Wirklicher Reichtum

Mein neues Buch heißt:

Wirklicher Reichtum. Die Vollendung einer Idee.

Der Marxismus ist entstanden als philosophisches Projekt; als Bemühen um das Verständnis der Möglichkeiten, die in der Welt und den Menschen angelegt sind, und dies aus einer Perspektive, die die Sicht, das Erkenntnisinteresse und die Kompetenzen der Fachwissenschaften überschreitet. Der Kern der Marxschen Idee liegt darin, dass er wirtschaftliche und gesellschaftliche Ordnungen nicht aus der Sicht desjenigen beschreibt, der in ihnen überleben, sie zu seinem Vorteil nutzen oder sie möglicherweise auch gestalten will, sondern sie „sub specie aeternitatis“, aus einer Epochen und Interessen übergreifenden Totalperspektive beschreibt; sie also als veränderliche, werdende und vergehende verstanden hat, und die Bedingungen ihrer Entstehung und ihres Vergehens entziffert, die die Entwicklung nach einer inneren Logik – wie naturgesetzlich – entfaltet, die jeweils eine neue „höhere“ Stufe der Ordnung hervorbringt.

Er hat sichtbar gemacht, dass die Epochen und auch die Epoche des Kapitalismus wesentlich durch die Technik bestimmt sind, also durch die „Mittel zur Bearbeitung des Naturstoffs“, die ihr zur Verfügung stehen; die Entwicklung des Kapitalismus ist ablesbar in der Entwicklung der technischen Mittel, die er zur Produktion der „ungeheuren Warensammlung“ nutzen kann, und die seinen Reichtum ausmachen. Es ist im Kern die „automatische Maschine“, der „riesige Automat“, in dessen Begriff das Schicksal des Kapitalismus sich zuspitzt und entscheidet: Die Tendenz des Kapitalismus, die Menschenarbeit unaufhörlich durch Maschinenarbeit zu ersetzen, wird eines Tages „das Problem der Produktion“ lösen, seine Ordnung aber im selben Moment degenerieren und funktionsunfähig werden lassen.

Was Marx mehr ahnte als wusste war dies: wenn Güter und Dienstleistungen von Automaten („Robotern“) nahezu kostenlos verfügbar gemacht werden können, verlieren die Institutionen des Kapitalismus (Märkte, Eigentum, Preise, Kapital, Unternehmen) ihr Potenzial, Ordnung zu schaffen; der Kapitalismus kann nur mit knappen Gütern „umgehen“. Wenn sie aber (fast) kostenlos verfügbar gemacht werden, entsteht unproduktives Chaos – Marx konnte dies nur als „in die Luft sprengen“ der bürgerlichen Gesellschaft erfassen und beschreiben.

Das „Problem der Produktion“ könnte man oberflächlich für gelöst halten – wie Adair Turner in seinem Entwurf eines „Capitalism in the Age of Robots“ es tut -, wenn die Produktion von „Robotern“ erledigt wird. Aber das Problem der Allokation der Güter ist damit noch nicht gelöst; es entsteht keine stabile Ordnung, die klar und effizient festlegen kann, was für wen in welchen Mengen wann produziert werden soll, denn diese Aufgabe können Märkte und Preise nicht mehr erfüllen, wenn die Preise sich an der Nullgrenze bewegen, und die Menschen keine Beschäftigung und keine Kaufkraft mehr besitzen. Sie müssen also irgendwie zu Eignern und Nutzern der Produktionsmittel werden können – ohne dass sie aber dadurch „zu ihren eigenen Kapitalisten“ werden. Wie ist das möglich?

Marx konnte die Fabrik als einen „riesigen Automaten“ nur so weit auf ihren „härtesten Begriff“ bringen, ihre inhärenten – markt-rationalen – Tendenzen nur so weit dechiffrieren, dass erkennbar wurde, dass sie eines Tages genau die marktrationale kapitalistische Ordnung auflöst und Chaos erzeugt, indem sie die Arbeit der Menschen immer mehr ersetzt; sie werde so also „die bürgerliche Gesellschaft in die Luft sprengen“. Er konnte aber nicht erkennen und nicht sichtbar werden lassen, was aus dem Pulverdampf der Sprengung dann wie Phönix aus der Asche aufsteigen werde.

Das Problem der Produktion ist tatsächlich erst dann gelöst, wenn gleichzeitig auch das Problem der Güter- und Faktorallokation gelöst ist. Wie das möglich ist, wird erst heute mehr und mehr sichtbar. Damit wird die Fabrik als „riesiger Automat“ nun so weit dechiffrierbar und ihr „härtester Begriff“ so weit formulierbar, dass auch erkennbar wird, welche höhere Ordnung der „bürgerlichen Gesellschaft“ nachfolgen wird.

