Ach, der Mason

Ein Kommentar zum Beitrag „Zerschlagt die digitalen Monopole!“ von Paul Mason aus den „Blättern“ Nr. 02/2018, der auf der Keynote basiert, die Paul Mason am 3.11.2017 auf der Konferenz „Digitaler Kapitalismus – Revolution oder Hype?“ in Berlin gehalten hat. Die Konferenz wurde von der Friedrich-Ebert-Stiftung in Kooperation unter anderem mit den „Blättern“ veranstaltet. Die Rede richtete sich also auch an die Sozialdemokratie …

Vorbemerkung: Ich mache mich hier ein wenig über Mason lustig. Die Position, von der aus ich das tue und die mir das erlaubt, ist explizit gemacht in meinem Buch „Die Grosse Digitalmaschinerie“.

Ist es auch schon eine Spätfolge des Dschungelcamp?

Wie kann es sein, dass eine so mittelmäßige Wirmüssen-basiertauf-reduziertauf-fixiertauf-Erstsemester-Biertischsuada eine so breite Aufmerksamkeit auf sich zieht? Ist das Publikum schon so träge und blöde geglotzt?

Man möge mir die groben Worte verzeihen. Aber dass ein an Gehalten derartig dünner Aufguss in den „Blättern für Deutsche und Internationale Politik erscheint“, zu deren Herausgebern auch der wortgewaltige Philosoph Jürgen Habermas gehört, muss diesem eigentlich die Suppe gehörig versalzen. Ihm muss es einen Geschmack auf der Zunge hinterlassen wie dem unlängst verstorbenen Paul Bocuse eine Curry-Wurst.

Bei Bocuse entstanden Gerichte als kunstvolle Kompositionen, deren Bestandteile er auswählte aus einem gewaltigen Reservoir aus Geschmäckern und Gerüchen und Konsistenzen, und die er nun so zueinander in Beziehung setzt, dass jedes einzelne Element seine Eigenart behält, und sich in der Entgegensetzung zu einem anderen Element positiv und vielleicht überraschend zur Geltung bringt; das Ganze ist dann mehr als die Summe seiner Teile, eine den Geist erfrischende, erhellende und beglückende Komposition. Die Curry-Wurst aber verrät nicht allzu viel über ihre Bestandteile, ausser der Wurst und dem Curry, sie erzeugt nur ein dumpfes Sattheits- und dennoch Hungergefühl, den Appetit schon auf die nächste Curry-Wurst – grad so wie etwa eine Folge des Dschungelcamp, auf die nächste Folge des Dschungelcamp.

Aber, wie man weiß, hat die Curry-Wurst sich durchgesetzt, und von Paul Bocuse kennt die breite Masse vermutlich nicht einmal mehr den Namen. Irgendetwas muss also dran sein an der Curry-Wurst. Es muss etwas sein an diesen Bestandteilen, das diesen Appetit auslöst. Schauen wir uns also die Bestandteile dieser Musiklehrer-Komposition genauer an. Manches von ihnen erweist sich als richtig und wichtig, manches nicht, und so ist es die Komposition des Ganzen, die, statt zu erhellen, mehr Nebelschwaden und Ratlosigkeit hinterlässt, als klaren Blick und Handlungsfähigkeit und -bereitschaft.

Da ist zuerst die Rede vom Ende des Kapitalismus, und von einer „Schwierigkeit“, sich dieses vorzustellen. Mason glaubt, die Schwierigkeit hinge damit zusammen, dass man nicht klar unterscheiden kann, wovon die Rede ist: von dem, wo man gerne hingelangen will, oder von dem, wo man möglicherweise, ohne es zu wollen, stranden könnte.

Diese Unterscheidung ist aber schon lange bekannt, und breit diskutiert. Diskutiert werden sozusagen transitive, aktive, und intransitive, passive Begriffe oder Formen von Transformation, die zu einem Ende des Kapitalismus führen – so wie wir ihn kennen. Wolfgang Streeck zum Beispiel hat eine Form von degenerativem Verfall beschrieben, getragen von einer Haltung des Rette-sich-wer-kann; es gab das harte Wort des „Bastardkapitalismus“ bei Gabor Steingart, die „Abwärtsgesellschaft“ von Nachtwey, oder eine methodische Beschreibung einer Transformation hin zu einen „patrimonialen Kapitalismus“, einem autoritären, demokratiegefährdenden oder –feindlichen Kapitalismus mit feudalen Zügen. Da gibt es also keine besondere Schwierigkeit, sich das vorzustellen.

