Ein unvollendetes Projekt …

Das bislang letzte Buch, das ich gekauft habe, war eines aus dem Antiquariat: „Die Moderne, ein unvollendetes Projekt“, von Jürgen Habermas. Erschienen ist es damals im Reclam-Verlag, ein schmales Bändchen mit „philosophisch-politischen Aufsätzen“ aus den Jahren 1977 bis 1990. Ich fühlte mich gedrängt, diesem für meine Begriffe etwas inflationär verwendeten Begriff der „Erzählung“ und deren Entstehungszusammenhang im Denken der „Postmoderne“ etwa um den Philosophie-Lehrer Jean-François Lyotard oder den „Dekonstruktivisten“ Jacques Derrida nachzugehen. Dabei hatte ich aber bald den Eindruck: es lohnt sich garnicht dem zu viel Aufmerksamkeit zu wirdmen, denn gelöst sind die da aufgeworfenen Fragen m. E. ohnehin, und außerdem können wir es uns einfach nicht mehr erlauben, diesen platz- und zeitraubenden intellektuellen Gedankengespinsten nachzugehen; dazu fehlt einfach die Zeit. Wir stecken ja mitten drin in diesem großen, ungeheuer wichtigen, tatsächlich aus vielerlei Hinsichten überlebenswichtigen Projekt der Moderne. Dessen Vollendung ist allerdings womöglich nicht nur nicht abgeschlossen, sondern wird, wie im schlimmsten Fall zu befürchten ist, vielleicht auch nie mehr abgeschlossen werden können – wenn wir nicht sehr wachsam und vorsichtig sind.

Woher kommt aber diese lawinenartige Verbreitung des Begriffs Erzählung? Im Kern geht es doch nach wie vor um das philosophische Projekt der Aufklärung, um die Autorität der Vernunft, um die Emanzipation und den Aufbruch aus der selbstverschuldeten Unmündigkeit, und das lässt sich sozusagen nicht wegerzählen. Dieses Projekt hat auch eine (wohlbekannte) ökonomische Innenansicht: Ökonomisch gewendet geht es um den Primat der Vernunft über diese notorisch schwer zu beherrschenden Vorgänge; also um diese vertrackten sozioökonomischen Vorgänge, um das zu gewinnende Verständnis davon und die daraus zu gewinnende Handlungsmacht darüber. Es geht also um die Bewegungsgesetze des Industriekapitalismus, ihre innere Entwicklungslogik und um die Frage, wie die Vernunft sich ihrer bemächtigen kann.

Zum Glück sind diese Gesetze aber im Grunde (man kann sagen: glücklicherweise..) einfacher zu durchschauen, zu verstehen und zu erklären als die etwas überspannten intellektuellen Besorgnisse dieser französischen Geistesakrobaten vermuten lassen, denn eigentlich liegen die wesentlichen und für uns alle relevanten Fakten recht klar auf der Hand. Die Bewegungsgesetze des Kapitalismus beherrschten die Entwicklung etwa drei Jahrhunderte lang, und zu deren Ende hin spielt sich dann dieses Drama ab, das eigentlich in wenigen markanten und wohl verstandenen Stichworten zu fassen ist: seit dem unausweichlichen Ende des Produktivkapitalismus geht es um den unaufhaltsamen Fall der Profitraten, um Niedrigzinsen und Kapitalschwemme, später dann immer mehr um Anlagennotstand, Blasenbildung an den Börsen und Vermögenspreisinflation, und auf der anderen Seite (also der Seite der Vermögensnichtbesitzer) um immer gigantischere Schuldenberge, sowohl öffentliche als auch private, und zwar in einer solchen Höhe, dass sie nie mehr, und zwar in alle Ewigkeit nicht, zurückgezahlt werden können. Darüber sollten sich die Liebhaber von „Erzählungen“, vor allem auch wenn die immer katastrophaleren klimatischen Veränderungen ins Blickfeld der (exakten) Wissenschaften rücken, einmal Klarheit verschaffen.

Statt um geistreiche Erzählungen sollten wir uns also besser um das Ausgraben und die Wiederentdeckung lange schon verfügbarer Schätze anerkannter Theoriebildung bemühen, und die sollten uns eigentlich auf kurzem Wege klarmachen können, dass wir uns tief in einer finsteren Sackgasse befinden, aus der es ohne einen fundamentalen Neubeginn keinen Ausweg gibt. Allerdings folgt gleich die große Frage: was bzw. wo ist denn der Ausweg zu finden, wie zu erklären und zu beschreiben? Dieser Ausweg ist naturgemäß leider nicht so leicht zu benennen oder zu beschreiben; andererseits aber, so sei im Vorgriff auf das Folgende behauptet, gibt es ja durchaus Hinweise, die diesen großen Theorieschöpfungen entstammen, und, wie ebenfalls im Vorgriff auf das Folgende behauptet werden soll, gibt es auch Hinweise aus der jüngeren Vergangenheit und Gegenwart, und die kommen, wie mit aller Vorsicht und Zurückhaltung an dieser Stelle schon einmal andeutungsweise behauptet werden soll, nun aus China.

Verschwörungserzählungen …?