Damit erst wird es möglich, die Idee des Marxismus zu vollenden. Und es ist gewissermaßen die Geschichte selbst, die sich hier vollendet.

Aus der Einleitung:

Im Grunde ist die ganze Idee sehr einfach. Die ungeheure Warensammlung, die den Reichtum der kapitalistischen Produktionsweise ausmacht, wächst mit dem technischen Fortschritt, bis sie nicht mehr wachsen kann – weil die Menschen, in der Reihenfolge der Einkommensklassen von oben nach unten, lieber ihr Geld vermehren wollen, als Konsumgüter aufzuhäufen. Die Reichsten, die schon alles haben, haben dann nur noch von einem nie genug: vom Geld. Und bald sammelt und konzentriert sich das Geld in ungeheuren Massen, und wird gefräßig wie ein schwarzes Loch.

Der technische Fortschritt beginnt aber nun, sich zu wandeln, ganz unbemerkt und hinter dem Rücken der Akteure. Er tritt ein in eine Metamorphose, an deren Ende die Maschinerie plötzlich keine Waren mehr ausspuckt, die in alle Ewigkeit zu immer mehr Geld werden sollen, sondern direkt die Dinge, um die es ja eigentlich geht: die Sachen, die Güter, die uns zur Verfügung stehen, und die unseren Reichtum ausmachen. Dann beginnen „nimmermüde intelligente Maschinen den Volkswohlstand zu erwirtschaften“ – der bald nicht mehr in Geld zu bemessen ist .

Wenn diese Sachen – die Gebrauchswerte – in die Hände der Menschen gelangen können, ohne sich vorher auf Märkten in Geld zu verwandeln, ist die Ära des Kapitalismus vorüber, und er hat seine Schuldigkeit getan. Die Fabriken mit ihren nimmermüden Maschinen – die dann programmierbare Automaten sind – müssen dazu der Gesellschaft als Ganzer gehören, dem ganzen Volk, dem Staat oder geeigneten öffentlichen Institutionen; sie müssen jedenfalls von diesen genutzt und gemanaged werden.

Und sie werden dann keine Waren mehr produzieren. Wie das zu schaffen ist, liegt mehr in der Natur dieser verwandelten Maschinerie, als in der gewandelten Natur der Menschen, die offenbar, trotz allen kulturellen Vor- und Rückschritts, einfach immer bleiben will, wie sie ist. Der verwandelten Maschinerie ist der Fortschritt der letzten zweihundert Jah-re jedenfalls ziemlich deutlich anzusehen, ganz im Gegensatz zu dem in der Menschennatur.

Zu dieser einfachen Sache muss man sich nun vorarbeiten. Dann beginnt man bei der Oberfläche der Erscheinungen, an der sichtbar wird, wie weit runtergekommen der – so nennt man ihn wieder – Kapitalismus schon ist, wenn er sich seinen letzten Tagen annähert, und seine neue Gestalt und Funktion noch nicht finden kann.

Und hat Ideen, und Vermutungen, und stellt Fragen.

Arbeitsmittel und ihre ökonomischen Epochen

Worum geht es in der Geschichte, einmal mit einem Horizont von vielleicht 10.000 Jahren betrachtet, also von den ersten Werkzeug benutzenden Kulturen des „tool making animal“, bis heute? Wie, welchen Fortschrittskriterien folgend, und wodurch ändern sich die Epochen?

Das ist das Resümee meines Buches „Die Große Digitalmaschinerie“.

Arbeitsmittel und ihre Epochen

Tagung „Freiheit und Kapitalismus“ an der Evangelischen Akademie Tutzing

Insgesamt war es eine schöne Erfahrung!

Schon die Zugfahrt ist schön, von München in die kleine urbayrische Stadt Tutzing, vorbei an Starnberg und dem Starnberger See, am Horizont die gewaltige Alpenkulisse, und dann schon Tutzing. Einige Straßen zu wandern durch die Ortsmitte, abwärts Richtung See, den es in Tutzing auch gibt, zum alten kleinen gräflichen Schloss, in dem nun die Evangelische Akademie untergebracht ist.

Regelmäßig gibt es hier große Tagungen, und meistens geht es um die Ökonomie. Manche Teilnehmer kommen schon seit Jahrzehnten, sind alte Tutzinger geworden, und kennen sich untereinander, und ihre Gedanken zu den großen Themen von Ökonomie und Gesellschaft, Fortschritt, Frieden, Freiheit und Gerechtigkeit. Es ist ein schönes, fruchtbares Ambiente, in dem diese Tagungen stattfinden, in der harmonischen Architektur des kleinen Schlosses; alles wirkt schlicht, freundlich und aufgeräumt, und bietet dem Auge doch vielerlei Gelegenheit des entspannten Verweilens mit vielen erfreulichen Eindrücken, wie dem nahen Ufer des Sees, an dem im Sommer Badefreuden genossen werden können, und im Winter der weite Blick in die schneebedeckten Alpen im Hintergrund.

