Postkapitalistisches Manifest

Die Ökonomien der hochindustrialisierten Länder können nicht mehr wachsen, und sie dürfen nicht mehr wachsen.

Wenn wir aber nicht mehr in Richtung Maximierung des Wachstums gehen können, müssen wir in Richtung Maximierung der Automation gehen.

Die Ökonomien müssen dabei stabil sein. Um hochautomatisierten Ökonomien Stabilität zu geben, sind Digitaltechnologien geeignete Mittel.

Der Begriff der Digitalisierung ist einer der in der gegenwärtigen politischen Diskussion meistverwendeten Begriffe. Leider wird die wichtigste Bedeutung dieses Begriffes nicht verstanden. Die wichtigste Bedeutung liegt darin, dass durch die Digitalisierung sehr viele Arbeitsplätze entfallen, aber gleichzeitig die digitalisierte Produktion vergesellschaftet werden kann, und damit der renditeorientierten Verfügungsgewalt der Privatwirtschaft entzogen. Der technische Fortschritt kann dann dazu genutzt werden, dass Güter und Dienstleistungen zu den reinen Herstellungskosten, und damit zu Grenzkosten nahe Null angeboten werden.

Sehr kostengünstige oder sogar kostenlose Produkte oder Dienstleistungen sind dauerhaft nur da möglich, wo sie hoch effizient hergestellt werden, und das heißt vor allem: hochgradig automatisiert. Auf dem Wege von Umverteilungen jeder Art, über Subventionen oder Ähnliches, können günstige Angebote zu Niedrigstpreisen dauerhaft nicht hergestellt werden.

Eine andere Bedingung, neben der technischen, ist die: die Anbieter dürfen keine Privatunternehmen sein, denn die produzieren immer unter Risiko, und müssen langfristig Gewinne realisieren, um ihre Existenz zu sichern, auch wenn sie vielleicht kurzfristig versuchen würden, über Dumpingpreise eine marktbeherrschende Stellung zu erreichen. Aber dann müssen sie zuschlagen: the Winner takes it all.

Die Konsequenz ist also, dass es nur überprivate Unternehmen oder Organisationen sein können, die die technischen Möglichkeiten zur Leistungserstellung bei höchsten Automationsgraden so nutzen, dass sie diese Potenziale über minimale Preise auch an die Verbraucher weitergeben. Ob es staatliche Unternehmen sind, oder ob sie in anderen Rechtsformen geführt werden, ist da nebensächlich. Das Wichtigste ist: nicht privat, nicht renditeorientiert, und nicht im Verdrängungswettbewerb.

Was wäre dann kurz- bis mittelfristig möglich, und was wäre, unabhängig von technischen Möglichkeiten, notwendig:

1. Baufirmen

Es könnte öffentliche oder staatliche Baufirmen entstehen, die die heute bestehenden Möglichkeiten des kostengünstigen Bauens optimal nutzen, und öffentlichen, sehr günstigen Wohnraum herstellen. Gebaut werden könnte auf Grundstücken, die durch Umnutzung ehemaliger Industriebrachen massenhaft entstehen, und günstig erstanden werden können.

2. Möbel und Interieur

Die Fertigungstechnologie ist heute schon so weit, dass Möbel ganz nach individuellem Entwurf hoch automatisiert und damit kostengünstig hergestellt werden können. Überprivate Möbelhersteller könnten dezentral in der Nähe vieler Wohngebiete angesiedelt sein, und die digitalen Möbeldesigns von Möbeldesignern herstellen, die ein Kunde nach Bedarf anpassen kann, und dann zur Fertigung in Auftrag gibt. Kostensenkungspotenziale könnten dadurch entstehen, dass die Fertiger Zukaufteile und Rohmaterial in Massen einkaufen und vorfertigen lassen. Trotzdem sind individuelle und vielfältige Designs möglich, und dies zu minimalen Preisen.

3. Kleidung und Textilien

Hier ist die Fertigungstechnologie ebenfalls so weit, dass Textilien auf Anforderung als maschinelle Realisierung digitaler Designs hochgradig automatisiert hergestellt werden können. Die Fertigung in Elendsquartieren in Bangladesh kann entfallen. Der Markt für Billigtextilien muss nicht den bekannten Monopolanbietern überlassen werden.

