Tagung „Freiheit und Kapitalismus“ an der Evangelischen Akademie Tutzing

Insgesamt war es eine schöne Erfahrung!

Schon die Zugfahrt ist schön, von München in die kleine urbayrische Stadt Tutzing, vorbei an Starnberg und dem Starnberger See, am Horizont die gewaltige Alpenkulisse, und dann schon Tutzing. Einige Straßen zu wandern durch die Ortsmitte, abwärts Richtung See, den es in Tutzing auch gibt, zum alten kleinen gräflichen Schloss, in dem nun die Evangelische Akademie untergebracht ist.

Regelmäßig gibt es hier große Tagungen, und meistens geht es um die Ökonomie. Manche Teilnehmer kommen schon seit Jahrzehnten, sind alte Tutzinger geworden, und kennen sich untereinander, und ihre Gedanken zu den großen Themen von Ökonomie und Gesellschaft, Fortschritt, Frieden, Freiheit und Gerechtigkeit. Es ist ein schönes, fruchtbares Ambiente, in dem diese Tagungen stattfinden, in der harmonischen Architektur des kleinen Schlosses; alles wirkt schlicht, freundlich und aufgeräumt, und bietet dem Auge doch vielerlei Gelegenheit des entspannten Verweilens mit vielen erfreulichen Eindrücken, wie dem nahen Ufer des Sees, an dem im Sommer Badefreuden genossen werden können, und im Winter der weite Blick in die schneebedeckten Alpen im Hintergrund.

Das wichtigste aber, in diesen kritischen Zeiten: die Wissenschaft lebt noch, allen vorstellbaren Verheerungen der Bologna-Reformen zum Trotz. Es wurde in heiligem Eifer und tiefem Ernst und unter Wahrung der modernen grundlegenden Prinzipien von Wissenschaftlichkeit um den Fortschritt der Erkenntnis gerungen. Das war eine sehr wohltuende Erfahrung.

Und natürlich wurde auch die Brisanz und Krisenhaftigkeit der gegenwärtigen Situation der globalen Ökonomie erkannt. Und wie dringlich es geworden ist und täglich mehr wird, eine Lösung zu finden!

Das gewählte Thema der Tagung (Freiheit und Kapitalismus) ist zwar noch ein eher „rein“ akademisches: in welchem Verhältnis stehen Freiheit und Kapitalismus zueinander? In einem bedingenden, oder in einem kontradiktorischen? Schafft der Kapitalismus erst die bürgerlichen Freiheiten? Sind sie eine Voraussetzung seiner Funktions- und Lebensfähigkeit? Oder zerstört der Kapitalismus im Gegenteil die bürgerlichen Freigeiten? Oder gibt es auch andere als die bürgerlichen Freiheiten? Um welche Freiheiten geht es denn eigentlich?

Aber, wie gesagt, die hochaktuellen und brisanten Fragestellungen des entwickelten Kapitalismus, des Spätkapitalismus, die Finanzialisierung, Ungleichheit, Kapitalkonzentration, die Macht der Märkte und des Geldes wurden keineswegs ausgeklammert, sie waren im Gegenteil eher dominierendes Thema der Tagung. Eines der hierzu diskutierten Lösungsangebote, das sogenannte „bedingungslose Grundeinkommen“, wurde in einem leidenschaftlichen Vortrag von Christoph Butterwegge kunstvoll als neoliberale Scheinlösung demaskiert.

Um hier zu rekapitulieren, um welche Zuspitzungen es geht, will ich hier einmal auf ein kürzlich stattgefundenes Gespräch zwischen Harald Schuman und Fabian Scheidler verweisen:

Schumann und Scheidler im Grips Theater Berlin

Wie weit nun beide von einer Lösung entfernt sind, wird IMHO ebenfalls deutlich. Wichtig scheint mir Schumanns Bemerkung zur Rolle des Staates zu sein, dass also Staaten, statt untereinander im Wettbewerb zu stehen, sich zu Kartellen gegen die Macht des Kapitals zusammenschließen MÜSSTEN. Eigentlich… Aber: wenn die Staaten schon zu kleinen subsidiären ausführenden Hilfsbüros des Kapitals geworden sind??? Das wäre die kritische Anmerkung zu dieser an sich richtigen Idee, an dieser Stelle.