Das wichtigste aber, in diesen kritischen Zeiten: die Wissenschaft lebt noch, allen vorstellbaren Verheerungen der Bologna-Reformen zum Trotz. Es wurde in heiligem Eifer und tiefem Ernst und unter Wahrung der modernen grundlegenden Prinzipien von Wissenschaftlichkeit um den Fortschritt der Erkenntnis gerungen. Das war eine sehr wohltuende Erfahrung.

Und natürlich wurde auch die Brisanz und Krisenhaftigkeit der gegenwärtigen Situation der globalen Ökonomie erkannt. Und wie dringlich es geworden ist und täglich mehr wird, eine Lösung zu finden!

Das gewählte Thema der Tagung (Freiheit und Kapitalismus) ist zwar noch ein eher „rein“ akademisches: in welchem Verhältnis stehen Freiheit und Kapitalismus zueinander? In einem bedingenden, oder in einem kontradiktorischen? Schafft der Kapitalismus erst die bürgerlichen Freiheiten? Sind sie eine Voraussetzung seiner Funktions- und Lebensfähigkeit? Oder zerstört der Kapitalismus im Gegenteil die bürgerlichen Freigeiten? Oder gibt es auch andere als die bürgerlichen Freiheiten? Um welche Freiheiten geht es denn eigentlich?

Aber, wie gesagt, die hochaktuellen und brisanten Fragestellungen des entwickelten Kapitalismus, des Spätkapitalismus, die Finanzialisierung, Ungleichheit, Kapitalkonzentration, die Macht der Märkte und des Geldes wurden keineswegs ausgeklammert, sie waren im Gegenteil eher dominierendes Thema der Tagung. Eines der hierzu diskutierten Lösungsangebote, das sogenannte „bedingungslose Grundeinkommen“, wurde in einem leidenschaftlichen Vortrag von Christoph Butterwegge kunstvoll als neoliberale Scheinlösung demaskiert.

Um hier zu rekapitulieren, um welche Zuspitzungen es geht, will ich hier einmal auf ein kürzlich stattgefundenes Gespräch zwischen Harald Schuman und Fabian Scheidler verweisen:

Schumann und Scheidler im Grips Theater Berlin

Wie weit nun beide von einer Lösung entfernt sind, wird IMHO ebenfalls deutlich. Wichtig scheint mir Schumanns Bemerkung zur Rolle des Staates zu sein, dass also Staaten, statt untereinander im Wettbewerb zu stehen, sich zu Kartellen gegen die Macht des Kapitals zusammenschließen MÜSSTEN. Eigentlich… Aber: wenn die Staaten schon zu kleinen subsidiären ausführenden Hilfsbüros des Kapitals geworden sind??? Das wäre die kritische Anmerkung zu dieser an sich richtigen Idee, an dieser Stelle.

Eine Lösung hatte auf der Tagung natürlich auch niemand im Gepäck; alle angebotenen Ansätze kreisten immer wieder um die Suche nach Möglichkeiten, das wildgewordene konzentrierte und hochorganisierte Kapital irgendwie politisch zu bändigen.

Ich habe ja nun eine andere Lösung angeboten. Ich suche die Lösung ja eben nicht in der Politik, sondern im Kern der Wertschöpfung, ganz wie Marx es getan hat und heute tun würde: in den „Mitteln zur Bearbeitung des Naturstoffs“. Die wandeln sich ja, und – sicher nicht ganz zufällig – just genau so, wie die Welt sie in der entstandenen ökonomischen Situation heute braucht. Die Erfahrung aber war nun, auch wieder auf dieser Tagung, dass immer noch nur sehr wenige diesen inneren Wandlungsprozess verstehen.

Dies waren meine Folien:

Freiheit und (transitorisch notwendiger) Kapitalismus

Es bleibt die Notwendigkeit, diesen Wandlungsprozess, seine Ursachen und seine durch ihn transportierten Potenziale ins öffentliche Bewusstsein zu transportieren. Woher die Möglichkeiten dann kommen sollen, einen realen Veränderungsprozess zu initiieren und durchzuhalten, der ganz ohne Zweifel mit enormen Kosten verbunden sein wird, ist eine ganz andere Frage.

Vielleicht braucht es dazu bedeutende „katalytische“ Ereignisse, wie für manch andere tiefgreifende Veränderung in der bisherigen Geschichte ja auch.

