Von den Moden zum Trend

Auf der Tagung Wirtschaftsinformatik ’95 hielt der Begründer des Studienfaches Wirtschaftsinformatik in Deutschland, Professor Peter Mertens, seinen Hauptvortrag „Wirtschaftsinformatik – Von den Moden zum Trend“. Seine Absicht war es, seiner jungen Wissenschaft ihre „langfristigen“, also bleibenden Ziele zu weisen.

Er begründete dies so: „Idealerweise würde sich eine Disziplin auf einem geraden Fortschrittspfad in Richtung eines (…) Langfristzieles bewegen.“ Mäandernde Entwicklungen, die einem Trial-and-Error-Pfad folgen, seien also zu vermeiden. Dann stellt er fest, dass es in der Wirtschaftsinformatik seiner Zeit zu mäandernden Entwicklungen gekommen war; die Wissenschaft war also kurzfristigen „Moden“ gefolgt, und hatte dadurch Zeit und Ressourcen verschwendet.

Was wäre aber der gerade Weg gewesen, und auf welches langfristige Ziel hätte er sich hinbewegen sollen? Die Antwort von Peter Mertens war damals: auf das Ziel der „Vollautomation des Unternehmens“. Er machte zwar die Einschränkung, dass diese Vollautomation „sinnhaft“ sein solle, hat aber zu dieser Sinnhaftigkeit lediglich erklärt, dies bedeute, dass ein Automationsschritt jeweils „von der Allgemeinheit nach einer Lernfrist akzeptiert wird“.

Einige Jahre später, anlässlich eines Vortrages auf der Jahrestagung des Verbandes der Hochschullehrer für Betriebswirtschaft e. V. in Dresden am 10. Juni 2006 mit dem Titel „Moden, Trend und Nachhaltigkeit in der Wirtschaftsinformatik“ hat er dies so präzisiert: Am Ende stehe das Ziel des „Betriebes, den kein Arbeitnehmer und keine Arbeitnehmerin mehr betreten muss“, und zur Begründung sagt er am Ende seines Vortrages: „Abschließend eine rhetorische Frage: Wenn wir Sklaven für uns arbeiten lassen können, ohne dass man Menschen erniedrigen muss, weil die Sklaven ja Maschinen sind: Warum nicht?“

Ja warum nicht? Gibt es etwa Einwände?

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Postkapitalistisches Manifest

Die Ökonomien der hochindustrialisierten Länder können nicht mehr wachsen, und sie dürfen nicht mehr wachsen.

Wenn wir aber nicht mehr in Richtung Maximierung des Wachstums gehen können, müssen wir in Richtung Maximierung der Automation gehen.

Die Ökonomien müssen dabei stabil sein. Um hochautomatisierten Ökonomien Stabilität zu geben, sind Digitaltechnologien geeignete Mittel.

Der Begriff der Digitalisierung ist einer der in der gegenwärtigen politischen Diskussion meistverwendeten Begriffe. Leider wird die wichtigste Bedeutung dieses Begriffes nicht verstanden. Die wichtigste Bedeutung liegt darin, dass durch die Digitalisierung sehr viele Arbeitsplätze entfallen, aber gleichzeitig die digitalisierte Produktion vergesellschaftet werden kann, und damit der renditeorientierten Verfügungsgewalt der Privatwirtschaft entzogen. Der technische Fortschritt kann dann dazu genutzt werden, dass Güter und Dienstleistungen zu den reinen Herstellungskosten, und damit zu Grenzkosten nahe Null angeboten werden.

Sehr kostengünstige oder sogar kostenlose Produkte oder Dienstleistungen sind dauerhaft nur da möglich, wo sie hoch effizient hergestellt werden, und das heißt vor allem: hochgradig automatisiert. Auf dem Wege von Umverteilungen jeder Art, über Subventionen oder Ähnliches, können günstige Angebote zu Niedrigstpreisen dauerhaft nicht hergestellt werden.

Eine andere Bedingung, neben der technischen, ist die: die Anbieter dürfen keine Privatunternehmen sein, denn die produzieren immer unter Risiko, und müssen langfristig Gewinne realisieren, um ihre Existenz zu sichern, auch wenn sie vielleicht kurzfristig versuchen würden, über Dumpingpreise eine marktbeherrschende Stellung zu erreichen. Aber dann müssen sie zuschlagen: the Winner takes it all.

Die Konsequenz ist also, dass es nur überprivate Unternehmen oder Organisationen sein können, die die technischen Möglichkeiten zur Leistungserstellung bei höchsten Automationsgraden so nutzen, dass sie diese Potenziale über minimale Preise auch an die Verbraucher weitergeben. Ob es staatliche Unternehmen sind, oder ob sie in anderen Rechtsformen geführt werden, ist da nebensächlich. Das Wichtigste ist: nicht privat, nicht renditeorientiert, und nicht im Verdrängungswettbewerb.

Was wäre dann kurz- bis mittelfristig möglich, und was wäre, unabhängig von technischen Möglichkeiten, notwendig:

1. Baufirmen

Es könnte öffentliche oder staatliche Baufirmen entstehen, die die heute bestehenden Möglichkeiten des kostengünstigen Bauens optimal nutzen, und öffentlichen, sehr günstigen Wohnraum herstellen. Gebaut werden könnte auf Grundstücken, die durch Umnutzung ehemaliger Industriebrachen massenhaft entstehen, und günstig erstanden werden können.

2. Möbel und Interieur

Die Fertigungstechnologie ist heute schon so weit, dass Möbel ganz nach individuellem Entwurf hoch automatisiert und damit kostengünstig hergestellt werden können. Überprivate Möbelhersteller könnten dezentral in der Nähe vieler Wohngebiete angesiedelt sein, und die digitalen Möbeldesigns von Möbeldesignern herstellen, die ein Kunde nach Bedarf anpassen kann, und dann zur Fertigung in Auftrag gibt. Kostensenkungspotenziale könnten dadurch entstehen, dass die Fertiger Zukaufteile und Rohmaterial in Massen einkaufen und vorfertigen lassen. Trotzdem sind individuelle und vielfältige Designs möglich, und dies zu minimalen Preisen.