Eine Lösung hatte auf der Tagung natürlich auch niemand im Gepäck; alle angebotenen Ansätze kreisten immer wieder um die Suche nach Möglichkeiten, das wildgewordene konzentrierte und hochorganisierte Kapital irgendwie politisch zu bändigen.

Ich habe ja nun eine andere Lösung angeboten. Ich suche die Lösung ja eben nicht in der Politik, sondern im Kern der Wertschöpfung, ganz wie Marx es getan hat und heute tun würde: in den „Mitteln zur Bearbeitung des Naturstoffs“. Die wandeln sich ja, und – sicher nicht ganz zufällig – just genau so, wie die Welt sie in der entstandenen ökonomischen Situation heute braucht. Die Erfahrung aber war nun, auch wieder auf dieser Tagung, dass immer noch nur sehr wenige diesen inneren Wandlungsprozess verstehen.

Dies waren meine Folien:

Freiheit und (transitorisch notwendiger) Kapitalismus

Es bleibt die Notwendigkeit, diesen Wandlungsprozess, seine Ursachen und seine durch ihn transportierten Potenziale ins öffentliche Bewusstsein zu transportieren. Woher die Möglichkeiten dann kommen sollen, einen realen Veränderungsprozess zu initiieren und durchzuhalten, der ganz ohne Zweifel mit enormen Kosten verbunden sein wird, ist eine ganz andere Frage.

Vielleicht braucht es dazu bedeutende „katalytische“ Ereignisse, wie für manch andere tiefgreifende Veränderung in der bisherigen Geschichte ja auch.

Kleine Ursache, große Wirkung

Das Thema 3D-Druck, vor einigen Jahren hoch gehyped, ist ein wenig in der Versenkung verschwunden. Es gab so viele flammende Artikel, die die kommende 3. Industrielle Revolution ankündigten, die Fabrik für Jedermann und für Alles auf dem Schreibtisch, und das Verschwinden des Großteils der bisherigen Industrien. Davon ist nicht mehr so sehr die Rede, dafür aber umso mehr von der Digitalisierung. Sogar die CDU hat nun das Thema entdeckt, Unionsfraktionschef Kauder hält es für das Megathema der kommenden Jahre.

Warum nun so sehr die Digitalisierung und nicht mehr die „Desktop Factory“? Nun: Die Digitalisierung ist ein Industrie-Thema. Das heiße und von der Bundesregierung erfundene und vorangetriebene Thema Industrie 4.0 gehört zur Digitalisierung. Die Breitbandausbau gehört zur Digitalisierung, und flächendeckendes und schnelles Internet. Warum wünscht man das – das fördert das Wachstum, man erhofft es sich zumindest. Handel und Logistik laufen zunehmend über das Internet; der Kunde ist für den Lieferanten besser erreichbar und erkennbar, wenn er im Netz eingeloggt ist, er kann ihn gezielter mit Werbung erreichen und ihm direktere Angebote machen. Die Unternehmen können mit der gewandelten Organisation und Infrastruktur gemäß dem Konzept I40 schneller und kundenindividueller produzieren, und erhoffen sich dadurch Umsatz- und Gewinnsteigerungen. Und das ist ohne Zweifel wichtig, so wichtig, dass etwa die Klimaziele für 2020 dafür gekippt werden mussten.

Wealth without Money

Und wo ist der der 3D-Druck geblieben? Einer der Protagonisten war z. B. der britische Ingenieur und Mathematiker Adrain Bowyer, der die RepRap-Bewegung gründete. Seine Idee war der „Self-Replicating-Rapid-Prototyper“, eine Maschine, die sich selbst reproduzieren konnte, und damit nichts Geringeres schaffen würde als Wealth without Money. Diese Ideen sind aus den Schlagzeilen verschwunden.

Ein anderer Protagonist war der Amerikaner Hod Lipson, der die Fab@Home-Bewegung geschaffen hat. Auch an so etwas denkt noch kaum jemand, wenn von Digitalisierung die Rede ist.