Warum also Erzählung? Lyotard erklärte das, was die Schöpfer methodischer Theoriebildung eben „Theorie“, Denkschule oder auch „philosophisches System“ genannt haben, zu einer „Erzählung“; darum sei das eben keine Theorie mit ihrem zugehörigen umfangreichen Instrumentarium zur Prüfung, Ausbildung und Entwicklung und idealerweise auch späteren Anerkennung einer Theorie, und mit ihrem Anspruch auf (überzeitliche und ortsunabhängige) Allgemeingültigkeit, sondern – eben nur eine Erzählung, so wie ein Märchen nicht mit dem Anspruch auf theoretische Nachprüfbarkeit und logische Konsistenz und Fehlerfreiheit daherkommt, sondern vielleicht mit seiner ästhetischen Qualität, seiner schöpferischen Originalität und vielleicht seiner Prägnanz und Einmaligkeit. Ein Märchen mag nachfühlsam erzählt sein und eine – subjektive, gefühlte – Wahrheit besitzen, aber genau darum ist es eben keine Theorie. Vielleicht ist es aber auch genau das, was den Begriff der Erzählung so unwiderstehlich und allgemeinbeliebt macht: er erspart die scharfe, präzise Sprache und die Mühen der sauberen Begriffsbildung und -verwendung, er macht alles und jedes irgendwie wahr oder auch nicht, er entlässt klare präzise Sprache und Begrifflichkeit in den nassen Schwamm der subjektiven kurzlebigen Beliebigkeit. Damit ist leider auch der Mißdeutbarkeit und im schlechteren Fall der absichtlichen Fehldeutung und Täuschung Tür und Tor geöffnet. Wenn der Begriff der Erzählung etwa in medizinischen oder iuristischen Zusammenhängen, wenn es dann um Rechtsfindung und dauerhafte, orts- und zeitunabhängige Rechtsgültigkeit geht, einen ähnlichen Bedeutungswandel erleben würde, gäbe es keinen Unterschied zwischen Recht und Unrecht mehr, und es würde nicht lange dauern, bis die Welt sich im Chaos des Faustrechts und des Rechts des Stärkeren wiederfände.

In letzter Zeit wimmelt es nun geradezu von immer kurioseren Varianten von Mythen und Erzählungen, und besonders beliebt sind offenbar Erzählungen über Verschwörungen. Die Verschwörungstheorien, die es einmal gab (und noch immer gibt), waren im Sinne einer definierten Begrifflichkeit zu verwenden: Verschwörungstheorien waren (bzw. sind) Täterhypothesen zu Tätergruppierungen mit bestimmten Zielsetzungen, die z. B. auch die Geheimhaltung verfolgter Absichten untereinander beinhalten. Was eine „verschworene Gemeinschaft“ ist, weiß der Volksmund aus der Erfahrung, und wenn es sich bei so einer Gemeinschaft um größere, dauerhafte Gebilde mit komplexer Organisation und mit eindeutig kriminellem Hintergrund handelt, werden über deren Existenz von den Strafverfolgungsbehörden als vorläufige Erklärung Hypothesen gebildet und verwendet. Das nennt man: Verschwörungstheorie, und das ist die einzige sinnvolle Verwendung dieses Begriffes. Es geht um hypothetische, beweisbedürftige, prinzipiell beweisbare und, im Falle erfolgreicher Beweisführung, erwiesene Theorien zu Verschwörungen, und jeder Kriminalist weiß, um was es sich dabei handelt.

Was sind aber nun Verschwörungsmythen, Verschwörungserzählungen, Verschwörungsanhänger oder Verschwörungsmystiker? Von Verschwörungstheorien oder Verschwörungstheoretikern weiß man, was das ist; ein Verschwörungstheoretiker ist jemand, der sich auch selbst so bezeichnet, es ist jemand, wie gesagt, der Täterhypothesen oder Tätertheorien im Falle von Verschwörungen entwickelt. Aber was sind Verschwörungsmythen? Oder Verschwörungsmystiker? Das sind offenbar denunziatorische Zuschreibungsbegriffe; „Verschwörungsschwurbler“ oder Verschwörungsmystiker sind immer die anderen; es ist immer das, was klügere Menschen (die sich dafür halten, also sie selber) über weniger Kluge (also die anderen) wissen oder zu wissen glauben oder behaupten. Diese „Mythen“ oder Erzählungen stammen immer von den anderen, die sie selbst nicht erzählen oder die sie für sie selbst nicht geltend machen; sie sich selbst sehen oder verstehen sich nicht so. Es sind jeweils gegen andere gewendete Kampf- oder Exklusionsbegriffe, die diejenigen, die sie verwenden, gegen andere verwenden, und die sie für sich selbst aber nicht verwenden würden. Es geht dabei immer darum, andere aus einer Diskussion, aus einem Meinungsaustausch als der Teilnehmerperspektive auszuschließen: ach so, klar, du bist Verschwörungsmystiker, dann bist du nicht zurechnungsfähig, mit dir muss ich darum gar nicht reden und mir deine Argumente anhören, um Dich kann (oder muss) ich mir allenfalls Sorgen machen.

In dieser scheinbar so beliebten Rede von den vielerlei Erzählungen, die keine schärfer zu präsisierenden Aussagen sein müssen, steckt darum ein durchaus Besorgnis erregender Kern. Aus der Diskursethik weiß man, welche Anforderungen an Diskurse zu stellen sind, und daraus ergibt sich nicht nur die Pflicht, an Diskursen überhaupt teilzunehmen, sondern auch die Pflicht, an ihnen auf eine Weise teilzunehmen, die die Möglichkeit zur Verständigung nicht prinzipiell ausgeschließt. Das ist es aber wohl, was mit der Rede von „Verschwörungsmystikern“ erreicht werden soll.

Öffentliches Ignorieren?

Tatsächlich geht es bei all diesen denunziatorischen Reden von Verschwörungsmythen oder -erzählungen oder -anhängern um genau das: um „gezieltes, bewusstes, strategisch eingesetztes, konsequentes öffentliches Ignorieren. Soziale Ächtung durch mediale Nichtbeachtung.“ Das ist der konsequenteste Verstoß gegen Grundregeln der Diskursethik, der überhaupt denkbar ist. Soziale Ächtung durch Nichtbeachtung ist sozusagen diskursive Vernichtung, das ist etwas, was jemand tut, der sich nicht anders mehr zu helfen weiß als dem „zwanglosen Zwang des Argumentes“ auszuweichen, und zwar dauerhaft und konsequent. Sag was du willst, aber deine Argumente sind für mich Luft; als denkender, am Diskurs teilnehmender, argumentierender Mensch bis du tot. Welche Gründe kann jemand haben, dem es so wichtig ist, diesem zwanglosen Zwang des Argumentes auszuweichen? Dauerhaft und konsequent?