3. Kleidung und Textilien

Hier ist die Fertigungstechnologie ebenfalls so weit, dass Textilien auf Anforderung als maschinelle Realisierung digitaler Designs hochgradig automatisiert hergestellt werden können. Die Fertigung in Elendsquartieren in Bangladesh kann entfallen. Der Markt für Billigtextilien muss nicht den bekannten Monopolanbietern überlassen werden.

4. Grundnahrungsmittel

Die Landwirtschaft ist heute hochgradig automatisiert. Statt die Landwirtschaft zunehmend internationalen Investoren zu überlassen, die mit industrieller Produktion die Böden ruinieren, kann auf dem neuesten Stand agrarwissenschaftlicher Erkenntnisse und hochautomatisiert ein Grundbedarf an Nahrungsgmitteln erzeugt werden, und etwa im Falle des Brotes von öffentlichen Brotfabriken zu minimalen Preisen hergestellt werden.

5. Öffentlicher Personennahverkehr

Kostenloser Personennahverkehr ist nachhaltig nur dann möglich, wenn das Verkehrsangebot auch sehr kostengünstig hergestellt werden kann. Die wichtigste Voraussetzung dazu sind fahrerlose Fahrzeuge. Auf der Basis autonomer Fahrzeuge kann das Angebot sehr niedrigpreisigen städtischen Personennahverkehrs hergestellt werden.

6. Automobile

Die private Automobilwirtschaft ist an kostengünstigen Automobilen für den privaten Automobilnutzer nicht interessiert, sondern fördert das Image des Automobils als Statussymbol. Ein kostengünstiges Automobil, zu dessen Herstellung alle bestehenden technischen Möglichkeiten optimal ausgenutzt werden, kann deshalb nur von einem überprivaten Hersteller entwickelt, hergestellt und angeboten werden. Auch hier ist die Herstellung auf Anforderung und kundenindividuell in Grenzen schon möglich. Es ist auch die öffentliche Entwicklung von Automobildesigns möglich, die dann hochautomatisiert und kostengünstig hergestellt werden.

7. Telekommunikation

Die ehemals staatlichen Postdienste zu privatisieren hat sich nicht bewährt, und sollte darum rückgängig gemacht werden.

8. Bahn

Die ehemals staatliche Bundesbahn zu privatisieren hat sich nicht bewährt, und sollte darum rückgängig gemacht werden.

9. Lufthansa

Die ehemals staatliche Lufthansa zu privatisieren hat sich nicht bewährt, und sollte darum rückgängig gemacht werden.

10. Stahl, Energie, Rohstoffe

Stahlwerke, die Energieerzeugung sowie die Rohstoffgewinnung sollten nicht in privater Hand sein.

11. Gesundheitswesen

Die Gesundheit sollte unter keinen Umständen zum Gegenstand privaten Profitstrebens werden.

12. Bildung

Schul- und Universitätsausbildung sollten nicht zum Gegenstand privaten Profitstrebens werden.

13. Banken und Versicherungen

Die grössten Banken und Versicherungen sollten nicht von privatem Profitstreben geleitet werden.

14. Schiffahrt, Reedereien

Es sollten zumindest die größten noch benötigten Reedereien nicht in privater Hand sein.

Die generelle Regel sollte die sein: alle Industrien, in denen das Potenzial der Schaffung hoher und höchster Automationsgrade hoch ist, und die von Wichtigkeit für Leben und Wohlstand der Massen sind, sollte der Staat, die Öffentlichkeit von der Privatwirtschaft „erobern“ (wie Schumpeter einst sagte), um zu verhindern, dass in privater Hand die Möglichkeit zur leistungslosen Rentenextraktion entsteht.

In allen anderen Bereichen kann die private Wirtschaft sich entfalten. Überall da, wo qualifizierte, durch Personen und Personengesellschaften und deren Angestellte geleistete Arbeit Werte schafft, können entsprechend hohe Einkommen und Gehälter erwirtschaftet werden.

Alte Journalistenschule

Eindeutig der beste Kommentar zu dieser vollkommen von jedem Realitätsbezug abgehobenen Kampagne gegen die russischen Wunder-Wahlkampf-Helden.

Und Vorsicht, auch wir werden nicht ungeschoren davonkommen.

Wie wohltuend ist es für jemanden meines Jahrgangs, diesen hochgradig verkorxten Gang der Geschichte aus der Perspektive der Willy-Liebe der frühen 1970er Jahre zu sehen. Broeckers kommt einem vor manchmal wie die letzte übrig gebliebene ehrliche Haut, in der pre$$tituierten Zunft.

Die sagenhafte Geschichte von der Wilden Dreizehn

Reichtum ohne Geld

Das Buch ist ja nicht mehr ganz neu, aber ich habe es jetzt erst gelesen: Reichtum ohne Gier, von Sahra Wagenknecht.

Ich bin nicht wenig enttäuscht. Sie ist promovierte Volkswirtin? Und hat früher einmal stolz verkündet, Marxistin zu sein? Sie hat, wie mir scheint, weder die „Bastardökonomie“ von heute, also das, was aus der früheren produktiven Marktwirtschaft geworden ist, verstanden, noch das, was Marx über diese Wirtschaft, ihre Vergangenheit und ihre Zukunft denken würde.

Es fängt eigentlich schon mit dem Titel an, und ich habe es geahnt, dachte aber, das sei nur wegen der schlafenden Käuferschicht, die man ja immer an ihren primitiveren Instinkten packen muss, um ihr Interesse zu wecken. Nein, sie glaubt tatsächlich, die Wirtschaft habe nur ihre Tugend verloren, und nun müssen man mit echten Unternehmern und Gemeinwohlbanken vom Feudalkapitalismus zur „modernen Wirtschaftsordnung“ der Marktwirtschaft zurückkehren. So entstehe dann Reichtum ohne Gier.

Na da hätte sie vielleicht doch besser Marxistin bleiben sollen.