4. Grundnahrungsmittel

Die Landwirtschaft ist heute hochgradig automatisiert. Statt die Landwirtschaft zunehmend internationalen Investoren zu überlassen, die mit industrieller Produktion die Böden ruinieren, kann auf dem neuesten Stand agrarwissenschaftlicher Erkenntnisse und hochautomatisiert ein Grundbedarf an Nahrungsgmitteln erzeugt werden, und etwa im Falle des Brotes von öffentlichen Brotfabriken zu minimalen Preisen hergestellt werden.

5. Öffentlicher Personennahverkehr

Kostenloser Personennahverkehr ist nachhaltig nur dann möglich, wenn das Verkehrsangebot auch sehr kostengünstig hergestellt werden kann. Die wichtigste Voraussetzung dazu sind fahrerlose Fahrzeuge. Auf der Basis autonomer Fahrzeuge kann das Angebot sehr niedrigpreisigen städtischen Personennahverkehrs hergestellt werden.

6. Automobile

Die private Automobilwirtschaft ist an kostengünstigen Automobilen für den privaten Automobilnutzer nicht interessiert, sondern fördert das Image des Automobils als Statussymbol. Ein kostengünstiges Automobil, zu dessen Herstellung alle bestehenden technischen Möglichkeiten optimal ausgenutzt werden, kann deshalb nur von einem überprivaten Hersteller entwickelt, hergestellt und angeboten werden. Auch hier ist die Herstellung auf Anforderung und kundenindividuell in Grenzen schon möglich. Es ist auch die öffentliche Entwicklung von Automobildesigns möglich, die dann hochautomatisiert und kostengünstig hergestellt werden.

7. Telekommunikation

Die ehemals staatlichen Postdienste zu privatisieren hat sich nicht bewährt, und sollte darum rückgängig gemacht werden.

8. Bahn

Die ehemals staatliche Bundesbahn zu privatisieren hat sich nicht bewährt, und sollte darum rückgängig gemacht werden.

9. Lufthansa

Die ehemals staatliche Lufthansa zu privatisieren hat sich nicht bewährt, und sollte darum rückgängig gemacht werden.

10. Stahl, Energie, Rohstoffe

Stahlwerke, die Energieerzeugung sowie die Rohstoffgewinnung sollten nicht in privater Hand sein.

11. Gesundheitswesen

Die Gesundheit sollte unter keinen Umständen zum Gegenstand privaten Profitstrebens werden.

12. Bildung

Schul- und Universitätsausbildung sollten nicht zum Gegenstand privaten Profitstrebens werden.

13. Banken und Versicherungen

Die grössten Banken und Versicherungen sollten nicht von privatem Profitstreben geleitet werden.

14. Schiffahrt, Reedereien

Es sollten zumindest die größten noch benötigten Reedereien nicht in privater Hand sein.

Die generelle Regel sollte die sein: alle Industrien, in denen das Potenzial der Schaffung hoher und höchster Automationsgrade hoch ist, und die von Wichtigkeit für Leben und Wohlstand der Massen sind, sollte der Staat, die Öffentlichkeit von der Privatwirtschaft „erobern“ (wie Schumpeter einst sagte), um zu verhindern, dass in privater Hand die Möglichkeit zur leistungslosen Rentenextraktion entsteht.

In allen anderen Bereichen kann die private Wirtschaft sich entfalten. Überall da, wo qualifizierte, durch Personen und Personengesellschaften und deren Angestellte geleistete Arbeit Werte schafft, können entsprechend hohe Einkommen und Gehälter erwirtschaftet werden.

Reichtum ohne Geld

Das Buch ist ja nicht mehr ganz neu, aber ich habe es jetzt erst gelesen: Reichtum ohne Gier, von Sahra Wagenknecht.

Ich bin nicht wenig enttäuscht. Sie ist promovierte Volkswirtin? Und hat früher einmal stolz verkündet, Marxistin zu sein? Sie hat, wie mir scheint, weder die „Bastardökonomie“ von heute, also das, was aus der früheren produktiven Marktwirtschaft geworden ist, verstanden, noch das, was Marx über diese Wirtschaft, ihre Vergangenheit und ihre Zukunft denken würde.