In der ZEIT, diesem in besseren Tagen hoch ehrenhaften und anerkannten Medium des zwanglosen Diskurses, wurde kürzlich zu genau diesem Mittel gegriffen, weil man sich offenbar nicht mehr anders zu helfen wusste als so: jemanden sozial zu ächten. Es ging um einen – sehr aufwändig – gemachten Podcast, in dem jemand mit vielen Worten und kunstvollen medialen Mitteln klargemacht werden sollte, dass er eben das sei: ein Verschwörungsmystiker, – erzähler oder -theoretiker. Und die Autoren der ZEIT kamen trotz ausgreifend getriebenen Aufwandes zu dem Schluss, dass ihnen nichts anderes übrig bleiben würde, als ihr an den Pranger gestelltes Opfer medial zu ächten: „Nach allem, was in den letzten Monaten und Jahren zu beobachten war, bleibt im Grunde nur eine Lösung: gezieltes, bewusstes, strategisch eingesetztes, konsequentes öffentliches Ignorieren. Soziale Ächtung durch mediale Nichtbeachtung.“ (Die ZEIT )

In diesem Podcast ging es um einen offenbar hoch ignorierenswerten Zeitgenossen, nämlich den berüchtigten „Verschwörungsmystiker“ Ken Jebsen. Der 6-teilige,je etwa 1-stündige Podcast mit dem Titel „Cui Bono: WTF happened to Ken Jebsen“ war von Sonntagabend, dem 13. Juni 2021, bis zum 11.7. abrufbar, in der ARD-Audiothek, bei N-JOY.de und bei allen gängigen Podcastplattformen; bei Radioeins sonntags um 20 Uhr, bei N-JOY sonntags um 21 Uhr, und bei rbbKultur montags um 19 Uhr.

Warum, um Himmels willen, treibt man solchen Aufwand, nur um jemanden medial zu ächten, also mundtot zu machen? Muss da jemand solche Angst haben vor Argumenten?

Wenn jemand ohne gute Argumente versucht, seine Ansprüche durchzusetzen, greift er gewöhnlich als letztes Mittel zu gewaltsamem statt argumentativem Zwang zur Durchsetzung seiner Ansprüche. Da bleibt, wie aus der qualvollen Geschichte nur zu bekannt, nur das Recht des Stärkeren. Sonst aber, unter friedliebenden zivilisierten Menschen, werden Argumente ausgetauscht, und nach aller bisherigen Erfahrung in Rechtsstaaten und entwickelten kultivierten Gesellschaften hat sich das bessere Argument bisher auch durchgesetzt, auf diese zwanglose und nur argumentativ zwingende Art. Aber wenn jemand dem Argument ausweichen muss, weil er keine andere Möglichkeit sieht als jemanden sozial zu ächten? Dann, so wird man konstatieren müssen, stimmt etwas nicht, dann ist etwas faul im Staate Dänemark, und zwar ganz massiv. Verdächtig macht sich dann aber nicht der „Verschwörungsmystiker“, sondern der, der jemanden dazu erklärt, eben um ihn damit medial zu ächten. Also – what the fuck – steckt dahinter?

Dieser Hang, andere Menschen aus diesem oder jenem Grund medial zu ächten, scheint ein wenig, oder auch ein wenig zu viel, um sich zu greifen. Einer der Unglücklichen z. B., derer man sich nur dadurch zu entledigen weiß dass man sie sozial und medial ächtet, ist der Enthüllungsjournalist Julian Assange. Wie der Jurist und UN-Menschenrechtsbeauftragte Niels Melzer in seinen umfangreichen Recherchen nachgewiesen hat, ist Julian Assange völlig zu Unrecht nicht nur medial geächtet, sondern auch jahrelang zu Unrecht seiner Freiheit und seiner Rechte beraubt worden und wird nun unter menschenunwürdigen Verhältnissen in einem berüchtigten Londoner Gefängnis eingekerkert. Die mediale Öffentlichkeit, die sich so große Sorgen macht um die öffentliche Wahrheit und sich fürchtet vor allerhand namenlosen oder namhaften Verschwörungstheoretikern, kümmert sich einen Dreck um die Rechte von Menschen, die als Medienschaffende keine anderen Interessen verfolgen als auf massive Menschenrechtsverletzungen aufmerksam zu machen, in dem konkreten Fall um Kriegsverbrechen. Wenn Medienschaffende, die die Aufgabe haben sollten, auf Kriegsverbrechen aufmerksam zu machen, scheinbar nichts anderes im Sinn haben als echte Medienschaffende medial zu ächten – ist dann vielleicht etwas stinkend faul mit der medialen Öffentlichkeit?

Das unvollendete Projekt

Zurück zum Projekt der Aufklärung. Die Aufklärung war (und ist) der Vernunft verpflichtet, oder die Vernunft der Aufklärung. Die Bewegungsgesetze des Industriekapitalismus führen das immer erfolgreicher und massenhafter akkumulierte Kapital nun an die Grenzen der Möglichkeiten, aus dem akkumulierten und verfügbar gemachten Kapital immer weiter neues Kapital zu schaffen. Das war nur zu gut vorauszusehen, und die Gesetze der Vernunft hätten zur Schaffung von Wegen und Möglichkeiten führen sollen oder auch müssen, mit dem unrealisierbaren Versuch der endlosen Neuschöpfung von Kapital aufzuhören, um ihre Verhältnisse nun anders zu regeln, und neue Ordnungen der Gesellschaften zu schaffen, die anderen – und höheren – Zielen dienen und verpflichtet sind. Aber die Menschen, die die Besitzer dieser ungeheuren Kapitalmassen sind, wollten und wollen bisher partout nicht aufhören mit dem Akkumulieren. Und jetzt bleibt ihnen scheinbar nichts anderes mehr übrig, als rechtsbrüchig, verschwörerisch und kriminell zu werden. Mit dieser nicht wenig deprimierenden Zeitdiagnose wird man sich – vorerst jedenfalls – vertraut machen müssen.

Was sollte aber vernünftigerweise geschehen, was sollten Menschen tun, wenn das Wachstum dennoch unabwendbar an seine Grenzen gestoßen ist?