Marx hätte ihr erstens gut erklären können, dass die Motivlagen einzelner Individuen kaum eine Rolle spielen, und im analytischen Zugriff auf die unterliegenden Strömungen, Regularien und Tendenzen der wirtschaftlichen Entwicklung, die es zu entschlüsseln gilt, gar keine Rolle spielen dürfen. Es kommt nicht darauf an, moralische Bewertungen vorzunehmen und Wirtschaftshandeln nach moralischen Kriterien zu bemessen, um dann Perspektiven wirtschaftlicher Entwicklung mit moralischen Appellen zu verwechseln. Und zweitens hätte er ihr erklären können, welche Rolle die „Mittel zur Bearbeitung des Naturstoffs“, das vorhandene Niveau der Technologie für die Epoche spielen, der sie zur Verfügung steht. Davon hat sie offenbar überhaupt nichts verstanden, und dass die „moderne Wirtschaftsordnung“, die ehemalige Marktwirtschaft, seit mindestens 30 Jahren an Überproduktivität leidet, genau so wenig.

Wie soll sie dann verstehen, wie es vor sich geht, dass dieser überproduktive Kapitalismus genau die „Mittel zur Bearbeitung des Naturstoffs“ hervorbringt, die der folgenden Epoche dann ermöglichen, ohne Wachstum und ohne das Produzieren von (überflüssigen) Gütern um die Wette zu leben?

Ob sie schon von diesem Phänomen gehört hat, von dem Hans-Jürgen Jakobs berichtet, von dem „Phänomen des ‚dry powder‘, wie das in der Branche heißt: Es sind genügend Finanzmittel vorhanden, das Pulver ist trocken, aber es fehlt an Chancen, das Geld auch wieder gut zu investieren. Allein Blackstone, der Marktführer im alternativen Finanzgeschäft, hat an die 100 Milliarden Dollar Trockenpulver.“

Hat sie sich das mal angeschaut, wie sich die alte Deutschland-AG verändert hat? Und vom wem jetzt die Deutschland-AG beherrscht wird?

Da hofft sie auf Kapitalneutralisierung? Auf Stiftungsuntermehmen? Auf Mitarbeitergesellschaften?

Absolut richtig ist die Intention, dass Eigentum nur noch durch eigene Arbeit von Personen entstehen soll, und nicht als Kapitalertrag, als leistungsloses Einkommen innerhalb feudaler Besitzstrukturen. Aber sie versteht überhaupt nicht die Rolle des Sachkapitals – der „Maschinerie“ – bei der Erzeugung der Werte, die dann als leistungsloses Einkommen einem „Feudalherren“, oder, wie es im Neo-Kapitalismus der Finanzinvestoren richtiger heißen muss, einem der „Top-Investoren“ als Aktiendividende zufließen. Dann kann sie auch nicht die Potentiale verstehen, die sich aus der Wandlung der inneren Struktur dieser Maschinerie ergeben, die es nämlich zum ersten Mal in der Geschichte möglich machen, auf die Allokation von Gütern über Märkte zu verzichten, und damit auch diese Kapitalerträge, die anderen – den „Feudalherren“ – dann als leistungsloses Einkommen zufließen, gar nicht erst entstehen zu lassen.

Sie versteht überhaupt nicht, dass dieser kleine unscheinbare 3D-Drucker im Haushalt, über den sie sich lustig macht, ein erstes Vorscheinen so einer industriellen Struktur ist, bei der Güter direkt aus der Produktion in der Hand des (ideellen) Produzenten in die Hand des Konsumenten übergehen, ohne ihren Weg über den Markt gegangen zu sein: weil Produzent und Konsument nämlich identisch sind. Im Falle des 3D-Druckers im Haushalt heißt das nichts anderes, als dass der Haushalt in sein eigenes Sachkapital investiert. Im Falle einer Volkswirtschaft ist das letzten Endes das Gleiche, wenn auch um Einiges komplizierter, und zwar sowohl komplizierter zu realisieren, als auch komplizierter zu verstehen.

Nehmen wir das Beispiel des Möbelbaus. Nehmen wir gleich das Beispiel des Möbelhauses Ikea, das sich heute im Besitz einer Stiftung befindet. Was wäre der Vorschlag von Frau Wagenknecht – die Stiftung in eine Gemeinwohlgesellschaft umzuwandeln? Welche Ziele würde die dann verfolgen?

Bevor man sich der Frage zuwendet, welche Folgen eine Änderung der Form des Eigentums haben könnte, kann man sich gleich anschauen, wie ein großes Unternehmen wie das Haus Ikea arbeiten muss, um handlungsfähig zu bleiben, zu überleben und Gewinne zu machen. Es muss, um seine erreichte Marktposition in einem stark konsolidierten, kaum mehr wachsenden Markt zu halten, sehr kosteneffizient arbeiten, und attraktive Produkte anbieten. Die Attraktivität der Produkte ist das Resultat der Möbeldesigner von Ikea, die deshalb auch eine eigene Firma innerhalb des Konzern geworden sind. Die Kosten werden niedrig gehalten durch eine hocheffiziente und sparsame Fertigung, die deshalb mehr und mehr in Billiglohnländer ausgelagert worden ist, früher in die DDR, und später, nach dem Zerfall des Ostblocks, in andere dortige Länder mit sehr niedrigem Lohnniveau.

Was wäre jetzt der Vorschlag von Frau Wagenknecht? Was würde die Veränderung der Eigentumsform bewirken können?

Unterstellen wir einmal, es gäbe gar keine Billiglohnländer. So etwas ist in ökonomischen Betrachtungen ein Sonderfall, ein Sondereinfluss, als Ergebnis besonderer Umstände. Im Normalfall entwickeln sich Lohnniveau und technischer Fortschritt in einem aufeinander abgestimmten und entsprechenden Verhältnis. Um die Preise ninimal zu halten, kommt in der Regel immer nur die technische Arbeitsunterstüzung in Frage, wodurch die Produktivität der einzelnen Arbeitsstunde erhöht werden kann. Wenn man nun den Zugriff der Investoren auf die Produktion zur Rentenextraktion verhindern will, kann man das. den Zugriff, per Veränderung der Eigentumsform verbieten, und das Unternehmen irgendwie gemeinwirtschaftlich werden lassen, unabhängig von der Frage, wie genau das zu bewerkstelligen sein könnte.