Es fängt eigentlich schon mit dem Titel an, und ich habe es geahnt, dachte aber, das sei nur wegen der schlafenden Käuferschicht, die man ja immer an ihren primitiveren Instinkten packen muss, um ihr Interesse zu wecken. Nein, sie glaubt tatsächlich, die Wirtschaft habe nur ihre Tugend verloren, und nun müssen man mit echten Unternehmern und Gemeinwohlbanken vom Feudalkapitalismus zur „modernen Wirtschaftsordnung“ der Marktwirtschaft zurückkehren. So entstehe dann Reichtum ohne Gier.

Na da hätte sie vielleicht doch besser Marxistin bleiben sollen.

Marx hätte ihr erstens gut erklären können, dass die Motivlagen einzelner Individuen kaum eine Rolle spielen, und im analytischen Zugriff auf die unterliegenden Strömungen, Regularien und Tendenzen der wirtschaftlichen Entwicklung, die es zu entschlüsseln gilt, gar keine Rolle spielen dürfen. Es kommt nicht darauf an, moralische Bewertungen vorzunehmen und Wirtschaftshandeln nach moralischen Kriterien zu bemessen, um dann Perspektiven wirtschaftlicher Entwicklung mit moralischen Appellen zu verwechseln. Und zweitens hätte er ihr erklären können, welche Rolle die „Mittel zur Bearbeitung des Naturstoffs“, das vorhandene Niveau der Technologie für die Epoche spielen, der sie zur Verfügung steht. Davon hat sie offenbar überhaupt nichts verstanden, und dass die „moderne Wirtschaftsordnung“, die ehemalige Marktwirtschaft, seit mindestens 30 Jahren an Überproduktivität leidet, genau so wenig.

Wie soll sie dann verstehen, wie es vor sich geht, dass dieser überproduktive Kapitalismus genau die „Mittel zur Bearbeitung des Naturstoffs“ hervorbringt, die der folgenden Epoche dann ermöglichen, ohne Wachstum und ohne das Produzieren von (überflüssigen) Gütern um die Wette zu leben?

Ob sie schon von diesem Phänomen gehört hat, von dem Hans-Jürgen Jakobs berichtet, von dem „Phänomen des ‚dry powder‘, wie das in der Branche heißt: Es sind genügend Finanzmittel vorhanden, das Pulver ist trocken, aber es fehlt an Chancen, das Geld auch wieder gut zu investieren. Allein Blackstone, der Marktführer im alternativen Finanzgeschäft, hat an die 100 Milliarden Dollar Trockenpulver.“

Hat sie sich das mal angeschaut, wie sich die alte Deutschland-AG verändert hat? Und vom wem jetzt die Deutschland-AG beherrscht wird?

Da hofft sie auf Kapitalneutralisierung? Auf Stiftungsuntermehmen? Auf Mitarbeitergesellschaften?

Absolut richtig ist die Intention, dass Eigentum nur noch durch eigene Arbeit von Personen entstehen soll, und nicht als Kapitalertrag, als leistungsloses Einkommen innerhalb feudaler Besitzstrukturen. Aber sie versteht überhaupt nicht die Rolle des Sachkapitals – der „Maschinerie“ – bei der Erzeugung der Werte, die dann als leistungsloses Einkommen einem „Feudalherren“, oder, wie es im Neo-Kapitalismus der Finanzinvestoren richtiger heißen muss, einem der „Top-Investoren“ als Aktiendividende zufließen. Dann kann sie auch nicht die Potentiale verstehen, die sich aus der Wandlung der inneren Struktur dieser Maschinerie ergeben, die es nämlich zum ersten Mal in der Geschichte möglich machen, auf die Allokation von Gütern über Märkte zu verzichten, und damit auch diese Kapitalerträge, die anderen – den „Feudalherren“ – dann als leistungsloses Einkommen zufließen, gar nicht erst entstehen zu lassen.