Klar ist: Produktivvermögen hat ja einen Zweck, der nicht unbedingt daran gebunden ist, Gewinne zu produzieren. Produktivvermögen könnte auch verwendet werden, um Dinge zu schaffen, die verbraucht werden sollen, weil sie notwendig sind, aber nicht unbedingt immer mehr davon. Das bedeutet eigentlich schon, und auch ziemlich unausweichlich: dieses Produktivvermögen kann kein privates sein, denn sonst müsste es ja immer weiter sich vermehren und wachsen. Es soll aber nur verfügbar sein, ohne immer weiter zu wachsen. Es soll nur nicht abnehmen, oder vielleicht verderben oder sonstwie unbrauchbar werden. Es muss also eine bestimmte Menge, ein bestimmtes Volumen an Kapitalstock da sein, das sich selbst erhalten kann, ohne wachsen zu müssen. Das muss öffentliches Kapital sein, des der Kontrolle und der Verfügung der Öffentlichkeit untersteht, und das ist tatsächlich gar nicht anders möglich. Es darf nicht der privaten Verfügung unterworfen sein, und es darf nicht den gewöhnlichen Risiken des Wettbewerbs ausgesetzt sein, jedenfalls nicht so und in dem Umfang, wie bei ganz gewöhnlichem privatem renditesuchendem Kapital der Fall ist.

Andererseits muss es schon auch privates Kapital geben, das dem Wettbewerb vollkommen ausgesetzt ist und das die Aufgabe hat, attraktive Innovationen auf der einen Seite und Gewinne auf der anderen Seite zu schaffen.

Um es kurz zu machen: diesen Mix, diese Kombination aus großem, komplexem, öffentlich verwendetem und gemanagtem Produktivkapital und privatem Wagniskapital hat bisher nur ein Land in dieser Welt geschafft, und das ist China. Nur China hat diese Aufgabe und diesen Spagat zwischen öffentlich und privat dauerhaft und erfolgreich schaffen und bewältigen können. Mehr soll an dieser Stelle nun nicht gesagt werden, unter Verweis auf einige hervorragende Veröffentlichungen zu diesem Thema, zum Beispiel die kürzlich auf Telepolis erschiene Artikelserie des Ökonomen Wolfram Elsner (China lernt schnell und radikal, TP 10.7.2021

Da es dazu aber noch eine ungeheure Menge mehr dazu zu sagen gibt, kommt der Rest bald (versprochen).

Warum vernünftige Freiheit unmöglich ist, solange die Vernunft schläft (erschienen auf Telepolis)

Der letzte große deutschsprachige Philosoph mit weltweiter Reputation, Jürgen Habermas, sieht in seinem großen Alterswerk „Auch eine Geschichte der Philosophie“ die Welt durch die in ihm beschriebene Entwicklungsgeschichte des Denkens hindurch auf dem Wege zu vernünftiger Freiheit. Weil philosophische Beschreibungen immer auch normative Beschreibungen der Geschichte und ihres Zieles sind, also solche, die – im Gegensatz zur bloßen Erbsenzählerei des jeweils historisch Vorfindbaren, des Kontingenten, bloß Faktischen – Aussagen darüber zu machen beanspruchen, wohin die Entwicklungsgeschichte des Denkens die Menschen und ihre Lebenswelt führen soll, sagt Habermas damit, dass die Geschichte vernünftigerweise zu vernünftiger Freiheit führen soll. Diese Beschreibung enthält somit auch einen Gestaltungsauftrag an die – vernunftbegabte – Menschheit. „Warum vernünftige Freiheit unmöglich ist, solange die Vernunft schläft (erschienen auf Telepolis)“ weiterlesen

Marx, Roboter und die Fundamentalökonomie

Wenn das Wirtschaftssystem den Planeten und die Freiheit bedroht, sollte man darüber nachdenken, wie sich der „alltägliche Kommunismus“ der Fundamentalökonomie mit Hilfe der Roboter in einen weit weniger alltäglichen Kommunismus verwandeln lässt.

Der weltbekannte Jazz-Bassist Richard Bona, der in einfachsten Verhältnissen im Kamerun aufwuchs und sich auf selbstgebauten Instrumenten das Bass-Spielen beibrachte, schrieb neulich in seinem Facebook-Profil, er strebe in allen Dingen die er tue, an jedem einzelnen Tag nach Vollkommenheit. Und tatsächlich – ist es denn nicht genau das, was jeden Meister seines Fachs, sei er Künstler oder Handwerker, Wissenschaftler oder Ingenieur, auszeichnet? Ist es denn nicht immer diese dem Geist nur undeutlich und unerreichbar fern vorschwebende Idee von Vollkommenheit, die schaffende Menschen immer von neuem vorantreibt, diesem Ideal immer weiter sich anzunähern? Und das, ist es einmal in einem Werk erreicht und verwirklicht, unvergleichliche Faszination ausübt, und seinerseits für andere Menschen Ansporn darstellt, diesem Ideal nachzueifern?

Nun verbindet man mit diesem großen Wort Vollkommenheit eher dem Bereich profaner Nutzanwendungen entrückte Kunstwerke; von auf dem Markt handelbaren und industriell hergestellten Produkten erwartet man sie nicht unbedingt. Aber auch etwa die schwäbischen Mercedes-Gründer Carl Benz und Gottlieb Daimler wollten perfekte, vollkommene Autos bauen, und dem italienischen Auto-Genie Ettore Bugatti wird man vielleicht zugestehen wollen, es mit seinen erlesenen automobilen Skulpturen auch geschafft zu haben. Oder wie ist es etwa mit Möbeln, ersonnen von großen Möbel-Designern, wie den bis heute faszinierenden Schöpfungen der Bauhaus-Designer, vom weniger bekannten Charles Macintosh mit seinem bezaubernden Hill House-Stuhl bis zu den unvergessenen Namen Charles Eames, Gerrit Rietfeld, Le Corbusier oder Marcel Breuer? Oder in der Architektur? Oder vielleicht mit Fernsehgeräten, von Braun, oder auch von Sony?