Was macht Hod Lipson heute? Er ist an die Columbia-Universität gewechselt, und lehrt nun unter anderem das Fach Digital Fabrication. Da sieht man, dass der 3D-Druck nur einen Teil dieses Faches darstellt; insgesamt geht es um digitale Fabrikationsprozesse, also um die digitale Steuerung von digital steuerbaren Maschinen, wie eben dem 3D-Drucker, dem Laser, der CNC-Maschine, dem 2D-Schneiden von Materialien, und der programmierbaren Montage.

Was ist das Aufregende an der Digitalen Fabrikation?

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Freiheit statt Kapitalismus – ein Kommentar zu Sarah Wagenknecht

Sarah Wagenknechts im Mai 2012 erschienenes Buch ist brilliant. Das lange Lebensbuch des Kapitalismus, seine Eigenheiten und Unarten, seine Stärken und Gefahren hat sie wunderbar beschrieben. Der Kapitalismus war ganz ohne Zweifel erfolgreich: es sind weltweit immense Reichtümer geschaffen worden, darunter wirkliche Werte, die zahllosen Menschen auf der Welt das Leben erleichtern und bereichern und es ungleich lebenswerter gestalten. Ein immenser Reichtum ist nun da. Aber – das zeigt Sarah Wagenknecht wunderbar klar auf – dieser Reichtum erreicht ein solches Gewicht, eine solche Masse, dass er anfangt sich wie ein schwarzes Loch in den Tiefen des Alls zu verhalten: die Zentren des Reichtums fangen an, Werte die in ihre Nähe geraten, aufzusaugen, aufzutürmen und zu komprimieren; je mehr Reichtum an einer Stelle konzentriert ist, um so größer wird die Gier und Saugkraft und der Hunger nach mehr. Der Kapitalismus hat aufgehört, Werte zu schaffen und zu schöpfen: er kann nur noch Werte abschöpfen. Das Wachstum des Reichtums da wo er einmal entstanden ist, gelingt nur noch durch Verarmung an den Rändern der Gesellschaft, in immer grösseren Bereichen.

Was wird geschehen in den USA mit der Verschuldungsrenze? wird es noch einmal einen Aufschub geben, oder geraten wir nun alle in den amerikanischen  Schuldenschlamassel? 

Sarah Wagenknecht zeigt sehr schön auf, wie der gigantische Reichtum in den Händen der einen die Verschuldung auf den Schultern der anderen bedingt. Nur so ist die angestrebte horrende Kapitalrendite der Kapitalbesitzer erzielbar. Und sie zeigt ebenso schön auf, dass sich die realen Reichtümer und realen Werte, die einst von Schumpeterschen risikofreudigen, kreativen und vorausschauenden Unternehmern geschaffen worden sind (in Kooperation natürlich mit zahllosen ebenso kreativen und einsatzfreudigen arbeitenden Menschen), sich allmählich unter diesen gigantischen Massen von um die Welt vagabundierenden Geldströmen in heiße Luft verwandeln, die sich eines schönen Tages wie ein geplatzer heisser Luftballon in ein vollkommen wesen- und wertloses Nichts verwandeln können. Niemand weiss, wie nah dieser Tag uns bevorsteht.

Wenn nun eine nahende Katastrophe, oder – wenn man die nun gerade noch nicht so nahe bevorstehen sehen will – so doch erhebliche ökonomische und soziale Missstände so schön klar und hellsichtig beschrieben werden, so erwächst doch mit dieser gelingenden Einsicht ganz dringlich der Wunsch nach Eröffnung von Mitteln und Wegen, wie all dem denn nun alsbald Einhalt geboten werden könnte. Wie kommen wir denn nun raus aus dem Schlammassel, oder möglichst in diesen ganz großen uns unter ungünstigen Umständen bevorstehenden erst gar nicht hinein.