Die transitive Form, die aktiv herbeizuführende Transformation ist die Vorstellung der Umwandlung der „Verhältnisse“ hin auf einen Zustand, der dann „antizipativ“ vorstellbar gemacht sein müsste, um ihn planvoll und „wissenschaftsgestützt“ herbeizuführen. Darum bemüht sich inzwischen sogar die Universitätsökonomie, wenn auch erst in den Anfängen.

Die unterscheidende Frage ist also, ob wir es mit einer von partialen kurzfristigen Kapitalinteressen geleiteten degenerativen Transformation zu tun habe, oder mit einer an berechtigten allgemeinen Menscheninteressen orientierten wissenschaftsgestützten fortschrittlichen Transformation. Und solange eine klare Vorstellung eines herzustellenden Zustandes noch nicht existiert, während der Zerfall der alten Ordnung aber schon klar erkennbar wird, hat Streeck hat vorgeschlagen, sich mit Gramscis Begriff des „Interregnum“ zu behelfen, mit dem für eine Übergangszeit dann zu rechnen wäre.

Die moralisierenden Begriffe von „gutartig“ und „bösartig“, die Mason hier verwenden will, sind aber nun an ihrer analytischen Klarheit gemessen nichts anderes als, Verzeihung, Gewürze einer Curry-Wurst; da bewegte sich schon Karl Marx auf einem turmhoch überlegenen Niveau, der eben nicht individuelle persönliche Dispositionen als das wesentliche Movens identifizierte, sondern die „Mechanismen“ der marktlich organisierten kapitalnutzenden Produktion im Wettbewerb. Das hat mit Gut und Böse zunächst einmal überhaupt nichts zu tun. Und auf dem gleichen Niveau bewegt sich wohl auch Masons Verkennung der Ursachen einer „Balkanisierung“ des World Wide Web: es sind letzten Endes die Interessen des globalisierten Finanzkapitals, die diese Balkanisierung herbeiführen, und nicht etwa „Putin“ oder Chinas derzeitiges Staatsoberhaupt.

Mason spricht gerne wie der Anführer zu seiner Truppe in der „Wir-Müssen“-Form, und von „unserem Projekt“. Und wenn er nun behauptet, unser Projekt „fußt auf Solidarität, der spontanen Verbundenheit der arbeitenden Menschen und der Freundlichkeit ihres Umgangs miteinander“, dann bewegt er sich mit seiner Gesellschaftsanalyse auf einem Niveau weniger von Karl Marx, als von Karl May. Nach seiner Vorstellung geht es um die mentale Verfassung eines Pfadfindertrupps mit Feindberührung, und wenn dieser mal zufällig seine Freundlichkeit und spontane Verbundenheit vergisst, dann vergisst auch die Menschheitsgeschichte ihren großen Plan.

Dann folgt ein selten mal zu sehender Fall von Vorwärts-Rückwärts-Seitwärts-und-dann-das-Gegenteil-Analyse: „Rosa Luxemburg sagte in ihrem Buch ‚Die Akkumulation des Kapitals‘ dem Kapitalismus bekanntlich den Untergang infolge einer Unterkomsumtionskrise voraus. Eines Tages werde es nichts mehr zu kolonisieren, also für die imperialistischen Länder keine neuen Märkte mehr zu erobern geben, weshalb mangelnder Konsum die finale Krise auslösen werde. Eine berühmt gewordene Fehlprognose!“ … glaubt der Musiklehrer Paul Mason.