Nun gehört das Unternehmen irgendwem, der nicht das Kapital in Person ist, sondern vielleicht den Beschäftigten selber, oder niemandem, und es wird irgendwie von einer öffentlchen Hand verwaltet. Aber die Beschäftigten sind trotzdem weiter davon abhängig, dass das Unternehmen in der Lage ist, ihre Löhne zu bezahlen. Eine Überlebensgarantie hat das Unternehmen so aber auch nicht, es muss also weiter kostengünstig arbeiten, und attraktive Produkte anbieten. Wie geht es also mit dem technischen Fortschritt um? Es wird, falls die Nachfrage nicht gesteigert werden kann, Mitarbeiter entlassen müssen. Oder, wie war das gedacht von Frau Wagenknecht? Auf den technischen Fortschritt gibt sie eigentlich gar keine spezifische Antwort.

Jedenfalls, nur mit Änderung der Eigentumsform wird man möglicherweise nicht sehr weit kommen können.

Welche Möglichkeiten bieten aber die neuen digitalen Technologien, von denen Frau Wagenknecht nur den kleinen 3D-Drucker im Haushalt hat ihrer Aufmerksamkeit zuführen können? Diese digitalen Technologien bieten die Möglichkeit, die Fertigung der Möbel, getrennt von der Fertigung der Designs, zu vergesellschaften; das könnte ein öffentliches, gemeinnütziges Unternehmen sein oder werden, das diese Aufgabe übernimmt. Das würde keine Gewinne erwirtschaften müssen, sondern müsste nur kostendeckend arbeiten. Es würde die Entwürfe der Designabteilung, die die Möbeldesiger entworfen haben, in digitaler Form, in reale Möbelstücke umsetzen. Die einzelnen Stätte der Fertigung könnten, als dezentrale kleine Einheiten, nahe am Ort des Konsums platziert sein, während die Designer irgendwo sitzen und ihre Designs entwickeln, und sie in digitaler Form um die Welt verschicken.

Diese einzelnen Fertiger wären im Verhältnis zueinander keine Wettbewerber, sondern könnten ihre Kapazitäten im gegenseitigen Verkehr anpassen und ausgleichen, das könnte also von zentraler Stelle koordiniert werden. Um den technischen Fortschritt müssten sie sich kümmern und könnte ihn extern zukaufen, um die Kosten minimal zu halten. Es wären Betriebe, vielleicht wie ein technisch anspruchsvolles öffentliches Unternehmen, das vielleicht ein Kraftwerk betreibt. Vielleicht würden sie eng mit Universitäten zusammenarbeiten, und wissenschaftliche Unterstützung erhalten.

Jedenfalls geschähe die Wertschöpfung, die auf die Fertigung entfällt, so in öffentlicher Hand; die Produkte, die so entstandenen Möbel, kämen also aus öffentlicher Hand, und gingen in private Verbraucherhand. Wenn auch nicht direkt, aber indirekt wären die Verbraucher auf diese Weise Konsumenten ihrer eigenen Erzeugnisse.

Dennoch wäre der Betrieb, der die Fertigung der Möbel übernimmt, nicht in der gleichen Weise dem Markt- und Wettbewerbsdruck ausgesetzt, wie wenn er es wäre, wenn er ein reines Möbelhaus wäre, wenn auch in Belegschaftshand. Der Fertiger wäre eine reine Fertigungsmaschinerie, die alles Mögliche fertigen kann, auch Designs von anderen Möbeldesignern, oder vielleicht auch ganz andere Produkte.

So etwas ist noch niemals vorher möglich gewesen, und ist erst möglich durch die digitale Fabrikation, durch die Entkopplung von Fertigung und Design. Das entgeht Frau Wagenknecht komplett.

Frau Wagenknecht war also einmal Marxistin. Er, Marx, und auch ein anderer Ökonom nach ihm, Joseph A. Schumpeter, haben den technischen Fortschritt für essentiell gehalten in der Erklärung des Wandels der Epochen. Schumpeter hat eine „Vollkommenheit“ der Produktionsmittel und einen hohen Grad von Sättigung der Bedürfnisse für die Voraussetzung gehalten, nach dem Kapitalismus eine nächste, höhere Phase der gesellschaftlichen Ordnung zu erreichen. Weder die Rolle und die Wirkungen der Sättigung, nämlich eben den Investitionsstau, die Sparflut, den Hunger der globalen Kapitalmassen nach Rendite, noch die Rolle und die Wirkungen des technischen Fortschritts, und erst recht nicht seine Potenziale, nachdem er sich eben unter dem Einfluss dieser Erscheinungen des reifen Spätkapitalismus gewandelt hat, hat sie verstanden.

Das ist schade! Es wäre schön, wenn sie es verstünde, denn kann könnte sie vielleicht helfen, es auch anderen verständlich zu machen!

Und darauf kommt es ja schließlich an, dass alle anderen das verstehen. Wir haben ja jetzt nicht mehr so viel Zeit.

Appell an die Eliten

An die Geld-Eliten

Muss man damit beginnen, um es den Eliten um die Ohren zu reiben, dass sie aufwachen und sich kümmern: mit dem dritten Massaker an unschuldigen Menschen innerhalb von drei Monaten, diesmal wieder an einer Schule in den USA: „Diesmal trifft es eine Highschool in Parkland, Florida. Der 19 Jahre alte Ex-Schüler Nikolas Cruz tötet hier am Valentinstag mit einem halbautomatischen Gewehr 17 Menschen, zumeist Schüler, viele weitere werden verletzt“, berichtet der Spiegel online. Und: „Es ist bereits der dritte schwere Angriff dieser Art innerhalb weniger Monate: Im Oktober starben 49 Menschen bei einem Konzert auf dem Las-Vegas-Boulevard, im November tötete ein Mann 26 Kirchgänger im texanischen Sutherland Springs.“

Was ist eigentlich alles falsch in einem Land, in dem so etwas möglich ist? Jahr um Jahr, Monat um Monat? Ist es ein „Mental Health Issue“, wie der Fernseh-Moderator Jimmy Kimmel es in seiner bewegenden Stellungnahme am 15.02. nannte? Wird dieses Land eigentlich von Menschen regiert? Oder von Algorithmen? Ist dieses Land eine Demokratie, in der die Menschen das Recht haben, ihre Regierung zu wählen, und sie nach vier Jahren wieder abzuwählen, wenn sie es nicht geschafft hat, dem Land Wohlstand, äußeren und inneren Frieden und eine stabile Ordnung der Lebensverhältnisse zu schaffen? Wie kann es sein, dass die über 320 Millionen Menschen der USA es nicht fertig bringen, diesen grauenhaften Ereignissen ein Ende zu machen? Sind sie zu dumm, oder sind sie so verroht, dass ihnen oder zu vielen von ihnen das gleichgültig ist? Was hieße das wiederum über dieses Land?