Aber auch noch weit profanere Dinge können einen Grad von Perfektion erreichen, der in die entrückten Dimensionen von Vollkommenheit hineinreicht. Zum Beispiel – Software-Systeme. Software-Entwickler können ob des Anblicks von Programmcode in Verzückung geraten, und darin makellose Schönheit entdecken, Eleganz und Perfektion, und eben Vollkommenheit. Oder auch – Roboter. Oder ganze Produktionssysteme, wie etwa die „Open Integrated Factory“ von SAP, die individuelle Dinge auf Kundenanforderung herstellen kann, oder das „Roboter-Lego“ der jungen Firma Robodev, eine Art Lego-Baukasten, dessen Bausteine aus Modulen wie Klein-Robotern oder Transportsystemen bestehen, die man schnell und einfach zu flexibel verwendbaren automatischen Produktionssystemen zusammenstecken kann. Das Motto ist: „Einfach selbst automatisieren“.

Was macht ein Werk vollkommen? Die Regel form follows function war das auf den amerikanischen Architekten Louis Sullivan zurückgehende Design-Prinzip, das später vom Bauhaus übernommen wurde. Die function, die Funktionalität wiederum „bringt Normativität ins Spiel“, wie der amerikanische Philosoph John Searle formulierte; der Begriff ästhetischer oder funktionaler Vollkommenheit transportiert normative Ansprüche. Was macht nun etwa eine Software oder einen Roboter oder ein Fabrikationssystem vollkommen – offenbar die Fähigkeit, ihre Funktion auf vollkommene Weise zu erfüllen. Und worin besteht ihre Funktion vor allem und in erster Linie – wohl doch darin, Arbeit zu leisten, und so den Menschen von Arbeit zu entlasten. Das wiederum haben diese Artefakte mit allen solchen menschengemachten Dingen gemein, die Tools, Werkzeuge sind: Werkzeuge sind und waren nie etwas anderes als vorgetane Arbeit, um Arbeit einzusparen. Der Mensch ist, das wusste Marx von Benjamin Franklin, ein toolmaking animal, seit dem ersten Faustkeil, über das Rad und den Hebel, Pfeil und Bogen und Druckerpresse bis zum universal programmierbaren Automaten, und schließlich bis zur vollkommenen, vielfältigste Arten von Arbeit erledigenden und so menschliche Arbeit sparenden „smarten“ oder intelligenten Fabrik.

Insoweit ist die immer wieder von neuem mit immer neuem Elan diskutierte Frage, ob die digitalen Technologien inklusive Robotik und KI Arbeitsplätze vernichten werden, eigentlich eine nicht sehr originelle Frage. Genau dazu sind sie doch gemacht worden, Arbeit einzusparen, sonst wäre die Arbeit, die man aufgewendet hat um sie herzustellen, verschwendet. Bezogen auf die Frage nach dem Arbeitsplatz bedeutet das: wenn so ein Artefakt in einem definierten Arbeitsprozess so viel Arbeit einsparen kann, dass für den oder die diese Arbeit bisher erledigenden Menschen nicht genügend Arbeit übrig bleibt, um ihn oder sie dem Lohn entsprechend auszulasten, wird der Arbeitsplatz verloren gehen. Es sei denn, eine Firma ist großzügig und verschenkt den Lohn, was sie sich aber in den seltensten Fällen wird leisten können bzw. wollen. Bezogen auf eine ganze Ökonomie bedeutet das: wenn man vorgetane und eingesparte Arbeit saldiert, wird ein durchschnittliches Plus von einigen Prozent an Produktivitätsfortschritt dabei herauskommen, und dies nur dann, wenn ein möglicher Produktivitätsfortschritt durch sachgemäße Anwendung geschaffener arbeitssparender Technologien auch realisiert wird. Das ist nicht unbedingt der Fall, aber, wie die Geschichte seit frühester Steinzeit und insbesondere seit Start des Kapitalismus zeigt, sind Produktivitätsfortschritte wohl nicht nur ausnahmsweise erreicht worden. Seit Beginn der Industrialisierung haben sich Produktivität und Lebensstandard geradezu explosiv entwickelt.

Ist ein Produktivitätsfortschritt einmal erreicht, kann er prinzipiell auf dreierlei Weise verwendet werden: als Lohnerhöhung, als Arbeitszeitverkürzung, oder als Gewinnsteigerung des Unternehmens. Produktivitätssteigerungen bedeuten immer auch neue Spielräume zur Erweiterung des Konsums, durch verbilligte, verbesserte oder ganz neue Produkte. Solange danach Nachfrage besteht und die hinreichend attraktiven Produkte nicht plötzlich ausbleiben, kann die Wirtschaft wachsen, und tatsächlich ist dies in den wesentlichen Zügen ja der jahrhundertealte evolutionäre Prozess, der den frühindustrialisierten Gesellschaften den bis heute erreichten Lebensstandard beschert hat.

Wenn aber die Fähigkeit, durch leistungsstarke Technologien Arbeit einzusparen, die Möglichkeiten der konsumtiven Verwendung der eingesparten Arbeit dauerhaft übersteigt, weil die Ideen für die immer neue „Killerapplikation“, die sensationelle, alle Märkte stürmende, ganz neue und ganz neue Kapazitäten erfordernde Innovation ausbleibt, oder wenn andere Gründe – etwa ökologische – einem endlos weiter gesteigerten Konsum entgegenstehen, genau dann und erst dann wird im Feld der Ökonomie ziemlich vieles ziemlich anders.

Kann der Kapitalismus weiterleben? Meines Erachtens nicht.

Joseph Schumpeter, im linken Lager nicht gerade der geliebte Referenzökonom, vertrat im Gegensatz zu seinem Zeitgenossen John Maynard Keynes die Auffassung, dass der Kapitalismus nicht ewig weiterleben könne. Er werde sich gewissermaßen selbst in einen Folgezustand transformieren, den Schumpeter Sozialismus nannte. Als bedingende und auslösende Faktoren nannte Schumpeter genau diese beiden: Sättigung der Massenmärkte, und Vollkommenheit der Produktionsmittel.