Die „Informationsmaschine“, mit der wir es heute zu tun haben, sei allerdings „anders“. Nein, muss man da sagen, sie ist nicht anders, Herr Mason, denn auch sie steigert die Produktivität, wie er einige Sätze später selber erkennt: „Sie beschleunigt und vereinfacht die Produktion materieller Gegenstände enorm. Sie industrialisiert die Wissensproduktion und schafft organisatorische Innovationen. Zugleich erhöht sie die Produktivität des Einzelnen“. Richtig, und nicht nur die Produktivität einzelner, sondern der „Großen Industrie“ ganz allgemein. Das hatte auch schon Rosa Luxemburg, und vor ihr Karl Marx erkannt, auch wenn es die Informationsmaschine damals noch nicht gab. Es gab aber damals Maschinen, die nützliche Arbeit tun, und um nichts anderes handelt es sich bei der Informationsmaschine. Und darum ist es, wie wir später sehen werden, genau diese Unterkonsumtionskrise, die im Verhältnis zur geschaffenen Produktivität zu geringe Nachfrage, die dem Kapitalismus die nun überall zu beobachtenden Probleme bereitet, Sparschwemme, Nullzinsen, Investitionsstau, trotz aller „Anpassungsfähigkeit“ des Kapitalismus, und der bis zur Absurdität und an die Grenzen der ökologischen Zumutbarkeit getriebenen Konsumbereitschaft der dazu kunstvoll stimulierten Konsumenten.

Mason glaubt nun: „… anders als jede andere Maschine vor ihr schafft die ‚Informationsmaschine‘ Gebrauchswert.“ Da unterliegt der Musiklehrer Mason wieder einem Irrtum. Es hängt nicht von der Beschaffenheit einer Maschine ab, ob sie Tauschwert oder Gebrauchswert schafft, sondern davon, ob das Produkt vom Erzeuger, vom Besitzer dieser Maschine gebraucht, oder getauscht wird, ob er es also im eigenen Gebrauch konsumiert, oder gewerbsmäßig tauscht. Und das hat mit dem „Computer, der sich selbst kontrolliert“, aber auch gar nichts zu tun. Gebrauchswert ist „wirklicher Reichtum“, wie Marx sagte, während das Geld, der Tauschwert, abstrakten Reichtum darstellt; und der „wirkliche Reichtum“ hat die enorm wesentliche Eigenschaft, endlich zu sein, während der abstrakte es nicht ist. Hat Mason das verstanden? Und was wäre wohl erst, wenn es sich nicht um eine Informationsmaschine, sondern um eine Fabrikationsmaschine handelt, die Gebrauchswerte schafft? Wie sieht es dann aus mit dem Ende des Kapitalismus… man weiss es nicht, ab Mason da etwas ahnt.

Weiter im Text: Mason kennt vermutlich nicht die Gödelschen Unvollständigkeitssätze und deren Bedeutung für die Grenzen der Leistungsfähigkeit von Computern. Sonst wüsste er, dass diese dem Vermögen der „Selbstkontrolle des Computers“ Grenzen setzen. Und dieser Satz schließlich: „Ein Rechnersystem wie Googles Deep Mind Neural Network, das ohne menschliche Eingriffe lernt, eröffnet ein ganz neues Kapitel der Menschheitsgeschichte.“ …. ist pure Musiklehrer-Science-Fiction-Gläubigkeit.

Mason glaubt nun, vier „neuartige Auswirkungen der Informationstechnologie“ zu sehen, „mit der sich Mainstream-Wirtschaftswissenschaftler schwertun, die wir aber verstehen lernen sollten“. Eine – Verzeihung – Curry-Wurst-Analyse, die den Geist eher stumpf, dem Magen aber doch irgendwie Appetit macht. Was glaubt er:

  1. Information sei „anders“, das sei der „Null-Grenzkosten-Effekt, der manche Dinge stark verbilligt und den Preis informationeller Güter gegen null tendieren lässt – es jedenfalls ermöglicht, sie gratis zu reproduzieren.“ Was sind informationelle Güter? SPIEGEL-online? Wikipedia? Amazon? Hier ist es – für Ökonomen eigentlich leicht verständlich, für Musiklehrer vielleicht nicht – einfach so: Wikipedia finanziert sich durch Spenden, SPIEGEL-online durch Werbung, und Amazon durch seine Verkaufsprovision. Jede wertvolle Information, die über die – meist staatliche – Infrastruktur des Internet bezogen und vertrieben werden kann, wird mit Arbeit, Kosten und Aufwand hergestellt. Die Konsumenten dieser Erzeugnisse bezahlen entweder dadurch, dass sie Werbebotschaften über sich ergehen lassen, oder dass sie spenden, oder dass sie direkt bezahlen, etwa ein Abonnement buchen. Die „Digitalisierung“ hat da keinen anderen Effekt als den, die Vervielfältigung der mit Arbeit erzeugten Informationen etwa im Verhältnis zum Bedrucken von Papier viel billiger werden zu lassen, und die Grenzkosten, also die Kosten jeder zusätzlich erzeugten Kopie einer Information, tatsächlich gegen Null sinken zu lassen. Aber sonst, und im Prinzip, ist (fast) genau nichts „anders“ an der Erzeugung von Informationen als es vor der Digitalisierung war, oder auch vor dem Kapitalismus, zur Zeit der Gutenberg-Bibel.