Der Bericht des Spiegel online wartet mit weiteren bemerkenswerten Zahlen auf: „Nach jüngsten Berechnungen der ‚New York Times‘ stellen Amerikaner etwa 4,4 Prozent der Weltbevölkerung, ihnen gehören inzwischen aber 42 Prozent aller Waffen auf der Erde.“ Und, tatsächlich nicht überraschend, führt dies nicht etwa zu mehr Sicherheit, wie die Waffenlobby nach jedem neuen derartigen Massaker behauptet, sondern dazu, dass sie immer häufiger werden: „2017 war in dieser Hinsicht das blutigste Jahr in der jüngeren US-Geschichte: Es gab insgesamt 345 Angriffe. So hat sich eine tödliche Routine entwickelt, viele der ‚kleineren‘ Zwischenfälle mit vier oder fünf Opfern sind den großen Zeitungen und TV-Sendern kaum mehr längere Meldungen wert.“

Das „Gun Violence Archive“, eine Organisation, die über den Umfang der Zwischenfälle durch Schusswaffengebrauch in des USA Statistiken führt, hat für das erst sechs Wochen alte Jahr 2018 schon unglaubliche 1.859 Todesfälle registriert, bei 6.738 Vorfällen. Für das Jahr 2017 hat die Organisation 15.590 durch Schusswaffengebrauch zu Tode gekommene Menschen gezählt.

Was muss man von einem Land, seinen Menschen, seinen Regierungen, seinen Eliten denken, in dem so etwas möglich ist? Macht man sich eigentlich genügend klar, was das bedeutet? Wegen jedes Dissidenten in China oder Russland, wegen der Pussy-Riot-Mädchen oder Ai Weiwei in China hat die halbe Welt das innigste Mitgefühl, und alle Nachrichtenkanäle quellen davon über, aber diese schauerliche Routine der wahllosen Massenmorde in den USA lässt die Welt kalt, sobald die Welle der „Prayers“, der Beileids- und Mitgefühlsbekundungen und Erklärungen zur ganz ausnahmsweise gestörten Psyche des abartigen Einzeltäters abgeebbt ist.

Warum wird so ein Land, warum wird seine Führung nicht genauso behandelt, genauso geächtet wie man glaubt es mit der der politischen und gesellschaftlichen Führung der Russen oder der Chinesen praktizieren zu müssen? Warum setzt man sich mit solchen Menschen an einen Tisch, und prostet ihnen zu, mit einem freundlichen Lächeln? Man stelle sich vor, eine Familie erlaubt ihren halbwüchsigen Kindern, Schusswaffen zu besitzen, und es kommt zu Todesfällen. Und die Eltern weigern sich, den Kindern die Waffen wegzunehmen. Was würde man sagen? OK, das ist ihr gutes Recht? Wir wollen den Familienfrieden nicht stören? Und übrigens, wir sehen Euch doch bei der nächsten Gartenparty? Und sagt Euren Kindern, sie sollen nicht ganz so laut sein beim Ballern? Ja, sie sind halt Waffennarren, aber sonst sehr nett..?

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Der Sechste Kondratieff

Es klingt wie ein Adelstitel, der 6. Earl of Douglas, oder der 9. Duke of Wellington. Der 6. Kondratieff… und wie heiß wird er ersehnt! Dass er doch bald herab kommen möge zu uns, die Welt aus ihrem Schmerz zu erlösen, ja aus bitterster Not, hat sie den Tod durch Hunger und Durst doch schon nahe vor Augen… Denn es mangelt ihr an dem Nötigsten, an ihrem Lebenselixier, die Kammern und Reservoirs sind leer, es finden sich keine neuen, die man erschließen könnte, es ist eine wahres Grauen, denn was ihr so bitter nötig fehlt, hat auf dieser großen gottverlassenen Welt niemand mehr: es ist – etwas, das fehlt.

Aber ohne etwas, das fehlt, das wirklich Vielen fehlt, das alle an ihre Sparschweine stürmen lässt, um sie zu schlachten, oder an die Bankschalter, um einen Kleinkredit aufzunehmen, und das darum die Investoren jubeln lässt – gibt es kein Wachstum! Das ist doch das Lebenselixier dieser renditehungrigen Welt, und er, der 6. Kondratieff, der lange Verheißene, wird es ihr bringen. Wachstum! Hosianna!

Was hat man sich alles schon ausgedacht, was den 6. Kondratieff auslöst, und was er mit sich bringt. Ein Öko-Kondratieff! Ein Bio-Kondratieff! Ein Nano-Kondratieff! Ein Ganzheitliche-Gesundheit-Kondratieff!

Eine groß angelegte Trend-Analyse der „Allianz“ aus 2010 etwa fragte: „Markiert die Finanzkrise vielleicht die Geburt eines neuen 6. Wohlstandszyklus? Sind vielleicht die Bereiche Umwelt, Biotechnologie und Gesundheit die ökonomischen Kraftquellen von morgen? Können sie uns zurück auf einen nachhaltigen Wachstumspfad führen?“

Na bitte – Gesundheit! Ein ganz neues Produkt, und ein vorher nie gekanntes Bedürfnis. Oder das Wissen, auch ein ganz neuartiges Produkt, das vielen gänzlich unbekannt geblieben war, und das nun ein intensives Verlangen auslöst: „Der Weg der Industriestaaten hin zu einer Wissensökonomie scheint bereits vorgezeichnet. Es ist daher wahrscheinlich, dass von ihnen auch der 6. Kondratieffzyklus ausgehen wird.“ Ein Wissensökonomie! Das muss ja einen explosiven Wachstumsschub auslösen, waren doch alle Ökonomien bisher Unwissensökonomien.