Wann genau darf man nun einem so komplexen Werkzeug wie einem Produktionssystem, das Konsumgüter herstellen kann, Vollkommenheit zusprechen? Schumpeter dachte an möglichst hohe Produktivität, die ja vom Automationsgrad abhängig ist. Ist der Automationsgrad eines Arbeitsprozesses sehr hoch und geht gegen hundert Prozent, steigt die Arbeitsproduktivität der verbliebenen menschlichen Arbeiter, die in diesem Arbeitsprozess noch eine Rolle spielen, ins Unendliche. Ist eine Gesellschaft in dem Sinne reich geworden, dass sie über derart vollkommene Produktionsmittel verfügt, ist „das Problem der Ökonomie“ gelöst, wie Keynes erwartet hatte, denn die lebensnotwendigen und einen angenehmen Lebensstandard bescherenden Güter sind nicht mehr knapp. Doch obwohl das auf den ersten Blick völlig logisch und folgerichtig erscheint, hat bislang weder die Selbsttransformation des Kapitalismus stattgefunden, noch hat sich die 15-Stundenwoche durchgesetzt, und das Problem der Ökonomie scheint ungelöster denn je.

Bevor wir uns ökonomischen Fragestellungen zuwenden, bleiben wir noch einen Moment bei der Frage der Vollkommenheit der Produktionsmittel. Wie ja auch Marx wusste, träumte schon der griechische Philosoph Aristoteles von selbstbewegten, auto-matischen Werkzeugen, zum Beispiel dem berühmten Weberschiffchen, das mit dem Wissen begabt war, wie es seine Bewegungen zu steuern hätte, um ein textiles Gewebe entstehen zu lassen. Dieses Wissen ist in der modernen IT-gesteuerten Fabrik in ein Programm, also in Software gegossenes Wissen; die Fabrik ist seit dem Siegeszug von Alan Turings Universalrechner in die Fabrikhallen – man nun sagt – digitalisiert. Idealerweise ist so eine Fabrik also eine technische Apparatur, die sich durch in Software gegossenes Wissen steuern lässt, und vollkommen ist sie dann, wenn das von ihr erzeugte Produkt mit minimalem Aufwand und ohne Verschwendung von Ressourcen auto-matisch erzeugt wird, und dies möglichst genau so wie der Konstrukteur eines Produktes es erdacht hatte. Eine solche Fabrik wäre also eine vollkommene Spezialfabrik, die ein bestimmtes in einer Softwareprozedur beschriebenes Produkt fehlerfrei und mit minimalem Ressourceneinsatz herstellen kann.

Nun weiß man ja seit Turings universaler Rechenmaschine, dass die sich genau dadurch von vorherigen automatischen Rechenmaschinen unterschied, dass sie eine Universalmaschine war: sie war eben die Universale Turing-Maschine, im Gegensatz zur speziellen Turing-Maschine. Sie war in der Lage, jede spezielle, eine spezielle algorithmische Prozedur beschreibende Turing-Maschine zu „implementieren“, also zur Ausführung zu bringen. Erst das machte sie zur mächtigen Universalmaschine, die im Bereich der Berechenbarkeit jedes Problem lösen konnte, das als algorithmische Prozedur beschrieben werden konnte. Das impliziert offenbar für die normative Zuschreibung von Vollkommenheit im Falle einer Fabrikationsmaschine: auch sie müsste idealerweise in der Lage sein, jedes beliebige als berechenbare Prozedur formulierte Produktionsprogramm auzuführen. Bevor wir uns nun der Frage zuwenden, ob die industriellen Produktionsmittel vielleicht – und sogar schon lange! – auf dem Weg sind, sich in der Realität diesem Ideal anzunähern, kurz zu der Frage, ob die Verfügbarkeit in diesem Sinne idealer Produktionsmittel nicht nur die Möglichkeit darstellt, Knappheitsbedingungen zu überwinden, sondern auch die hinreichende Bedingung, kapitalistische ökonomische Verhältnisse mit dominanter Markt- und Preissteuerung zu überwinden.

Solange die Betriebe Spezialbetriebe sind, sind Märkte und Preissteuerung unverzichtbar, um die doppelte Kontingenz der anonymen anarchischen kapitalistischen Produktion zu operationalisieren: der Anbieter kennt den Nachfrager und dessen Konsumwünsche nicht, und der Nachfrager kennt den Anbieter und dessen Angebot nicht. Über möglichst transparente Märkte kann der Anbieter dem Nachfrager sein Angebot bekannt machen, und der Nachfrager kann das für ihn optimale Angebot auswählen. So entsteht die unausweichliche Marktdynamik: der Anbieter produziert unter Risiko auf Vorrat, und steht mit seinen Mitbewerbern in Konkurrenz um zahlende Kundschaft und Marktanteile.

Diese Dynamik löst sich – den Erwartungen Keynes‘ und Schumpeters zum Trotz – aber nicht auf, wenn die Märkte sich von Verkäufer- zu Käufermärkten gewandelt haben, und insofern schon lange Sättigungssymptome aufweisen. Im Gegenteil, der Kampf um Marktanteile und Gewinne wird umso härter ausgefochten; der Druck auf die Löhne genauso wie in subtilerer Form auf die Konsumenten, auch die verzichtbarsten Produkte etwa zur Steigerung des Prestiges für teures Geld einzukaufen, nimmt unaufhörlich zu, und der Umsatz wird mit den raffiniertesten und tückischsten Mitteln auf möglichst hohem Niveau gehalten.

Nun könnte man sagen: wenn die Selbsttransformation des Kapitalismus ausbleibt, dann wird nichts anderes übrig bleiben, als mit anderen Mitteln diese Transformation herbeizuführen, etwa, indem man die Steuerung der Ökonomie und der Betriebe in die öffentliche Hand übergibt, und sie von einem „Planungsministerium“ durchführen lässt, wie es Joseph Schumpeter vorschwebte. Wie immer das Problem der Überführung privaten Eigentums in öffentliche Verfügungsgewalt nun gelöst werden könnte, bliebe aber auf jeden Fall genau das Problem bestehen, das bis dato nur Märkte und freie Marktpreise lösen konnten: nämlich die Überwindung der typischen doppelten Kontingenz der Warenproduktion.

