Kann Anpassung eine emanzipatorische Praxis sein?

Phillip Staab, seit Februar 2019 Soziologie-Professor für das Gebiet „Soziologie der Zukunft der Arbeit“ an der Humboldt-Universität Berlin, hat ein neues Buch geschrieben, das im Oktober im Suhrkamp-Verlag erscheinen wird, und zwar unter dem Titel: „Anpassung. Leitmotiv der nächsten Gesellschaft.“

Kann Anpassung ein Leitmotiv für die nächste Gesellschaft sein?

Es gab an dieser Universität im Sommersemster 2022 eine 4-stündige Veranstaltung mit Staab, die unter folgendem Kommentar angekündigt wurde:

Anpassung ist in klassischen Theorien der Moderne die unvermeidbare Praxis der Verlierer:innen. Die Vertreter:innen des Fortschritts gehen voran, ihnen gehört die Zukunft. Der Rest muss im Modus der Adaption mit einer sich wandelnden Gegenwart zurechtkommen. In spätmodernen Gesellschaften aber wird Zukunft von der Verheißung zur Bedrohung. Die Sicherung von Gegenwart wird – etwa als Fokus auf resiliente Infrastrukturen – zu einer zentralen politischen Praxis. Wir fragen: Ist die kommende Gesellschaft eine der Anpassung? Was sind ihre leitenden Begriffe, normativen Leitplanken, Subjektivitätsformate, Zeitbezüge, Sozialstrukturen und Konfliktfelder? Und: Kann Anpassung eine emanzipatorische Praxis sein?

In dieser Ankündigung variiert er also die Fragestellung dahingehend, ob Anpassung auch eine emanzipatorische Praxis sein kann.

Der Klappentext des – also noch nicht erschienenen Buches – erläutert die forschungsleitende Fragestellung mit folgenden Worten:

In der Moderne dominierte der Glaube, die Welt ließe sich gestalten und der Fortschritt sorge quasi automatisch für ein besseres Morgen. Erderwärmung, Wachstumskrise und subjektive Überlastungen haben diesen Optimismuus erschüttert. Heute geht es in erster Linie darum, die Katastrophe abzuschwächen. Und selbst wenn dies gelingen sollte, werden wir mit dem Wandel umgehen müssen. Fragen der Selbsterhaltung überlagern dann jene der individuellen und kollektiven Selbstentfaltung. Anpassung wird zum Leitmotiv der Gesellschaft.
Auch die Corona-Pandemie hat gezeigt, dss wir im Angesicht der Interdependenz und der ökologischen Gefahren nicht länger der grenzenlosen Emanzipation huldigen können. Stattdessen, so Philipp Staab, wird die nächste Gesellschaft vor allem mit der Stabilisierung einer prekär werdenden Ordnung befasst sein. Daraus resultiert allerdings eine Krise des Selbst- und Zeitverhältnisses, auf die auch die Linke eine Antwort finden muss.

Da kommt also offenbar einiges zusammen, woraus sich ein interssantes Buch machen ließe. Es geht um große und wichtige Themen wie Zukunft, Verheißung oder Bedrohung der Moderne, Emanzipation und emanzipatorische Praxis, und die den Optimismus erschütternden ökologischen und nun auch biologischen Gefährdungen der Gesellschaft.

Das unvollendete Projekt der Moderne

Es empfiehlt sich, mit der Moderne und dem Glauben oder Unglauben an sie zu beginnen. Was ist „der Glaube“ oder besser das Projekt der Moderne, innerhalb dessen sich der zu gestaltende Fortschritt vollzieht? Staab führt hier den weit anerkannten Begriff der Emanzipation ein, der sowohl Befreiung von nicht-legitimierter Herrschaft wie auch, etwa in der Fassung Kants, Befreiung aus der selbstverschuldeten Unmündigkeit bedeuten kann. Enger auf das Ökonomische gewendet, also die Befreiung aus wirtschaftlicher Not und Abhängigkeit, verweist das Projekt der Moderne im zweiten Schritt auch auf die technischen Mittel, derer sich die emanzipatorische Vernunft bedienen kann, sofern die Restriktionen eingehalten werden, die der übergeordnete Imperativ der Erhaltung der Lebensgrundlagen der Gestaltung der Zukunft auferlegt.

Dieses Projekt der Moderne ist aber in jedem Fall gewissermaßen normativ gesetzt, es ist also unteilbar, unaufschiebbar und unverzichtbar.

Staab führt hier nun eine Unterscheidung ein, die in klassischen Theorien der Moderne nicht existiert: die Unterscheidung zwischen „unvermeidbarer Praxis der Verlierer:innen“ und den „Vertreter:innen des Fortschritts“, die „voran gehen“, und denen „die Zukunft gehört“. Diese Unterscheidung qualifiziert also die einen zu vorangehenden Vertretern des Fortschritts, und dequalifiziert die anderen zu einem „Rest“, der „im Modus der Adaption mit einer sich wandelnden Gegenwart zurechtkommen“ muss.

