menschen sollten nicht mehr unter Not und Mangel leiden wie noch im Feudalismus, wo über 70 Prozent der Bevölkerung auf den Feldern arbeiten mussten, nur um das tägliche Brot zu erwirtschaften, wo ein Buch ein Luxusgegenstand war, und die Kleider, die jemand im Schrank hatte, zu seinem Vermögen gezählt wurden.

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Einleitung (lang)

Die Grosse Digitalmaschinerie

 

Joseph A. Schumpeters Klassiker „Kapitalismus, Sozialismus und Demokratie“ erschien 1942 in englischer Sprache, und 1947 auch in Deutsch, bevor er dann im Laufe der Jahre in mindestens 20 weitere Sprachen übersetzt worden ist. Schumpeter war ein konservativer Ökonom, dessen Begriff von Innovation und wirtschaftlichem Fortschritt als „schöpferische Zerstörung“ und seine emphatische Verehrung der Unternehmerpersönlichkeit als „Führer“ mit „Siegerwillen“ ihm in wirtschaftsfreundlichen Kreisen wesentlich größere Sympathien und höhere Akzeptanz verschafft haben dürften als etwa in linken sozialrevolutionären Milieus. Dennoch stammt von ihm dieser Satz, den Menschen mit postkapitalistischen Hoffnungen und Denkweisen mit ganz anderen Augen und Empfindungen zur Kenntnis genommen haben dürften als „Konservative“: „Kann der Kapitalismus weiterleben? Nein, meines Erachtens nicht.“

Schumpeter hat in diesem Werk seine Auffassung entwickelt und vorgetragen, dass der Kapitalismus sich auf eine ganz natürliche und zwanglose Weise in einen staatlich und zentral gelenkten Sozialismus verwandeln werde. Diese Entwicklung betrachte er aber nicht mit Sympathie oder Antipathie, sondern als unparteiischer Beobachter; er stelle eine Prognose auf der Basis der ihm zur Ver­­fügung stehenden Daten, so wie ein Arzt eine positive oder negative Prognose auf der Grundlage seiner Befunde stelle, ohne sich hierbei durch Sympathie für den einen oder anderen zu erwartenden Ausgang beeinflussen zu lassen.

Bisher hat nun diese Entwicklung – die Transformation des privatwirtschaftlich dominierten Kapitalismus in einen staatlich-öffentlich dominierten Sozialismus – ganz offensichtlich nicht stattgefunden. Allerdings hat die Frage, ob der Kapitalismus weiterleben kann, spätestens mit Hereinbrechen der bislang letzten großen Krise, der sog. Finanz- oder Hypothekenkrise zwischen den Jahren 2007 und 2010 eine ganz neue und wohl nie erlebte Aktualität erhalten. Die Stimmen, die dem Kapitalismus eher geringere Überlebensaussichten bescheinigten, dürften dabei in Anzahl und der Eindeutigkeit und Differenziertheit ihres Urteils diejenigen optimistischen Stimmen überwogen haben, die unverdrossen von einer unerschöpften Regenerationsfähigkeit des Kapitalismus ausgehen, und für die Welt der Börsen, der Konzerne, der Produktivitätssteigerungen, des Wachstums und der Vollbeschäftigung am Horizont kein Ende aufziehen sehen, und die dabei möglicherweise noch nicht einmal die ökologisch verursachten Wolken am Himmel des ewigen Wachstums ihre Stimmung trüben lassen.

Wer allerdings eher geneigt ist, eine Endlichkeit der kapitalistisch geprägten Entwicklung für wahrscheinlich zu halten, ist damit noch nicht unbedingt und in jedem Fall in der Lage oder auch willens[1], einen Nachfolger zu benennen, also die wirtschaftlichen und politischen Umstände anzugeben oder zu umreißen, unter denen jenseits kapitalistischer ökonomischer Prinzipien und Regularien würde gelebt und gearbeitet werden. Dass es allerdings nicht ein Sozialismus – so wie wir ihn kannten – sein wird, in den sich die sozioökonomische Wirklichkeit verwandelt, bezweifelt nach den gemachten Erfahrungen in den realsozialistischen Ökonomien des ehemaligen Ostblocks kaum jemand.

Insofern würde man zu Schumpeters Erwartung nun aus der heutigen Sicht einfach konstatieren müssen, dass er sich in dem Punkt offenbar geirrt hat. Schumpeters Werk hat im Laufe der Jahre wellenförmig an- und wieder absteigende Aufmerksamkeit erfahren, und seine Erwartung eines Abschwächens oder eben sogar Verebbens und Versiegens der kapitalistischen Dynamik und wohlfahrtsteigernden Kraft wurde durchaus geteilt, kaum aber jemals seine Prognose eines Übergleitens in einen staatlich gelenkten Sozialismus.

Inwieweit kann denn nun ein erneuter Blick in Schumpeters Werk und Gedan­ken aus dem ersten Drittel des vergangenen Jahrhunderts dazu beitragen, mög­­li­cherweise Antworten zu finden auf die heute ja noch immer nicht obsoleten und umgekehrt immer mehr drängenden Fragen nach der Zukunft des Kapitalismus, und, wenn diesem tatsächlich über kurz oder lang keine Zukunft beschie­den sein sollte, nach der dann entstehenden oder zu erwartenden Ordnung des wirtschaftlichen, sozialen und politischen Lebens?

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