Und genau dieses Problem wäre nun in der Tat gelöst, wenn die Produktionsmittel im beschriebenen Sinne Vollkommenheit besäßen: dann wäre es eben möglich, auf die Steuerung durch die „invisible hand“ des Marktes, die genauso unsichtbar wie blind ist, zu verzichten, weil es möglich wäre, jede Konsumentennachfrage ad hoc, on demand exakt nach Kundenwunsch zu befriedigen. Der Kunde könnte sein Wunschprodukt nun in einem virtuellen Prozess auswählen, bevor es hergestellt worden ist. Die Produkte müssten nicht mehr über den Markt allokiert werden, sondern könnten etwa über eine Internet-Plattform allokiert werden, ohne Verluste an allokativer Effizienz. Und dann erst wäre es auch möglich und sinnvoll, dass diese Produktionsmittel aus der privaten gewinnwirtschaftlichen Nutzung in öffentliche Nutzung übergingen.

Wirft man nun einen Blick auf die tatsächliche Entwicklung der digitalen Fertigungstechnologien, so ist kaum übersehbar, dass die Begriffe Losgröße 1, Flexibilität, on-demand-Produktion und Automation die Vision der „Fabrik der Zukunft“ prägen. Etwa beim Projekt der „SmartFactory KL“, eines herstellerübergreifenden Vereins zur Entwicklung einer visionären Modellfabrik, die die Potenziale von Automatisierungstechnik und Informationstechnik in einem funktionsfähigen Modell sichtbar machen soll, dreht sich alles um die Begriffe Modularität, Flexibilität und Losgröße 1. Die „Smart Factory“ soll idealerweise eine „Blackbox“ sein, die mit „Daten“, also den zu einem Produkt gehörenden CAD- und Prozessdaten, gefüttert wird, und die daraus ganz im Verborgenen und möglichst in Windeseile das gewünschte Ding produziert. Und diese Fabrik wäre in der Tat schon fast universal programmierbar. So trennt sich die eigentliche Fertigung auch mehr und mehr von einem speziellen Produkt und einem speziellen Markenfertiger; es gibt bereits Anbieter von „smart factories as a service“, als Dienstleistung, auf welche Markenhersteller nach Bedarf zugreifen können – was sie von der Notwendigkeit, eigene Fertigungskapazitäten vorhalten zu müssen, tendenziell befreit.

Haben Fertigungsprozesse in diesem Sinne hinreichende Vollkommenheit erreicht, kommt es gewissermaßen zum geschichtlichen Durchbrechen der Schallmauer, zur „Singularität“: dann macht es keinen Sinn mehr, dass private gewinngetriebene Unternehmen diese Services anbieten, die dabei immer auch der kapitalistischen Dynamik ausgesetzt sind und einerseits wachsen müssen, andererseits der Begierde des nach Investitionsmöglichkeiten gierenden Großkapitals ausgesetzt sind. Dann könnte sich die Gesellschaft der Bürger, die ihre Konsummöglichkeiten Pareto-optimal gestalten wollen, selbst eine entsprechende industrielle Infrastruktur aufbauen, die dieses gewährleistet. Das Ende des Kapitalismus würde gewissermaßen darin bestehen, dass die Gesellschaft sich „Dinge-Automaten“ installiert, die nach Wunsch und auf Anforderung Konsumgüter produzieren. Zum ersten Mal in der Geschichte würden diese Dinge-Automaten keinen Tauschwert mehr produzieren, sondern nur noch Gebrauchswert. Ihr Ziel wäre nicht die endlose Vermehrung von Kapitalgewinnen, sondern die endliche Befriedigung von – rationalen – Konsumwünschen.

Fundamentalökonomie

Wolfgang Streeck beschreibt in seiner Einleitung zur „Ökonomie des Alltagslebens“ fundamentalökonomische Infrastrukturen als den „alltäglichen Kommunismus“, der „unseren alltäglichen Kapitalismus erst ermöglicht“. Fundamentalökonomische Infrastrukturen sind langfristige Investitionen mit geringen Renditen, „die jedoch durch ein geringes Risiko – und natürlich durch ihren allgemeinen, der Gesellschaft frei zur Verfügung gestellten Wert – aufgewogen werden.“

Genauso verhielte es sich mit industriellen Infrastrukturen, die nun nicht nur Wasser, Energie, Mobilität, Gesundheit, Bildung, Wohnen, Pflege und Telekommunikation produzieren, sondern auch: Konsumgüter, jedenfalls solche, die man zu einem Grundbedarf zählen kann. Die Rendite wäre – als Kapitalertrag – nicht nur gering, sondern null. Der Ertrag bestünde ausschließlich aus dem „allgemeinen, der Gesellschaft frei zur Verfügung gestellten Wert“. Aus dem alltäglichen Kommunismus wäre ein etwas weniger alltäglicher Kommunismus geworden, mit einer aber schon deutlich erkennbaren Tendenz zum absolut nicht mehr alltäglichen Kommunismus: denn so könnte es langsam entstehen – „das Einfache, das schwer zu machen ist“. Die Arbeit – unter diesen Bedingungen nur noch notwendig, um Dinge und Dienstleistungen zu konsumieren, die der alltägliche Kommunismus nicht produzieren kann – wäre in genau diesem Umfang optional geworden, und die kapitalistische Profitwirtschaft wäre aus dem Bereich der Fundamentalökonomie vertrieben. Der gesellschaftliche Reichtum – Marx‘ wirklicher Reichtum – würde in genau dem Maße wachsen.

Dieser Argumentation folgend würde es in Zukunft also darauf ankommen, nicht nur die kollektiv-gemeinwirtschaftliche Grundlage der Gesellschaft vor den Imperativen der Kapitalverwertung zu schützen, sondern im Gegenteil die kollektiv-gemeinwirtschaftliche Grundlage in den Bereich der Konsumgüterproduktion hinein auszudehnen. Und dies wird nicht möglich sein ohne Roboter und menschenleere, „smarte“, leistungsfähige Fabriken. Was spricht auch dagegen? Wer heute die menschenleere Fabrik für ein Schreckgespenst hält, denkt konservativer als die konservativsten Kapitalisten. Für Marx war gerade die Menschen versklavende und demütigende Fabrik das Schreckgespenst, und es war seine Hoffnung, dass kluge Wirtschaftsplanung und ausgefeilte Technologien den Menschen eines Tages ein erfülltes Leben außerhalb der Fabrikmauern ermöglichen werde. Der Atem der gesellschaftspolitischen Gestaltung und der Blick müssen weit genug sein, einen Wandel zu überblicken und gestalterisch zu bewältigen, der den langfristigen Abbau von Arbeitsplätzen in der Industrieproduktion einschließt, ohne die betroffenen Menschen im Regen stehen zu lassen, und ihnen dazu eine attraktive – ja weit attraktivere – Alternative zu bieten.