Damit hat Staab das Projekt der Moderne unterderhand aber schon völlig aufgegeben. Es gibt in dem Projekt keinen unqualifizierten, von Emanzipation normativ ausgeschlossenen Rest.

Aufgegeben hat Staab auch den „Glauben, die Welt ließe sich gestalten“. Dass „der Fortschritt“ für ein besseres Morgen sorge, hat niemand behauptet, der jemals ein Programm der Moderne als normative Wertidee verstanden und anerkannt hat. Das müssen mündige Menschen eben selber erledigen, kraft der ihnen gegebenen und aufgetragenen Gabe der Vernunft. Und dass  der Fortschritt sogar noch „quasi automatisch“ für ein besseres Morgen sorge, entspricht ausschließlich dem irregeleiten Glauben des Herrn Staab.

Der Zusammenhang zwischen Moderne und Gestaltung der Welt ist der, dass die aufgeklärte Vernunft zur Gestaltung der Welt verpflichtet ist; die Gestaltung der Welt ist der Menschheit aufgetragen. Ob und unter welchen Bedingungen und in welchem Maß diesem Projekt Erfolg beschieden sein kann oder sein wird, ist eine völlig andere und anders zu behandelnde und zu beantwortende Frage.

Staab stellt dann einen anderen Zusammenhang her zwischen Moderne und – etwa durch die Zerstörungen des Klimawandels – hervorgerufenen Bedrohungen. Im Text heißt es: „In spätmodernen Gesellschaften aber wird Zukunft von der Verheißung zur Bedrohung.“ Nun, warum „spätmoderne“, also geschichtlich weit fortgeschrittene, entwickelte Gesellschaften aus der Verheißung der Zukunft eine Bedrohung werden lassen – das muss nicht unbedingt und unbesehen „der Moderne“ anzulasten sein. Näherliegend ist da eigentlich die Annahme, dass es gerade die Abweichungen vom Vernunft-Programm der Moderne sind, also Abweichungen im Sonder-Interesse des privaten Profits, die den Wandel von der Verheißung zur Bedrohung auf dem Kerbholz stehen haben. Die Sicherung von Gegenwart – etwa als Fokus auf resiliente Infrastrukturen – kann natürlich sehr wohl zu einem zentralen politischen Fokus politischer Praxis werden – aber eben nur dann, wenn das Programm der Moderne das Programm des neoliberalen, gewinngetriebenen Gewinn- und Wachstumsfortschritts entmachten und im Sinne dieser emanzipatorischen Werte und Ziele steuern und formieren kann.

Gerade die Schaffung resilienter Infrastrukturen kann – und sollte – hier ein Motor echten, emanzipatorischen Fortschritts sein. Aber dies hat überhaupt nichts mit „Anpassung“ an in Wirklichkeit fortschrittsfeindliche, und vor allem statt vernunftgetriebener an gewinn- und wachstumsgetriebene Anpassungen zu tun. Resiliente Infrastrukturen sind vor allem viel eher öffentliche, überprivate Infrastrukturen, als private, auf – meist kurzfristigen, und vor allem hohen – Kapitalgewinn abzielende Infrastrukturen.  Diesen Zusammenhang unterschlägt Staab hier ganz unversehens und elegant, und, wie man leider auch sagen muss, unehrlich, und damit, wie leider auch zu unterstellen ist, in Täuschungsabsicht.

Emanzipation, Corona und Sterntaler-Gewinne

Nun fällt im Ankündigungstext des Buches auch das Stichwort Corona-Pandemie: „Auch die Corona-Pandemie hat gezeigt, dass wir im Angesicht der Interdependenz und der ökologischen Gefahren nicht länger der grenzenlosen Emanzipation huldigen können.“

Da wird die – faktische – Absage an das Programm der zukunfts- und emanzipationsverpflichteten Moderne sehr deutlich. Die Emanzipation ist offenbar ohnehin „grenzenlos“, also irgendwie übertrieben, und „wir“ sollten ihr nicht „huldigen“, wie etwa einem falschen goldenen Kalb. Die – ja ohne Zweifel vorhandenen – ökologischen Gefahren sollten aber gerade ein – starkes, unter umständen zwingendes – Motiv sein, sich mit den Vernunftmitteln der Moderne der ökologischen Imperative zu bemächtigen, und nicht unter dem in dem Fall völlig verfälschten Begriff der Anpassung die tatsächlichen, wie seit eh und je vor allen Dingen kapitalfreundlichen Motive zu verstecken.

Dass die die Welt seit dieser Zeit, seit Ende 2019 in Atem haltende Corona-Pandemie nicht nur ein probates Mittel zu sein scheint, der „grenzenlosen Emanzipation“ abzuhuldigen, sondern auch gleichzeitig die Welt an einigen sehr wenigen Orten mit nie gekannten, märchenhaften Sterntaler-Gewinnen und -Reichtümern zu überschütten – nun, dass die Soziologie der Zukunft der Arbeit in der Lage sein wird, diesen merkwürdigen Zusammenhang einmal durch emsige Literaturforschung zu lüften, dürfte auch in fernerer Zukunft eher zu bezweifeln sein.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

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