Sie versteht überhaupt nicht, dass dieser kleine unscheinbare 3D-Drucker im Haushalt, über den sie sich lustig macht, ein erstes Vorscheinen so einer industriellen Struktur ist, bei der Güter direkt aus der Produktion in der Hand des (ideellen) Produzenten in die Hand des Konsumenten übergehen, ohne ihren Weg über den Markt gegangen zu sein: weil Produzent und Konsument nämlich identisch sind. Im Falle des 3D-Druckers im Haushalt heißt das nichts anderes, als dass der Haushalt in sein eigenes Sachkapital investiert. Im Falle einer Volkswirtschaft ist das letzten Endes das Gleiche, wenn auch um Einiges komplizierter, und zwar sowohl komplizierter zu realisieren, als auch komplizierter zu verstehen.

Nehmen wir das Beispiel des Möbelbaus. Nehmen wir gleich das Beispiel des Möbelhauses Ikea, das sich heute im Besitz einer Stiftung befindet. Was wäre der Vorschlag von Frau Wagenknecht – die Stiftung in eine Gemeinwohlgesellschaft umzuwandeln? Welche Ziele würde die dann verfolgen?

Bevor man sich der Frage zuwendet, welche Folgen eine Änderung der Form des Eigentums haben könnte, kann man sich gleich anschauen, wie ein großes Unternehmen wie das Haus Ikea arbeiten muss, um handlungsfähig zu bleiben, zu überleben und Gewinne zu machen. Es muss, um seine erreichte Marktposition in einem stark konsolidierten, kaum mehr wachsenden Markt zu halten, sehr kosteneffizient arbeiten, und attraktive Produkte anbieten. Die Attraktivität der Produkte ist das Resultat der Möbeldesigner von Ikea, die deshalb auch eine eigene Firma innerhalb des Konzern geworden sind. Die Kosten werden niedrig gehalten durch eine hocheffiziente und sparsame Fertigung, die deshalb mehr und mehr in Billiglohnländer ausgelagert worden ist, früher in die DDR, und später, nach dem Zerfall des Ostblocks, in andere dortige Länder mit sehr niedrigem Lohnniveau.

Was wäre jetzt der Vorschlag von Frau Wagenknecht? Was würde die Veränderung der Eigentumsform bewirken können?

Unterstellen wir einmal, es gäbe gar keine Billiglohnländer. So etwas ist in ökonomischen Betrachtungen ein Sonderfall, ein Sondereinfluss, als Ergebnis besonderer Umstände. Im Normalfall entwickeln sich Lohnniveau und technischer Fortschritt in einem aufeinander abgestimmten und entsprechenden Verhältnis. Um die Preise ninimal zu halten, kommt in der Regel immer nur die technische Arbeitsunterstüzung in Frage, wodurch die Produktivität der einzelnen Arbeitsstunde erhöht werden kann. Wenn man nun den Zugriff der Investoren auf die Produktion zur Rentenextraktion verhindern will, kann man das. den Zugriff, per Veränderung der Eigentumsform verbieten, und das Unternehmen irgendwie gemeinwirtschaftlich werden lassen, unabhängig von der Frage, wie genau das zu bewerkstelligen sein könnte.

Nun gehört das Unternehmen irgendwem, der nicht das Kapital in Person ist, sondern vielleicht den Beschäftigten selber, oder niemandem, und es wird irgendwie von einer öffentlchen Hand verwaltet. Aber die Beschäftigten sind trotzdem weiter davon abhängig, dass das Unternehmen in der Lage ist, ihre Löhne zu bezahlen. Eine Überlebensgarantie hat das Unternehmen so aber auch nicht, es muss also weiter kostengünstig arbeiten, und attraktive Produkte anbieten. Wie geht es also mit dem technischen Fortschritt um? Es wird, falls die Nachfrage nicht gesteigert werden kann, Mitarbeiter entlassen müssen. Oder, wie war das gedacht von Frau Wagenknecht? Auf den technischen Fortschritt gibt sie eigentlich gar keine spezifische Antwort.

Jedenfalls, nur mit Änderung der Eigentumsform wird man möglicherweise nicht sehr weit kommen können.