Von den Moden zum Trend

Auf der Tagung Wirtschaftsinformatik ’95 hielt der Begründer des Studienfaches Wirtschaftsinformatik in Deutschland, Professor Peter Mertens, seinen Hauptvortrag „Wirtschaftsinformatik – Von den Moden zum Trend“. Es tat dies in der Absicht, seiner jungen Wissenschaft ihre „langfristigen“, und im Zeitverlauf unveränderlichen, bleibenden Ziele zu weisen.

Er begründete dies so: „Idealerweise würde sich eine Disziplin auf einem geraden Fortschrittspfad in Richtung eines (…) Langfristzieles bewegen.“ Mäandernde Entwicklungen, die einem Trial-and-Error-Pfad folgen, seien also zu vermeiden. Dann stellt er fest, dass es in der Wirtschaftsinformatik seiner Zeit zu mäandernden Entwicklungen gekommen war; die Wissenschaft war also kurzfristigen „Moden“ gefolgt, und hatte dadurch Zeit und Ressourcen verschwendet.

Was wäre aber der gerade Weg gewesen, und auf welches langfristige Ziel hätte er sich hinbewegen sollen? Die Antwort von Peter Mertens war damals: auf das Ziel der „Vollautomation des Unternehmens“. Er machte zwar die Einschränkung, dass diese Vollautomation „sinnhaft“ sein solle, hat aber zu dieser Sinnhaftigkeit lediglich erklärt, dies bedeute, dass ein Automationsschritt jeweils „von der Allgemeinheit nach einer Lernfrist akzeptiert wird“.

Gut zehn Jahre später, anlässlich eines Vortrages auf der Jahrestagung des Verbandes der Hochschullehrer für Betriebswirtschaft e. V. in Dresden am 10. Juni 2006 mit dem Titel „Moden, Trend und Nachhaltigkeit in der Wirtschaftsinformatik“ hat er dies so präzisiert: Am Ende stehe das Ziel des „Betriebes, den kein Arbeitnehmer und keine Arbeitnehmerin mehr betreten muss“, und zur Begründung sagt er am Ende seines Vortrages: „Abschließend eine rhetorische Frage: Wenn wir Sklaven für uns arbeiten lassen können, ohne dass man Menschen erniedrigen muss, weil die Sklaven ja Maschinen sind: Warum nicht?“

Ja warum eigentlich nicht?

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Der Sechste Kondratieff

Es klingt wie ein Adelstitel, der 6. Earl of Douglas, oder der 9. Duke of Wellington. Der 6. Kondratieff… und wie heiß wird er ersehnt! Dass er doch bald herab kommen möge zu uns, die Welt aus ihrem Schmerz zu erlösen, ja aus bitterster Not, hat sie den Tod durch Hunger und Durst doch schon nahe vor Augen… Denn es mangelt ihr an dem Nötigsten, an ihrem Lebenselixier, die Kammern und Reservoirs sind leer, es finden sich keine neuen, die man erschließen könnte, es ist eine wahres Grauen, denn was ihr so bitter nötig fehlt, hat auf dieser großen gottverlassenen Welt niemand mehr: es ist – etwas, das fehlt.

Aber ohne etwas, das fehlt, das wirklich Vielen fehlt, das alle an ihre Sparschweine stürmen lässt, um sie zu schlachten, oder an die Bankschalter, um einen Kleinkredit aufzunehmen, und das darum die Investoren jubeln lässt – gibt es kein Wachstum! Das ist doch das Lebenselixier dieser renditehungrigen Welt, und er, der 6. Kondratieff, der lange Verheißene, wird es ihr bringen. Wachstum! Hosianna!

Was hat man sich alles schon ausgedacht, was den 6. Kondratieff auslöst, und was er mit sich bringt. Ein Öko-Kondratieff! Ein Bio-Kondratieff! Ein Nano-Kondratieff! Ein Ganzheitliche-Gesundheit-Kondratieff!

Eine groß angelegte Trend-Analyse der „Allianz“ aus 2010 etwa fragte: „Markiert die Finanzkrise vielleicht die Geburt eines neuen 6. Wohlstandszyklus? Sind vielleicht die Bereiche Umwelt, Biotechnologie und Gesundheit die ökonomischen Kraftquellen von morgen? Können sie uns zurück auf einen nachhaltigen Wachstumspfad führen?“

Na bitte – Gesundheit! Ein ganz neues Produkt, und ein vorher nie gekanntes Bedürfnis. Oder das Wissen, auch ein ganz neuartiges Produkt, das vielen gänzlich unbekannt geblieben war, und das nun ein intensives Verlangen auslöst: „Der Weg der Industriestaaten hin zu einer Wissensökonomie scheint bereits vorgezeichnet. Es ist daher wahrscheinlich, dass von ihnen auch der 6. Kondratieffzyklus ausgehen wird.“ Ein Wissensökonomie! Das muss ja einen explosiven Wachstumsschub auslösen, waren doch alle Ökonomien bisher Unwissensökonomien.