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Totale Dekaputation

Dekaputation – es ist ein schreckliches Wort, und ein noch viel schrecklicherer Anblick.

Es geht hier auch nur um die geistige Dekaputation, um das Schwinden der Köpfe der Gesellschaft, die ihr eigentlich helfen sollen beim Denken und bei der Orientierung, die also für die Gesellschaften das übernehmen sollten, was der Kopf für den einzelnen Menschen erledigt.

Das wären eigentlich die Eliten, die Spitzen der Gesellschaft, in der Wirtschaft, in den Medien, in den Universitäten und in der Politik. Aber sie sterben weg, oder sie schrumpfen. Schrumpfkopf-Eliten, oder, wie der nun schon geschasste Gabor Steingart gerade noch so schmerzlich treffend beklagte: verwahrloste Schrumpfkopf-Eliten.

Wer regiert uns stattdessen – die Algorithmen. Und das sind nicht die Algorithmen der KI, von denen in letzter Zeit so viel geschwafelt wurde, sondern die Algorithmen der Asset-Manager, der Vermögensverwalter, die damit berechnen, wo gerade wieder ein lohnendes Investment aufgetaucht ist, ein junges Unternehmen vielleicht, mit Idealismus von jungen Unternehmern aufgebaut, das anfängt, Gewinne abzuwerfen, und das man darum gerne besitzen möchte. Die Algorithmen berechnen das Risiko eines Investments. Zeigen die Werte auf Kaufen, ist das junge Unternehmen bald verschwunden in einem der vielen Seen von Geld, in denen die Vermögensverwalter der Welt schwimmen.

Aber diese Algorithmen können nicht berechnen, wie lange dieses Spiel auf dieser Welt noch gespielt werden kann. Es gibt keinen Meta-Algorithmus, der eines Tages, wenn ein Algorithmus wieder eine Kauf-Order ausgespuckt hat, ein Alarmsignal ertönen lassen würde, und vorrechnen, dass mit diesem letzten Kauf das Vermögen der Weltwirtschaft, reale Wertzuwächse zu erzielen, zum Erliegen kommt. Vielleicht ist dieser Punkt sogar schon lange überschritten.

Es gibt auch keine Eliten mehr, keine Intellektuellen, keine Journalisten (wie Schirrmacher und Steingart noch welche waren), keine Wissenschaftler, keine Politiker, die auf diese Gefahr hinweisen würden. Und schon gar nicht gibt es hörbare Stimmen, die sagen würden, was denn darob nun zu tun sei. Alle beugen sich der Macht der Algorithmen, und haben ihre Köpfe auf Notfunktionalität zurückgeschaltet, es arbeiten überall nur noch die Kleinhirne, mit denen man einen Wirklichkeitsausschnitt verarbeiten kann etwa wie bei höherentwickelten Tieren, mit einer Vorausschau von einer Woche vielleicht, oder, na gut, maximal von einer Wahlperiode, aber es sind keine anderen Werte und Ziele und Reize verarbeitbar als die: was sichert mir das Fressen. Kultur, gesellschaftliche Verantwortung, Gestaltung der Lebenswirklichkeit, Humanität, Ästhetik, das Reich der Freiheit, Vernunft: das findet nicht mehr statt. Die Propheten der Vernunft und der Macht des verbindenden und verbindlichen Wortes sind umsonst gestorben.

Es ist eine entsetzlich bedrückende Situation, in der die Welt sich befindet. Die Welt wird regiert vom „Schattensektor“, den Geldseen der Vermögensverwalter und deren Algorithmen.

Sind die denn nun das personifizierte Böse, dessen man sich einfach entledigen müsste? Hans-Jürgen Jakobs lässt Theodor Weimer zu Wort kommen, den Chef der HypoVereinsbank in München und Vorstand der Großbank UniCredit: »Dahinter stecken Private-Equity-Fonds, Hedgefonds, Vermögensverwalter, die Geld von Leuten einsammeln, die zu viel Geld haben. Das sind nicht irgendwelche bösen Buben oder Reiche, das sind normale Menschen. Die Fonds müssen aber Erträge generieren.“

Und wie sie das schaffen können, errechnen halt die Algorithmen. Sie selber waschen ihre Hände in Unschuld.

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BWL contra VWL

Wenn etwas betriebswirtschaftlich richtig ist, ist es volkswirtschaftlich oft falsch, und anders herum.

Eine private Rentenversicherung zum Beispiel mag betriebswirtschaftlich richtig sein. Menschen sparen jeder für sich, ganz privat, Geld an, und sorgen so für das Alter vor. Da Versicherungsgesellschaften sich damit auskennen, sammeln sie das Geld von vielen Sparern ein, und legen es gewinnbringend an, so dass jeder einzelne Sparer am Ende mehr zurück erhält, als wenn er sein Geld einfach in die Sparbüchse steckte. Und er erhält auch noch eine Rentengarantie, das heißt die private Rentenversicherung verspricht eine lebenslange Rentenzahlung, und geht das Risiko ein, einen Verlust zu erwirtschaften, wenn die zugesagte Rente zu hoch ist oder der Rentenbezieher länger lebt als kalkuliert.

Wenn sie scharf kalkuliert, und das Geld der – möglichst vielen – Sparer gut anlegt, können Versicherung und Sparer damit gut fahren.

Aber diese Wahrscheinlichkeit, dass das Geld gewinnbringend angelegt werden kann, nimmt ab, je reicher die Volkswirtschaften schon geworden sind. Und das ist es, was in den letzten 70 Jahren geschehen ist, und was die reichen Volkswirtschaften seit mindestens zwei Jahrzehnten nun immer deutlicher vor Augen haben.

Es ist im Grunde eine einfache Rechnung: es kommt auf das Verhältnis zwischen dem gesamten angesammelten Sparvermögen, und dem Bruttoinlandsprodukt einer Volkswirtschaft an. Wenn das Sparvermögen zu groß wird, kann die gesamte volkswirtschaftliche Leistung die kalkulierten Renditen der vielen Sparer nicht mehr erwirtschaften.