Welche Möglichkeiten bieten aber die neuen digitalen Technologien, von denen Frau Wagenknecht nur den kleinen 3D-Drucker im Haushalt hat ihrer Aufmerksamkeit zuführen können? Diese digitalen Technologien bieten die Möglichkeit, die Fertigung der Möbel, getrennt von der Fertigung der Designs, zu vergesellschaften; das könnte ein öffentliches, gemeinnütziges Unternehmen sein oder werden, das diese Aufgabe übernimmt. Das würde keine Gewinne erwirtschaften müssen, sondern müsste nur kostendeckend arbeiten. Es würde die Entwürfe der Designabteilung, die die Möbeldesiger entworfen haben, in digitaler Form, in reale Möbelstücke umsetzen. Die einzelnen Stätte der Fertigung könnten, als dezentrale kleine Einheiten, nahe am Ort des Konsums platziert sein, während die Designer irgendwo sitzen und ihre Designs entwickeln, und sie in digitaler Form um die Welt verschicken.

Diese einzelnen Fertiger wären im Verhältnis zueinander keine Wettbewerber, sondern könnten ihre Kapazitäten im gegenseitigen Verkehr anpassen und ausgleichen, das könnte also von zentraler Stelle koordiniert werden. Um den technischen Fortschritt müssten sie sich kümmern und könnte ihn extern zukaufen, um die Kosten minimal zu halten. Es wären Betriebe, vielleicht wie ein technisch anspruchsvolles öffentliches Unternehmen, das vielleicht ein Kraftwerk betreibt. Vielleicht würden sie eng mit Universitäten zusammenarbeiten, und wissenschaftliche Unterstützung erhalten.

Jedenfalls geschähe die Wertschöpfung, die auf die Fertigung entfällt, so in öffentlicher Hand; die Produkte, die so entstandenen Möbel, kämen also aus öffentlicher Hand, und gingen in private Verbraucherhand. Wenn auch nicht direkt, aber indirekt wären die Verbraucher auf diese Weise Konsumenten ihrer eigenen Erzeugnisse.

Dennoch wäre der Betrieb, der die Fertigung der Möbel übernimmt, nicht in der gleichen Weise dem Markt- und Wettbewerbsdruck ausgesetzt, wie wenn er es wäre, wenn er ein reines Möbelhaus wäre, wenn auch in Belegschaftshand. Der Fertiger wäre eine reine Fertigungsmaschinerie, die alles Mögliche fertigen kann, auch Designs von anderen Möbeldesignern, oder vielleicht auch ganz andere Produkte.

So etwas ist noch niemals vorher möglich gewesen, und ist erst möglich durch die digitale Fabrikation, durch die Entkopplung von Fertigung und Design. Das entgeht Frau Wagenknecht komplett.

Frau Wagenknecht war also einmal Marxistin. Er, Marx, und auch ein anderer Ökonom nach ihm, Joseph A. Schumpeter, haben den technischen Fortschritt für essentiell gehalten in der Erklärung des Wandels der Epochen. Schumpeter hat eine „Vollkommenheit“ der Produktionsmittel und einen hohen Grad von Sättigung der Bedürfnisse für die Voraussetzung gehalten, nach dem Kapitalismus eine nächste, höhere Phase der gesellschaftlichen Ordnung zu erreichen. Weder die Rolle und die Wirkungen der Sättigung, nämlich eben den Investitionsstau, die Sparflut, den Hunger der globalen Kapitalmassen nach Rendite, noch die Rolle und die Wirkungen des technischen Fortschritts, und erst recht nicht seine Potenziale, nachdem er sich eben unter dem Einfluss dieser Erscheinungen des reifen Spätkapitalismus gewandelt hat, hat sie verstanden.

Das ist schade! Es wäre schön, wenn sie es verstünde, denn kann könnte sie vielleicht helfen, es auch anderen verständlich zu machen!

Und darauf kommt es ja schließlich an, dass alle anderen das verstehen. Wir haben ja jetzt nicht mehr so viel Zeit.