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BWL contra VWL

Wenn etwas betriebswirtschaftlich richtig ist, ist es volkswirtschaftlich oft falsch, und anders herum.

Eine private Rentenversicherung zum Beispiel mag betriebswirtschaftlich richtig sein. Menschen sparen jeder für sich, ganz privat, Geld an, und sorgen so für das Alter vor. Da Versicherungsgesellschaften sich damit auskennen, sammeln sie das Geld von vielen Sparern ein, und legen es gewinnbringend an, so dass jeder einzelne Sparer am Ende mehr zurück erhält, als wenn er sein Geld einfach in die Sparbüchse steckte. Und er erhält auch noch eine Rentengarantie, das heißt die private Rentenversicherung verspricht eine lebenslange Rentenzahlung, und geht das Risiko ein, einen Verlust zu erwirtschaften, wenn die zugesagte Rente zu hoch ist oder der Rentenbezieher länger lebt als kalkuliert.

Wenn sie scharf kalkuliert, und das Geld der – möglichst vielen – Sparer gut anlegt, können Versicherung und Sparer damit gut fahren.

Aber diese Wahrscheinlichkeit, dass das Geld gewinnbringend angelegt werden kann, nimmt ab, je reicher die Volkswirtschaften schon geworden sind. Und das ist es, was in den letzten 70 Jahren geschehen ist, und was die reichen Volkswirtschaften seit mindestens zwei Jahrzehnten nun immer deutlicher vor Augen haben.

Es ist im Grunde eine einfache Rechnung: es kommt auf das Verhältnis zwischen dem gesamten angesammelten Sparvermögen, und dem Bruttoinlandsprodukt einer Volkswirtschaft an. Wenn das Sparvermögen zu groß wird, kann die gesamte volkswirtschaftliche Leistung die kalkulierten Renditen der vielen Sparer nicht mehr erwirtschaften.

Man muss sich einmal folgende Zahlen vor Augen führen: 1990 betrug das Weltfinanzvermögen 56 Billionen US Dollar, und das Welt-BIP 23 Billionen US-Dollar. Das Verhältnis lag also etwa bei 1 : 2.4, und das Finanzvermögen war damit gut doppelt so groß wie das BIP. 2015 aber war das Weltfinanzvernögen auf 267 Billionen US-Dollar angewachsen, das Welt-BIP aber nur auf 73 Billionen US-Dollar. Das Verhältnis lag nun bei 1 : 3.66, schon fast dem Vierfachen des BIP. Und wenn man sich die Verhältnisse in einzelnen reichen Staaten anschaut, wird das alles viel krasser und extremer. Etwa das Buch „Wem gehört die Welt“ von Hans-Jürgen Jakobs, lange Zeit Leiter der Wirtschaftsredaktion der Süddeutschen Zeitung und später Chefredakteur des Handelsblatt, ist hier ein Augenöffner.

An dem Punkt wird das, was betriebswirtschaftlich richtig ist, aus einer gesamtvolkswirtschaftlichen Sicht immer falscher, je weiter das Verhältnis zwischen Sparvermögen und BIP sich auseinanderentwickelt.

Richtiger wäre dann, was die Renten angeht, eine gesetzliche Rentenversicherung nach dem Umlageprinzip, wie es vor der Privatisierungswelle ja üblich war. Die eine junge Generation bezahlt der anderen älteren Generation ihre Renten. Dann spielen Renditen und Verzinsung und der Kapitalmarkt überhaupt keine Rolle. Es darf sich nur die Zahl der Rentenbezieher und der Einzahler nicht zu sehr auseinanderentwickeln.

Das allerdings wird mit zunehmendem Verschwinden der Vollzeitarbeitsplätze auch immer mehr der Fall sein. Was dann?

Auch mit Blick auf die Verteilung der Beschäftigung in einer Volkswirtschaft ist es so: was betriebswirtschaftlich richtig ist, ist volkswirtschaftlich gesehen falsch. Jeder einzelne Betrieb sichert seine Existenz und damit die Arbeitsplätze seiner Beschäftigten, indem er ein gutes Ergebnis erzielt. Das Ergebnis ist die Zahl, die in der Gewinn- und Verlustrechnung unten steht. Wenn die Einnahmen höher sind als die Ausgaben eines Jahres, dann steht unten eine schwarze Zahl. Wenn der Betrieb auf hohes Interesse trifft bei seinen Kunden, kann er seine Tätigkeit ausweiten, Mitarbeiter einstellen und, wenn er sonst alles richtig macht, seinen Gewinn steigern.