  2. Mason glaubt, die „Automatisierung“ sei eine neuartige Auswirkung der Informationstechnologie: „Die Ablösung der Arbeitszeitdauer von der Höhe der gezahlten Löhne stellt schon eine der Auswirkungen dar, eine weitere zeigt sich darin, dass die Grenzen zwischen Arbeits- und Freizeit verschwimmen“. Wo ist das denn der Fall? Dass Arbeit unabhängig von der bemessenen oder in Rechnung gestellten Arbeitszeit bezahlt wird, kommt vor, ist aber eher die Ausnahme, etwa bei einem medizinischen Gutachten oder einer notariellen Beurkundung eines Vertrages, hat aber dann nichts mit zur Verwendung kommender Informationstechnologie zu tun. Dann erkennt auch Mason, dass es um die Vernichtung von Arbeitsplätzen durch IT geht: „Natürlich besteht das Problem nicht schlicht darin, dass die IT einen Arbeitsplatz vernichtet und den Arbeiter einfach durch einen Roboter ersetzt. Es geht vielmehr darum, dass die Automatisierung es ermöglicht, die gleichen Tätigkeiten mit viel, viel weniger Leuten zu verrichten.“ Nein sowas, erstaunlich gut erkannt. Es geht um die Steigerung der Arbeitsproduktivität, pro Kopf und Stunde. Und, auch das ganz richtig erkannt: „Wir wären technisch dazu in der Lage, massenhaft zu automatisieren, aber es kommt nicht dazu. Die jüngsten Beschäftigungszahlen aus Amerika sprechen für sich: Für Leute ohne Oberschul- oder Hochschulabschluss herrscht dort nahezu Vollbeschäftigung. Die Gruppe derer, die mit 16 oder 18 Jahren von der Schule abgingen, hat – soweit sie noch berufstätig sind, denn natürlich sind viele krank und manche im Gefängnis – zu fast 97 Prozent Arbeit. Und worin besteht diese? In Tätigkeiten, die in einer voll automatisierten und informationsgesättigten Gesellschaft nicht wirklich von Menschen verrichtet werden sollten, weil Maschinen sie erledigen könnten.“ Richtig, so ist es, die Löhne sind schon so tief gefallen, das der technische Fortschritt allmählich zum Erliegen kommt – die Industrie verzichtet auf Technik, weil die Löhne so niedrig sind. Das ist aber keineswegs ein anzustrebender Zustand, wie Mason hier richtig bemerkt, die Menschen stecken in unwürdigen repetitiven Sklavenjobs.

  3. Nun zum „Netzwerkeffekt“: Das ist richtig, und schon lange breit diskutiert und erkannt. Mason zitiert: „Theodore Vail, der Chef des Unternehmens Bell Telecom, erklärte ihn folgendermaßen: ‚Je mehr Menschen das Netzwerk erfasst, desto nützlicher ist es und desto größer ist sein kommerzieller Wert.'“ Richtig, und die Folge ist die Bildung sogenannter „natürlicher Monopole“, die sich gewissermaßen von selber bilden, ohne etwaige unzulässige Eingriffe in die Funktionsfähigkeit des Marktes. Und wie reagiert man darauf? Dazu später.

  4. Zur „informationellen Asymmetrie“: „Hier besteht die spontane Reaktion darin, sie als rechtmäßig zu akzeptieren. Theoretisch heißt es im Kapitalismus, Information müsse jeder und jedem zugänglich sein – es dürfe da keine Asymmetrie, kein Machtungleichgewicht geben. Doch wenn es um Amazon, Google, Facebook, die großen Fluggesellschaften oder Big Business geht, bescheinigt jede Verfügung, jede Regulierungsmaßnahme der EU-Kommission oder der US-Bundesregierung diesen Firmen, dass sie zu Recht mehr Information besitzen als unsereiner.“ Das wird zu Zeiten etwa der Gründung der Kaufhäuser von Hermann Tietz ab 1882 nicht viel anders gewesen sein, eine informationale Asymmetrie zwischen Produzent und Konsument besteht in gewissem Rahmen immer, das ist nicht eine originäre Folge der IT, und auch nicht die Bereitschaft der Regierungen, diese zu akzeptieren; dies ist eher ein Symptom der Übermacht der Kapitalinteressen, die diese inzwischen gewonnen haben.