Sarah Wagenknechts Vorschlägen hierzu ist vor allem dies gemein: sie sind politische. Sie sind sämtlich mit politischer Gestaltungsmacht zu erreichen, umzusetzen und zu realisieren. Es bedarf dazu also politischer Gestaltungsmacht, und zwar ein ganze Menge. Sie möchte Unternehmen wieder angemessen besteuern, überhaupt die Besteuerung wieder mehr der wirtschaftlichen Leistungsfähigkeit anpassen (also höhere Steuern für Spitzenverdiener), ferner möchte sie Erbschaften ganz kräftig besteuern, und eine Reihe von Schlüsselindustrien verstaatlichen. Dass all dies – es kommt dann auf die genaue Ausgestaltung an – ökonomisch vollkommen angemessen und zweckdienlich und dem Dafürhalten der größten Pioniere der Marktwirtschaft sicher weitestgehend entsprechend ist (sie nennt ihr Programm ja “Erhardt Reloaded”) – daran kann gar kein Zweifel bestehen. Wenn diese notwendige politische Gestaltungsmacht einer aktiven Politikerin Sarah Wagenknecht oder jemand anderem der ihr Buch gelesen hat, eines Tages auf legale Weise verliehen sein möchte – es wäre nur zu schön. Vielleicht auch ein bischen zu schön um wahr zu sein. Es wäre jedenfalls nichts dagegen einzuwenden, ganz im Gegenteil. Es wäre unbedingt zu unterstützen.

Aber. Um etwas zu gestalten, dass als ALTERNATIVE zum Kapitalismus zu verstehen ist, also Freiheit  statt  Kapitalismus, und nicht Freiheit  im  Kapitalismus, da werden lediglich politische Gestaltungsmittel nicht hinreichen.

Wenn man sich besinnt, wie der Kapitalismus entstanden ist, wird man unschwer erkennen können, dass die wesentlichen Entstehungsgründe nicht politischer Wille oder Einfluss waren, sondern: technische Möglichkeiten. Die Dampfmaschine, das mit mechanischer Energie angetriebene Fließband, vielerlei in den Produktionsprozess eingeflossene Errungenschaften der Ingenieurwissenschaften. All dies machte es möglich, den Kern der Wertschöpfung nunmehr aus der Landwirtschaft, der Bewirtschaftung des Bodens zur Nahrungsmittelproduktion, in die Erzeugung von Konsumgütern zu verlagern. Damit wurden die Fabrikanten die neuen Herren, und lösten in dieser Funktion die Land- und Gutsbesitzer ab.

Der Kapitalismus hat nicht nur diesen gigantischen und sich allmählich selbst erstickenden Reichtum geschaffen, sondern auch: ganz neue, revolutionäre, nie da gewesene Produktionsmittel. Da, wo noch tatsächlich wertschöpfend und real von der Industrie investiert worden ist, sind zunehmend Produktionsverfahren und Systeme entstanden, die eine immer intensivere Kooperation von Konsument und Produzent ermöglichen; die Produktionsmittel wurden immer kleiner, und universaler einsetzbar (sehr schön hier beschrieben, besonders der Abschnitt  “Die Verbreitung von Open Manufacturing”: )

Das “Ideal”, das theoretische (und zunehmend praktisch werdende) Maximum oder Optimum einer solchen Entwicklung ist der kleine Personal Fabricator, eine kleine universale Fabrik für “allmost anything”, mit einer theoretischen produktiven Universalität, die sich allerdings von der gegenwärtig noch gegebenen Beschränkung auf kleine Spielfigürchen aus Plastik durch eine vermutlich lange Reihe von Generationen bis zur volkswirtschaftlich relevanten tatsächlichen Universalität und Einsatzfähigkeit wird hinaufentwickeln müssen.

Aber – das ist der Keim. Der Keim ist in der Gegenwart winzig und bleich und blass, wie die Farben der Plastikfäden, die er gegenwärtig verarbeiten kann. Die Kraft, die Welt zu verändern, sieht man diesem Keim, diesen kleinen gegenwärtig in den FabLabs der Welt fabbernden Maschinchen nicht an. Aber aus diesem Keim – sicherlich zusammen mit erforderlichen unterstützenden und ergänzenden politischen Gestaltungsmaßnahmen – wird die geschichtliche Möglichkeit erwachsen, den Kapitalismus als dominierendes System abzulösen.

Erst dann kann gelten: Freiheit statt Kapitalismus.