Bleibt die Nachfrage konstant, weil die Konkurrenz ja auch noch da ist und nicht schläft, wird der Betrieb schauen, wo er Kosten sparen kann. Oft fällt der Blick dann eben auf die Beschäftigten, die das meiste Geld kosten. Wenn möglich, werden welche entlassen, oder keine neuen eingestellt, wenn welche gehen.

Je mehr die Wirtschaft insgesamt schon reich und wohlhabend ist, kommt es nun mehr und mehr zu einem ganz typischen Geschehen in der Volkswirtschaft: es kommt zu Firmenkonzentrationen, zu Druck auf die Löhne und die Beschäftigung, und auf die Politik, den Unternehmen das Leben zu erleichtern, indem die Steuern gesenkt werden und die Gesetzgebung gelockert. Es wird immer mehr das getan, das betriebswirtschaftlich richtig, aber volkswirtschaftlich falsch ist.

Aus volkswirtschaftlicher Sicht müsste der Staat eigentlich immer mehr eingreifen und regulieren; dafür sorgen dass die Arbeitsplätze möglichst gleichmäßig verteilt werden, gegen Firmenkonzentrationen vorgehen, die Steuern eher erhöhen als senken, um sich die Möglichkeit des Eingreifens zu schaffen und zu erhalten. Die Staatsquote müsste eher erhöht werden, als gesenkt.

Da aber die gesamte Wirtschaft in diesen „schlechten“ Zeiten – die eigentlich „gute“ Zeiten sind, an der Höhe des erreichten Wohlstands gemessen – immer mehr von den Unternehmen abhängt, die die Menschen beschäftigen und den „Kuchen“ erwirtschaften, den es zu verteilen gilt, bekommen die Unternehmen und deren Interessenvertreter immer mehr Macht.

So kommt es zu der Polarisierung, die wir nun immer mehr beobachten. Die Sicht aus betriebswirtschaftlicher Perspektive wird immer radikaler, und die Sicht aus volkswirtschaftlicher Perspektive wird es auch. Wenn sich die Partner der neu geschmiedeten Großen Koalition endlich zusammenfinden zu einem Kompromiss zwischen der betriebswirtschaftlichen Sicht (eher CDU) und der volkswirtschaftlichen Sicht (eher SPD), sind die „Radikalen“ aus beiden Lagern unzufrieden.

Und diese Polarisierung zwischen zwei Sichten, die eigentlich beide richtig sind, nimmt immer mehr zu, je weiter der geschaffene Reichtum der Volkswirtschaften anwächst, und je mehr die Frage im Vordergrund steht, wie denn nun noch neue Bedürfnisse und neue Beschäftigung geschaffen werden können.

Genau genommen ist natürlich die volkswirtschaftliche Sicht die richtigere, denn das Verhalten aus der betriebswirtschaftlichen Sicht führt am Ende dazu, dass die Wirtschaft kollabiert. Leider kann die volkswirtschaftliche Sicht sich eben immer schlechter durchsetzen.

Aus betriebswirtschaftlicher Sicht ist es richtig, Aktien zu kaufen, so lange die Kurse steigen. Wenn das alle tun, steigen die Kurse auch, aber immer nur so lange, bis die Blase platzt. Wenn immer alle das tun, was betriebswirtschaftlich richtig ist, kommt es am Ende zum grandiosen Kapitalkollaps. All dies wird immer extremer und immer schwerer zu bändigen und zu regulieren und zu kontrollieren, je größer der Reichtum schon geworden ist, je gigantischer die Vermögen angeschwollen sind, je stärker die Spitzeneinkommen der Topmanager und die Durchschnittslöhne auseinanderklaffen, und je mehr die Arbeitsplätze schwinden und unsicherer werden.

Was kann man tun?

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GroKo, nix Großes

Was ist denn was Großes? was ist denn was Großes? das ist doch Blödsinn!

Das war Andrea Nahles‘ Erwiderung auf die Mahnung des Juso-Vorsitzenden Kevin Kühnert, es müsse in der Politik der SPD um etwas Großes gehn, und sie müsse sich in der Opposition darauf besinnen, um wieder zu Verstand und Kräften zu finden.

Nun ist Andrea Nahles (noch designierte) Parteivorsitzende, und der gerade erst mit 100 Prozent gewählte Hoffnungsträger Martin Schulz „freiwillig“ abserviert. Um nun doch ein Amt in der Regierung Merkel anzutreten, was er zuvor kategorisch abgelehnt hatte. Was ist denn was Großes – ja das alles mit Sicherheit nicht.