Was soll nun nach Masons Vorstellung mit den Monopolen passieren – er will sie zerschlagen, wie einst Roosevelt mit seinem New Deal. Aber das ist in diesem Fall Unsinn: den Netzwerkeffekt auszunutzen ist ja absolut sinnvoll, es macht Sinn, wenn es nur einen einzigen Anbieter gibt etwa für so ein Kommunikationsnetz wie Facebook, wo sich alle Interessenten treffen. Dieser Anbieter darf dann nur kein privates Unternehmen sein, mit privaten Erwerbsinteressen. Es gewinnt eine Machtfülle wie ein hoheitliches Organ, und muss dann auch der gleichen demokratischen Kontrolle unterliegen, und an die gleichen Pflichten gebunden sein. Eine Zerschlagung in mehrere private Anbieter macht hier also keinen Sinn; Roosevelt hat damals produzierende Unternehmen zerschlagen, in einer Zeit, als die Märkte noch enormes Wachstumspotenzial besaßen. Mason weist hier hin auf die Einschätzung Evgeny Morozovs, der ebenfalls findet, „es sei vielleicht vernünftiger, eine öffentliche Infrastruktur“ zu installieren.

Was folgt aus all dem für Mason: „… müssen wir uns für radikale und beschleunigte Automatisierung einsetzen, ja, Begeisterung dafür wecken. Das geht aber nur, wenn die Sache subventioniert wird. Hier kommt das Grundeinkommen ins Spiel: als Voraussetzung und Begleitung dieses Prozesses.“ Wie um Himmels Willen stellt er sich das vor? Die Sache subventionieren? Er will also einerseits eine Automations- oder Digitalisierungsprämie einführen und den Staat zahlen lassen, und gleichzeitig ein „Grundeinkommen“? Muss man das im Einzelnen vorrechnen, was das für eine absurde Idee darstellt?

Die nächste Idee: „Eine zweite Voraussetzung wären grundlegende Dienstleistungen, die für prekär Beschäftigte günstig oder gratis bereitgestellt werden. Wenn wir Labour-Leute Uber- oder Deliveroo-Fahrer zu agitieren versuchen, sagen die uns: ‚Na ja, von einer Gewerkschaft versprechen wir uns nicht viel. Was haben wir schon von fünf Prozent mehr Lohn! Was wir brauchen, sind billige Wohnungen und niedrige Fahrpreise. Bitte, kümmert euch lieber um die Kosten fürs Wohnen, für Verkehrsmittel, für Bildung und Erziehung!‘ Dafür gibt es einen ganz elementaren ökonomischen Grund: Wir müssen die Kosten für die Reproduktion der Arbeitskraft senken.“ Richtig, das müssen „wir“, aber wer ist denn „wir“? Wer soll denn billige Wohnungen bauen und anbieten, wer soll billige Verkehrsmittel, Bildung und Erziehung zur Verfügung stellen? Das können offenbar nur öffentliche, gemeinnützige und nicht private, renditegetriebene Anbieter sein.

Eine private „Mobiltelefonfirma“, sagt er dann, nutzt „die öffentlichen Frequenzen“, um ihren Handyservice zu betreiben, und schafft dann „fünfzig verschiedene Tarife“, die „den Verbraucher im Dunkeln darüber lassen, welcher der beste ist“. Man müsse klar sagen, welcher der beste ist, damit es „im Ergebnis dann natürlich nur einen Preis, nur einen Tarif geben“ wird. Das ist richtig. Braucht man dazu private Telefonanbieter? Eben nicht. Die brauchen nur Kapitalinvestoren, um den Menschen das Geld kunstvoll aus der Tasche zu ziehen. Wenn es das ist was Mason sagen will, hat er damit Recht.