Appell an die Eliten

An die Geld-Eliten

Muss man damit beginnen, um es den Eliten um die Ohren zu reiben, dass sie aufwachen und sich kümmern: mit dem dritten Massaker an unschuldigen Menschen innerhalb von drei Monaten, diesmal wieder an einer Schule in den USA: „Diesmal trifft es eine Highschool in Parkland, Florida. Der 19 Jahre alte Ex-Schüler Nikolas Cruz tötet hier am Valentinstag mit einem halbautomatischen Gewehr 17 Menschen, zumeist Schüler, viele weitere werden verletzt“, berichtet der Spiegel online. Und: „Es ist bereits der dritte schwere Angriff dieser Art innerhalb weniger Monate: Im Oktober starben 49 Menschen bei einem Konzert auf dem Las-Vegas-Boulevard, im November tötete ein Mann 26 Kirchgänger im texanischen Sutherland Springs.“

Was ist eigentlich alles falsch in einem Land, in dem so etwas möglich ist? Jahr um Jahr, Monat um Monat? Ist es ein „Mental Health Issue“, wie der Fernseh-Moderator Jimmy Kimmel es in seiner bewegenden Stellungnahme am 15.02. nannte? Wird dieses Land eigentlich von Menschen regiert? Oder von Algorithmen? Ist dieses Land eine Demokratie, in der die Menschen das Recht haben, ihre Regierung zu wählen, und sie nach vier Jahren wieder abzuwählen, wenn sie es nicht geschafft hat, dem Land Wohlstand, äußeren und inneren Frieden und eine stabile Ordnung der Lebensverhältnisse zu schaffen? Wie kann es sein, dass die über 320 Millionen Menschen der USA es nicht fertig bringen, diesen grauenhaften Ereignissen ein Ende zu machen? Sind sie zu dumm, oder sind sie so verroht, dass ihnen oder zu vielen von ihnen das gleichgültig ist? Was hieße das wiederum über dieses Land?

Der Bericht des Spiegel online wartet mit weiteren bemerkenswerten Zahlen auf: „Nach jüngsten Berechnungen der ‚New York Times‘ stellen Amerikaner etwa 4,4 Prozent der Weltbevölkerung, ihnen gehören inzwischen aber 42 Prozent aller Waffen auf der Erde.“ Und, tatsächlich nicht überraschend, führt dies nicht etwa zu mehr Sicherheit, wie die Waffenlobby nach jedem neuen derartigen Massaker behauptet, sondern dazu, dass sie immer häufiger werden: „2017 war in dieser Hinsicht das blutigste Jahr in der jüngeren US-Geschichte: Es gab insgesamt 345 Angriffe. So hat sich eine tödliche Routine entwickelt, viele der ‚kleineren‘ Zwischenfälle mit vier oder fünf Opfern sind den großen Zeitungen und TV-Sendern kaum mehr längere Meldungen wert.“

Das „Gun Violence Archive“, eine Organisation, die über den Umfang der Zwischenfälle durch Schusswaffengebrauch in des USA Statistiken führt, hat für das erst sechs Wochen alte Jahr 2018 schon unglaubliche 1.859 Todesfälle registriert, bei 6.738 Vorfällen. Für das Jahr 2017 hat die Organisation 15.590 durch Schusswaffengebrauch zu Tode gekommene Menschen gezählt.

Was muss man von einem Land, seinen Menschen, seinen Regierungen, seinen Eliten denken, in dem so etwas möglich ist? Macht man sich eigentlich genügend klar, was das bedeutet? Wegen jedes Dissidenten in China oder Russland, wegen der Pussy-Riot-Mädchen oder Ai Weiwei in China hat die halbe Welt das innigste Mitgefühl, und alle Nachrichtenkanäle quellen davon über, aber diese schauerliche Routine der wahllosen Massenmorde in den USA lässt die Welt kalt, sobald die Welle der „Prayers“, der Beileids- und Mitgefühlsbekundungen und Erklärungen zur ganz ausnahmsweise gestörten Psyche des abartigen Einzeltäters abgeebbt ist.