Dass Gabriel der nächsten Regierung nicht angehören würde, war von einigen – verschwörungstheoretisch – erwartet worden, denn er sei zu sehr von der großen Anti-Russland-Linie von NATO, USA und EU abgewichen. Er hat ja mehrfach eigenmächtig Besuche bei Putin eingefädelt, und sich in freundschaftlicher Harmonie mit diesem den Kameras präsentiert. Nun ist er verschwunden, in den hinteren Rängen des Parlaments, als Abgeordneter aus Goslar.

Das ist Real-Politik. Nichts Großes. Etwas Großes ist nicht real, das wird Kevin Kühnert auch noch lernen.

Für etwas Großes kann man die Massen nur dann erwärmen, wenn man es übermorgen erreichen kann, oder jedenfalls glauben kann, man könne es übermorgen erreichen. Zum Beispiel den Zaren stürzen, oder den Kaiser Wilhelm. Aber erreicht worden ist das Große dann ja meistens nicht.

Darum sieht Andrea Nahles das Große im Kleinen, und kämpft „wie eine Blöde“ für den Mindestlohn. Das sind zwar vielleicht nur ein paar Euro, aber die sind real. An den Sozialismus hat sie früher geglaubt, als sie noch selber Juso-Vorsitzende war. Das lächelt sie heute weg, wenn sie daran erinnert wird.

War der Sozialismus was Großes? Wer glaubt heute noch an den Sozialismus.

Um auf die Tagung in der Friedrich-Ebert-Stiftung zurückzukommen, im November in Berlin: da ging es um den „Digitalen Kapitalismus“, und ob das ein Hype sei. Ist ein Hype etwas Großes? Wer einmal reale 1,5 Euros für ein paar Millionen Menschen erkämpft hat, sieht mit anderen Augen auf Hype und Menschen, die von etwas Großem sprechen.

Aber heißt das denn, wir können uns heute die Besinnnung auf etwas Großes schenken, und die Besinnung auf die Frage, ob mit dem (digitalen oder nicht digitalen) Kapitalismus, in dem wir alle stecken, vielleicht auch viel mehr falsch läuft, als dass ein paar Millionen Menschen noch ein paar Euros mehr in der Tasche haben sollten?

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Atomkrieg, kurz vor dem Paradies

Diese Rede ist wirklich starker Tobak. Es geht um die Rede des britischen Generals Sir Nicholas Carter, Chief of the General Staff, seit 2014 oberster Militär der britischen Armee. Er hielt diese Rede am 22. 1. 2018 beim Royal United Services Institute in UK, und vertrat darin die Ansicht, dass die Russen Böses im Schilde führen: „Ich glaube nicht, dass es mit kleinen grünen Männchen beginnen wird. Es beginnt mit etwas, was wir nicht erwarten.“

Darum, glaubt der General, wird das so sein: „Vielleicht sollte man die heutige Situation mit dem Jahr 1912 vergleichen, als das russische zaristische Kabinett feststellte, dass es besser sei, jetzt zu kämpfen, denn 1925 wäre Russland im Vergleich zu einem modernisierten Deutschland zu schwach. Japan zog natürlich ähnliche Schlussfolgerungen im Jahr 1941. Und Russland macht sich Sorgen, denke ich, dass der Westen im nächsten Jahrzehnt einen technologischen Vorteil erlangen wird.“

Warum also darauf warten, denkt er, denken die Russen. Darum, will er sagen, könnte es bald losgehn, und zwar mit etwas, was wir nicht erwarten.

Einige Tage später dann dieser Artikel im Economist über die „wachsende Gefahr eines Großmacht-Konflikts.“ Da lesen wir: „In den letzten 25 Jahren hat der Krieg zu viele Leben gefordert. Doch während in Syrien, Zentralafrika, Afghanistan und im Irak ein ziviler und religiöser Konflikt entbrannt ist, ist ein verheerender Konflikt zwischen den Großmächten der Welt fast unvorstellbar geblieben. Nicht mehr, nicht länger.“

Da hört man donnernd den Paukenschlag. Ein verheerender Konflikt zwischen den Grossmächten war fast unvorstellbar – „no more, no longer“.

Dass in Syrien, Zentralafrika, Afghanistan und im Irak zivile und religiöse Konflikte entbrannt sind, erfahren wir nebenbei. Man dachte immer es handelt sich um Schauplätze des ewigen „War on Terror“, den die Amerikaner heldenhaft führen, um die Welt zu einem „besseren Ort“ zu machen. „The world is better off without Saddam“, hieß es zuerst, dann musste unbedingt Gaddafi weg, dann Assad. Und jetzt – Putin.