Man muss sich einmal folgende Zahlen vor Augen führen: 1990 betrug das Weltfinanzvermögen 56 Billionen US Dollar, und das Welt-BIP 23 Billionen US-Dollar. Das Verhältnis lag also etwa bei 1 : 2.4, und das Finanzvermögen war damit gut doppelt so groß wie das BIP. 2015 aber war das Weltfinanzvernögen auf 267 Billionen US-Dollar angewachsen, das Welt-BIP aber nur auf 73 Billionen US-Dollar. Das Verhältnis lag nun bei 1 : 3.66, schon fast dem Vierfachen des BIP. Und wenn man sich die Verhältnisse in einzelnen reichen Staaten anschaut, wird das alles viel krasser und extremer. Etwa das Buch „Wem gehört die Welt“ von Hans-Jürgen Jakobs, lange Zeit Leiter der Wirtschaftsredaktion der Süddeutschen Zeitung und später Chefredakteur des Handelsblatt, ist hier ein Augenöffner.

An dem Punkt wird das, was betriebswirtschaftlich richtig ist, aus einer gesamtvolkswirtschaftlichen Sicht immer falscher, je weiter das Verhältnis zwischen Sparvermögen und BIP sich auseinanderentwickelt.

Richtiger wäre dann, was die Renten angeht, eine gesetzliche Rentenversicherung nach dem Umlageprinzip, wie es vor der Privatisierungswelle ja üblich war. Die eine junge Generation bezahlt der anderen älteren Generation ihre Renten. Dann spielen Renditen und Verzinsung und der Kapitalmarkt überhaupt keine Rolle. Es darf sich nur die Zahl der Rentenbezieher und der Einzahler nicht zu sehr auseinanderentwickeln.

Das allerdings wird mit zunehmendem Verschwinden der Vollzeitarbeitsplätze auch immer mehr der Fall sein. Was dann?

Auch mit Blick auf die Verteilung der Beschäftigung in einer Volkswirtschaft ist es so: was betriebswirtschaftlich richtig ist, ist volkswirtschaftlich gesehen falsch. Jeder einzelne Betrieb sichert seine Existenz und damit die Arbeitsplätze seiner Beschäftigten, indem er ein gutes Ergebnis erzielt. Das Ergebnis ist die Zahl, die in der Gewinn- und Verlustrechnung unten steht. Wenn die Einnahmen höher sind als die Ausgaben eines Jahres, dann steht unten eine schwarze Zahl. Wenn der Betrieb auf hohes Interesse trifft bei seinen Kunden, kann er seine Tätigkeit ausweiten, Mitarbeiter einstellen und, wenn er sonst alles richtig macht, seinen Gewinn steigern.

Bleibt die Nachfrage konstant, weil die Konkurrenz ja auch noch da ist und nicht schläft, wird der Betrieb schauen, wo er Kosten sparen kann. Oft fällt der Blick dann eben auf die Beschäftigten, die das meiste Geld kosten. Wenn möglich, werden welche entlassen, oder keine neuen eingestellt, wenn welche gehen.

Je mehr die Wirtschaft insgesamt schon reich und wohlhabend ist, kommt es nun mehr und mehr zu einem ganz typischen Geschehen in der Volkswirtschaft: es kommt zu Firmenkonzentrationen, zu Druck auf die Löhne und die Beschäftigung, und auf die Politik, den Unternehmen das Leben zu erleichtern, indem die Steuern gesenkt werden und die Gesetzgebung gelockert. Es wird immer mehr das getan, das betriebswirtschaftlich richtig, aber volkswirtschaftlich falsch ist.

Aus volkswirtschaftlicher Sicht müsste der Staat eigentlich immer mehr eingreifen und regulieren; dafür sorgen dass die Arbeitsplätze möglichst gleichmäßig verteilt werden, gegen Firmenkonzentrationen vorgehen, die Steuern eher erhöhen als senken, um sich die Möglichkeit des Eingreifens zu schaffen und zu erhalten. Die Staatsquote müsste eher erhöht werden, als gesenkt.

Da aber die gesamte Wirtschaft in diesen „schlechten“ Zeiten – die eigentlich „gute“ Zeiten sind, an der Höhe des erreichten Wohlstands gemessen – immer mehr von den Unternehmen abhängt, die die Menschen beschäftigen und den „Kuchen“ erwirtschaften, den es zu verteilen gilt, bekommen die Unternehmen und deren Interessenvertreter immer mehr Macht.

So kommt es zu der Polarisierung, die wir nun immer mehr beobachten. Die Sicht aus betriebswirtschaftlicher Perspektive wird immer radikaler, und die Sicht aus volkswirtschaftlicher Perspektive wird es auch. Wenn sich die Partner der neu geschmiedeten Großen Koalition endlich zusammenfinden zu einem Kompromiss zwischen der betriebswirtschaftlichen Sicht (eher CDU) und der volkswirtschaftlichen Sicht (eher SPD), sind die „Radikalen“ aus beiden Lagern unzufrieden.

Und diese Polarisierung zwischen zwei Sichten, die eigentlich beide richtig sind, nimmt immer mehr zu, je weiter der geschaffene Reichtum der Volkswirtschaften anwächst, und je mehr die Frage im Vordergrund steht, wie denn nun noch neue Bedürfnisse und neue Beschäftigung geschaffen werden können.

Genau genommen ist natürlich die volkswirtschaftliche Sicht die richtigere, denn das Verhalten aus der betriebswirtschaftlichen Sicht führt am Ende dazu, dass die Wirtschaft kollabiert. Leider kann die volkswirtschaftliche Sicht sich eben immer schlechter durchsetzen.

Aus betriebswirtschaftlicher Sicht ist es richtig, Aktien zu kaufen, so lange die Kurse steigen. Wenn das alle tun, steigen die Kurse auch, aber immer nur so lange, bis die Blase platzt. Wenn immer alle das tun, was betriebswirtschaftlich richtig ist, kommt es am Ende zum grandiosen Kapitalkollaps. All dies wird immer extremer und immer schwerer zu bändigen und zu regulieren und zu kontrollieren, je größer der Reichtum schon geworden ist, je gigantischer die Vermögen angeschwollen sind, je stärker die Spitzeneinkommen der Topmanager und die Durchschnittslöhne auseinanderklaffen, und je mehr die Arbeitsplätze schwinden und unsicherer werden.