Und dann geht es bei Mason um die KI, als sei das ein besonderer Fall von IT – ist es nicht. Es geht immer wieder nur um Kostensenkung und Produktivitätssteigerung. Das große Haus SAP zum Beispiel, der größte Name in Europa, wenn es um IT geht, hat nun auch die KI entdeckt, und möchte seinen Kunden das „intelligente proaktive“ Unternehmen verkaufen – doch auch das „intelligente Unternehmen“, das nun in großem Umfang KI einsetzt, wird nichts anderes sein als ein hoch automatisiertes Unternehmen, das hoch produktiv ist und seine Leistung kostengünstig, also mit möglichst wenig Einsatz von menschlicher Arbeit anbietet.

Die wichtigste Art von Transformation der IT-gestützten Fabrikation, die auch eine Transformation der Kunde-Produzent-Beziehungen ermöglichen würde, und damit eine Transformation der Kapital-Arbeit-Beziehung, und damit eine Transformation der kapitalgestützten Wertschöpfung an der Quelle ihrer Entstehung, bleibt Mason verborgen. Die wichtigsten Transformationen der IT, der IT-gestützten Fertigungstechnologie, die mit der gepriesenen Industrie 4.0 unerkannt mitgeliefert werden, nämlich der Wandel von der Einzweck-Automation der frühen Industrialisierung zur kommenden Viel- oder Allzweck-Automation, zu hochflexiblen und sogar universalen On-Demand-Fertigungssystemen, die erst all das ermöglichen, wovon Mason träumt, vermag er sich nicht zu entschlüsseln.

Zum Schluss verkündet er die frohe Botschaft: „Wir werden keinen Mangel leiden, weil der Staat eingreifen und dafür sorgen wird, dass alles billiger und – wo immer es möglich ist – kostenlos oder sehr, sehr günstig zu haben sein wird.“ Wie kommt der Staat auf einmal ins Spiel? Wie soll der Staat plötzlich dafür sorgen, dass „alles billiger“ wird? Und sogar kostenlos? Wie der Musiklehrer Mason sich das vorstellt, bleibt hier im Unklaren, klar aber ist: der Staat müsste auch Produzent sein von „allem“, um dafür sorgen zu können, dass „alles billiger“ und sogar kostenlos wird, denn sonst müsste er Privatunternehmen ihre Null-Grenzkosten-Preise vorschreiben, und da würden die erheblichen Widerspruch einlegen. Wie aber wiederum der Staat Produzent sein oder werden könnte, ohne dass man wieder beim Trabi, dem Rotkäppchen-Sekt und dem Herrenmode-Kombinat „Elegant“ in der DDR landet, dass es um genau diese Gretchenfrage geht, das dringt bei Mason erst gar nicht vor ins Problembewusstsein.

Aber er steigert sich noch mit den frohen Botschaften an seinen Pfadfindertrupp: „Natürlich wird es, ökonomisch gesehen, nicht wie in einer auf Wachstumssteigerung fixierten Gesellschaft zugehen. Stattdessen werden wir in einer sehr, sehr glücklichen Gesellschaft leben.“ Hurra, rufen die. Gut, dass er diesen deus ex machina noch im Ärmel hatte. Weil es so schön klingt, will man gar nicht mehr danach fragen, wie das denn nun genau vor sich gehen soll. Nicht wie in einer auf Wachstum fixierten Gesellschaft… ach so, lösen wir doch einfach die Fixierung. Das geht einfach, da muss man auch gar keine Bücher lesen.

Und besonders gut können das, erkennt der Angelsachse Mason, die Deutschen: „Sie haben sich meiner Meinung nach nie einreden lassen, dass im menschlichen Leben letztlich alles auf Marktprozesse reduziert werden kann, jedenfalls nicht so wie es Engländern und Amerikanern passiert ist. Deshalb hat die Diskussion darüber, wie die Vision vom guten Leben sich verwirklichen ließe, in Deutschland viel bessere Startbedingungen.“

Hätte diese Worte doch Karl Marx noch vernommen. Im menschlichen Leben kann nicht alles auf Marktprozesse reduziert werden! So eine tiefe ökonomische Einsicht. Und wie kann man das verhindern – indem man sich weigert, sich das einreden zu lassen.

Die Keimzelle des Kapitalismus ist die Ware, sagte einst Karl Marx. Hätte er doch Paul Mason schon gekannt, dann hätte er gesagt: Leute, ihr wollt doch keinen Kapitalismus. Weigert euch, euch das einreden zu lassen.

Und jetzt noch ne Curry-Wurst.

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