Geschichtlicher und technischer Fortschritt verlangen Klügeres als das Festhalten am industriellen Arbeitsplatz, der keine andere Legitimation besitzt als die, dass man sich nichts anderes vorstellen kann. Dies hat auch nicht nur nationalökonomische Relevanz. Die Smart Factory, die wie der Computer zum internationalen Standard geworden ist, kann den internationalen Wirtschaftsverkehr revolutionieren: Statt des gegenseitigen Überschüttens mit Exporten von fertig produzierten Produkten können die CAD-Daten immateriell durch Datenleitungen fließen, um am Ort des Konsums in Produkte verwandelt zu werden. Staaten können ihre Kapazitäten zu weltweiten Produktionsnetzwerken zusammenschließen. Ziel ist dann aber nicht mehr die Maximierung der Kapitalrendite, sondern eben der der Gesellschaft zur Verfügung gestellte (Gebrauchs-)Wert.

Die Gesellschaften haben heute die Greta-Frage zu beantworten: wie hältst Du’s mit dem Wirtschaftswachstum? Nicht erst das brennende Amazonasbecken zeigt: infinites Wirtschaftswachstum ist längst nicht mehr wohlstandserweiternd, sondern schafft statt blühender Landschaften verkohlte todbringende Wüsten. Es wäre eine gute Idee, diese Möglichkeiten, die der Kapitalismus am Ende seiner fruchtbaren Tage der Nachwelt hinterlässt, zu entdecken und im Sinne einer nachhaltigen und erstrebenswerten Zukunft zu nutzen. Allerdings: Renditejäger werden enttäuscht sein. Es geht eigentlich nur um den höheren Lohn und den Wert des Erhalts dieses unseres einzigen Heimatplaneten.

Arbeitsmittel und ihre ökonomischen Epochen

Worum geht es in der Geschichte, einmal mit einem Horizont von vielleicht 10.000 Jahren betrachtet, also von den ersten Werkzeug benutzenden Kulturen des „tool making animal“, bis heute? Wie, welchen Fortschrittskriterien folgend, und wodurch ändern sich die Epochen?

Das ist das Resümee meines Buches „Die Große Digitalmaschinerie“.

Arbeitsmittel und ihre Epochen

Von den Moden zum Trend

Auf der Tagung Wirtschaftsinformatik ’95 hielt der Begründer des Studienfaches Wirtschaftsinformatik in Deutschland, Professor Peter Mertens, seinen Hauptvortrag „Wirtschaftsinformatik – Von den Moden zum Trend“. Es tat dies in der Absicht, seiner jungen Wissenschaft ihre „langfristigen“ und im Zeitverlauf unveränderlichen, bleibenden Ziele zu weisen.

Er begründete dies so: „Idealerweise würde sich eine Disziplin auf einem geraden Fortschrittspfad in Richtung eines (…) Langfristzieles bewegen.“ Mäandernde Entwicklungen, die einem Trial-and-Error-Pfad folgen, seien also zu vermeiden. Dann stellt er fest, dass es in der Wirtschaftsinformatik seiner Zeit zu mäandernden Entwicklungen gekommen war; die Wissenschaft war also kurzfristigen „Moden“ gefolgt, und hatte dadurch Zeit und Ressourcen verschwendet.

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Der Sechste Kondratieff

Es klingt wie ein Adelstitel, der 6. Earl of Douglas, oder der 9. Duke of Wellington. Der 6. Kondratieff… und wie heiß wird er ersehnt! Dass er doch bald herab kommen möge zu uns, die Welt aus ihrem Schmerz zu erlösen, ja aus bitterster Not, hat sie den Tod durch Hunger und Durst doch schon nahe vor Augen… Denn es mangelt ihr an dem Nötigsten, an ihrem Lebenselixier, die Kammern und Reservoirs sind leer, es finden sich keine neuen, die man erschließen könnte, es ist eine wahres Grauen, denn was ihr so bitter nötig fehlt, hat auf dieser großen gottverlassenen Welt niemand mehr: es ist – etwas, das fehlt.

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BWL contra VWL

Wenn etwas betriebswirtschaftlich richtig ist, ist es volkswirtschaftlich oft falsch, und anders herum.

Eine private Rentenversicherung zum Beispiel mag betriebswirtschaftlich richtig sein. Menschen sparen jeder für sich, ganz privat, Geld an, und sorgen so für das Alter vor. Da Versicherungsgesellschaften sich damit auskennen, sammeln sie das Geld von vielen Sparern ein, und legen es gewinnbringend an, so dass jeder einzelne Sparer am Ende mehr zurück erhält, als wenn er sein Geld einfach in die Sparbüchse steckte. Und er erhält auch noch eine Rentengarantie, das heißt die private Rentenversicherung verspricht eine lebenslange Rentenzahlung, und geht das Risiko ein, einen Verlust zu erwirtschaften, wenn die zugesagte Rente zu hoch ist oder der Rentenbezieher länger lebt als kalkuliert.

Wenn sie scharf kalkuliert, und das Geld der – möglichst vielen – Sparer gut anlegt, können Versicherung und Sparer damit gut fahren.

Aber diese Wahrscheinlichkeit, dass das Geld gewinnbringend angelegt werden kann, nimmt ab, je reicher die Volkswirtschaften schon geworden sind. Und das ist es, was in den letzten 70 Jahren geschehen ist, und was die reichen Volkswirtschaften seit mindestens zwei Jahrzehnten nun immer deutlicher vor Augen haben.

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