Was kann man tun?

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GroKo, nix Großes

Was ist denn was Großes? was ist denn was Großes? das ist doch Blödsinn!

Das war Andrea Nahles‘ Erwiderung auf die Mahnung des Juso-Vorsitzenden Kevin Kühnert, es müsse in der Politik der SPD um etwas Großes gehn, und sie müsse sich in der Opposition darauf besinnen, um wieder zu Verstand und Kräften zu finden.

Nun ist Andrea Nahles (noch designierte) Parteivorsitzende, und der gerade erst mit 100 Prozent gewählte Hoffnungsträger Martin Schulz „freiwillig“ abserviert. Um nun doch ein Amt in der Regierung Merkel anzutreten, was er zuvor kategorisch abgelehnt hatte. Was ist denn was Großes – ja das alles mit Sicherheit nicht.

Dass Gabriel der nächsten Regierung nicht angehören würde, war von einigen – verschwörungstheoretisch – erwartet worden, denn er sei zu sehr von der großen Anti-Russland-Linie von NATO, USA und EU abgewichen. Er hat ja mehrfach eigenmächtig Besuche bei Putin eingefädelt, und sich in freundschaftlicher Harmonie mit diesem den Kameras präsentiert. Nun ist er verschwunden, in den hinteren Rängen des Parlaments, als Abgeordneter aus Goslar.

Das ist Real-Politik. Nichts Großes. Etwas Großes ist nicht real, das wird Kevin Kühnert auch noch lernen.

Für etwas Großes kann man die Massen nur dann erwärmen, wenn man es übermorgen erreichen kann, oder jedenfalls glauben kann, man könne es übermorgen erreichen. Zum Beispiel den Zaren stürzen, oder den Kaiser Wilhelm. Aber erreicht worden ist das Große dann ja meistens nicht.

Darum sieht Andrea Nahles das Große im Kleinen, und kämpft „wie eine Blöde“ für den Mindestlohn. Das sind zwar vielleicht nur ein paar Euro, aber die sind real. An den Sozialismus hat sie früher geglaubt, als sie noch selber Juso-Vorsitzende war. Das lächelt sie heute weg, wenn sie daran erinnert wird.

War der Sozialismus was Großes? Wer glaubt heute noch an den Sozialismus.

Um auf die Tagung in der Friedrich-Ebert-Stiftung zurückzukommen, im November in Berlin: da ging es um den „Digitalen Kapitalismus“, und ob das ein Hype sei. Ist ein Hype etwas Großes? Wer einmal reale 1,5 Euros für ein paar Millionen Menschen erkämpft hat, sieht mit anderen Augen auf Hype und Menschen, die von etwas Großem sprechen.

Aber heißt das denn, wir können uns heute die Besinnnung auf etwas Großes schenken, und die Besinnung auf die Frage, ob mit dem (digitalen oder nicht digitalen) Kapitalismus, in dem wir alle stecken, vielleicht auch viel mehr falsch läuft, als dass ein paar Millionen Menschen noch ein paar Euros mehr in der Tasche haben sollten?

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Atomkrieg, kurz vor dem Paradies

Diese Rede ist wirklich starker Tobak. Es geht um die Rede des britischen Generals Sir Nicholas Carter, Chief of the General Staff, seit 2014 oberster Militär der britischen Armee. Er hielt diese Rede am 22. 1. 2018 beim Royal United Services Institute in UK, und vertrat darin die Ansicht, dass die Russen Böses im Schilde führen: „Ich glaube nicht, dass es mit kleinen grünen Männchen beginnen wird. Es beginnt mit etwas, was wir nicht erwarten.“

Darum, glaubt der General, wird das so sein: „Vielleicht sollte man die heutige Situation mit dem Jahr 1912 vergleichen, als das russische zaristische Kabinett feststellte, dass es besser sei, jetzt zu kämpfen, denn 1925 wäre Russland im Vergleich zu einem modernisierten Deutschland zu schwach. Japan zog natürlich ähnliche Schlussfolgerungen im Jahr 1941. Und Russland macht sich Sorgen, denke ich, dass der Westen im nächsten Jahrzehnt einen technologischen Vorteil erlangen wird.“

Warum also darauf warten, denkt er, denken die Russen. Darum, will er sagen, könnte es bald losgehn, und zwar mit etwas, was wir nicht erwarten.

Einige Tage später dann dieser Artikel im Economist über die „wachsende Gefahr eines Großmacht-Konflikts.“ Da lesen wir: „In den letzten 25 Jahren hat der Krieg zu viele Leben gefordert. Doch während in Syrien, Zentralafrika, Afghanistan und im Irak ein ziviler und religiöser Konflikt entbrannt ist, ist ein verheerender Konflikt zwischen den Großmächten der Welt fast unvorstellbar geblieben. Nicht mehr, nicht länger.“

Da hört man donnernd den Paukenschlag. Ein verheerender Konflikt zwischen den Grossmächten war fast unvorstellbar – „no more, no longer“.

Dass in Syrien, Zentralafrika, Afghanistan und im Irak zivile und religiöse Konflikte entbrannt sind, erfahren wir nebenbei. Man dachte immer es handelt sich um Schauplätze des ewigen „War on Terror“, den die Amerikaner heldenhaft führen, um die Welt zu einem „besseren Ort“ zu machen. „The world is better off without Saddam“, hieß es zuerst, dann musste unbedingt Gaddafi weg, dann Assad. Und jetzt – Putin.

„Letzte Woche veröffentlichte das Pentagon eine neue nationale Verteidigungsstrategie, die China und Russland über den Dschihad als die größte Bedrohung für Amerika stellte“, heißt es weiter, und die Folge ist: „Ein Konflikt in einer Größenordnung und Intensität, der seit dem Zweiten Weltkrieg nicht mehr gesehen wurde, ist von Neuem plausibel.“ Und, Achtung: „Die Welt ist nicht vorbereitet.“

Also: Prepare for War, liebe ahnungslose Welt.

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