„Letzte Woche veröffentlichte das Pentagon eine neue nationale Verteidigungsstrategie, die China und Russland über den Dschihad als die größte Bedrohung für Amerika stellte“, heißt es weiter, und die Folge ist: „Ein Konflikt in einer Größenordnung und Intensität, der seit dem Zweiten Weltkrieg nicht mehr gesehen wurde, ist von Neuem plausibel.“ Und, Achtung: „Die Welt ist nicht vorbereitet.“

Also: Prepare for War, liebe ahnungslose Welt.

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Ach, der Mason

Ein Kommentar zum Beitrag „Zerschlagt die digitalen Monopole!“ von Paul Mason aus den „Blättern“ Nr. 02/2018, der auf der Keynote basiert, die Paul Mason am 3.11.2017 auf der Konferenz „Digitaler Kapitalismus – Revolution oder Hype?“ in Berlin gehalten hat. Die Konferenz wurde von der Friedrich-Ebert-Stiftung in Kooperation unter anderem mit den „Blättern“ veranstaltet. Die Rede richtete sich also auch an die Sozialdemokratie …

Vorbemerkung: Ich mache mich hier ein wenig über Mason lustig. Die Position, von der aus ich das tue und die mir das erlaubt, ist explizit gemacht in meinem Buch „Die Grosse Digitalmaschinerie“.

Ist es auch schon eine Spätfolge des Dschungelcamp?

Wie kann es sein, dass eine so mittelmäßige Wirmüssen-basiertauf-reduziertauf-fixiertauf-Erstsemester-Biertischsuada eine so breite Aufmerksamkeit auf sich zieht? Ist das Publikum schon so träge und blöde geglotzt?

Man möge mir die groben Worte verzeihen. Aber dass ein an Gehalten derartig dünner Aufguss in den „Blättern für Deutsche und Internationale Politik erscheint“, zu deren Herausgebern auch der wortgewaltige Philosoph Jürgen Habermas gehört, muss diesem eigentlich die Suppe gehörig versalzen. Ihm muss es einen Geschmack auf der Zunge hinterlassen wie dem unlängst verstorbenen Paul Bocuse eine Curry-Wurst.

Bei Bocuse entstanden Gerichte als kunstvolle Kompositionen, deren Bestandteile er auswählte aus einem gewaltigen Reservoir aus Geschmäckern und Gerüchen und Konsistenzen, und die er nun so zueinander in Beziehung setzt, dass jedes einzelne Element seine Eigenart behält, und sich in der Entgegensetzung zu einem anderen Element positiv und vielleicht überraschend zur Geltung bringt; das Ganze ist dann mehr als die Summe seiner Teile, eine den Geist erfrischende, erhellende und beglückende Komposition. Die Curry-Wurst aber verrät nicht allzu viel über ihre Bestandteile, ausser der Wurst und dem Curry, sie erzeugt nur ein dumpfes Sattheits- und dennoch Hungergefühl, den Appetit schon auf die nächste Curry-Wurst – grad so wie etwa eine Folge des Dschungelcamp, auf die nächste Folge des Dschungelcamp.

Aber, wie man weiß, hat die Curry-Wurst sich durchgesetzt, und von Paul Bocuse kennt die breite Masse vermutlich nicht einmal mehr den Namen. Irgendetwas muss also dran sein an der Curry-Wurst. Es muss etwas sein an diesen Bestandteilen, das diesen Appetit auslöst. Schauen wir uns also die Bestandteile dieser Musiklehrer-Komposition genauer an. Manches von ihnen erweist sich als richtig und wichtig, manches nicht, und so ist es die Komposition des Ganzen, die, statt zu erhellen, mehr Nebelschwaden und Ratlosigkeit hinterlässt, als klaren Blick und Handlungsfähigkeit und -bereitschaft.

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Vernunftfinsternis

In Kapstadt könnten ab April die Wasserhähne abgedreht werden. Kein Wasser mehr aus den Leitungen, sondern Abgabe von 25 Liter Wasser pro Tag an Notausgaben.

Das dürfte unangenehmer sein als der Wasserüberfluss, den die Deutschen, vor allem im Norden, gerade erleben. Hier ist es nur nass und dunkel, der dunkelste Dezember und Januar seit 1951.

Aber das Jahr 2017 hat deutlich unangenehmere Wetterereignisse beschert, auf der Welt. Die Statistik der Münchner Rück weist einen immer weiter steigenden Trend zu relevanten Schaden verursachenden Naturereignissen auf.

Derweil sitzen in Berlin die zu ihrem Glück gezwungenen Koalitionäre, und denken darüber nach, welche Pläne sie schmieden können, damit Angela Merkel am Ende der Periode wieder sagen kann: Uns geht es gut! Die Klimaziele für 2020 waren da in den Sondierungsgesprächen schon gekippt.

Wann geht es uns gut?

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