Warum wird so ein Land, warum wird seine Führung nicht genauso behandelt, genauso geächtet wie man glaubt es mit der der politischen und gesellschaftlichen Führung der Russen oder der Chinesen praktizieren zu müssen? Warum setzt man sich mit solchen Menschen an einen Tisch, und prostet ihnen zu, mit einem freundlichen Lächeln? Man stelle sich vor, eine Familie erlaubt ihren halbwüchsigen Kindern, Schusswaffen zu besitzen, und es kommt zu Todesfällen. Und die Eltern weigern sich, den Kindern die Waffen wegzunehmen. Was würde man sagen? OK, das ist ihr gutes Recht? Wir wollen den Familienfrieden nicht stören? Und übrigens, wir sehen Euch doch bei der nächsten Gartenparty? Und sagt Euren Kindern, sie sollen nicht ganz so laut sein beim Ballern? Ja, sie sind halt Waffennarren, aber sonst sehr nett..?

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Totale Dekaputation

Dekaputation – es ist ein schreckliches Wort, und ein noch viel schrecklicherer Anblick.

Es geht hier auch nur um die geistige Dekaputation, um das Schwinden der Köpfe der Gesellschaft, die ihr eigentlich helfen sollen beim Denken und bei der Orientierung, die also für die Gesellschaften das übernehmen sollten, was der Kopf für den einzelnen Menschen erledigt.

Das wären eigentlich die Eliten, die Spitzen der Gesellschaft, in der Wirtschaft, in den Medien, in den Universitäten und in der Politik. Aber sie sterben weg, oder sie schrumpfen. Schrumpfkopf-Eliten, oder, wie der nun schon geschasste Gabor Steingart gerade noch so schmerzlich treffend beklagte: verwahrloste Schrumpfkopf-Eliten.

Wer regiert uns stattdessen – die Algorithmen. Und das sind nicht die Algorithmen der KI, von denen in letzter Zeit so viel geschwafelt wurde, sondern die Algorithmen der Asset-Manager, der Vermögensverwalter, die damit berechnen, wo gerade wieder ein lohnendes Investment aufgetaucht ist, ein junges Unternehmen vielleicht, mit Idealismus von jungen Unternehmern aufgebaut, das anfängt, Gewinne abzuwerfen, und das man darum gerne besitzen möchte. Die Algorithmen berechnen das Risiko eines Investments. Zeigen die Werte auf Kaufen, ist das junge Unternehmen bald verschwunden in einem der vielen Seen von Geld, in denen die Vermögensverwalter der Welt schwimmen.

Aber diese Algorithmen können nicht berechnen, wie lange dieses Spiel auf dieser Welt noch gespielt werden kann. Es gibt keinen Meta-Algorithmus, der eines Tages, wenn ein Algorithmus wieder eine Kauf-Order ausgespuckt hat, ein Alarmsignal ertönen lassen würde, und vorrechnen, dass mit diesem letzten Kauf das Vermögen der Weltwirtschaft, reale Wertzuwächse zu erzielen, zum Erliegen kommt. Vielleicht ist dieser Punkt sogar schon lange überschritten.

Es gibt auch keine Eliten mehr, keine Intellektuellen, keine Journalisten (wie Schirrmacher und Steingart noch welche waren), keine Wissenschaftler, keine Politiker, die auf diese Gefahr hinweisen würden. Und schon gar nicht gibt es hörbare Stimmen, die sagen würden, was denn darob nun zu tun sei. Alle beugen sich der Macht der Algorithmen, und haben ihre Köpfe auf Notfunktionalität zurückgeschaltet, es arbeiten überall nur noch die Kleinhirne, mit denen man einen Wirklichkeitsausschnitt verarbeiten kann etwa wie bei höherentwickelten Tieren, mit einer Vorausschau von einer Woche vielleicht, oder, na gut, maximal von einer Wahlperiode, aber es sind keine anderen Werte und Ziele und Reize verarbeitbar als die: was sichert mir das Fressen. Kultur, gesellschaftliche Verantwortung, Gestaltung der Lebenswirklichkeit, Humanität, Ästhetik, das Reich der Freiheit, Vernunft: das findet nicht mehr statt. Die Propheten der Vernunft und der Macht des verbindenden und verbindlichen Wortes sind umsonst gestorben.

Es ist eine entsetzlich bedrückende Situation, in der die Welt sich befindet. Die Welt wird regiert vom „Schattensektor“, den Geldseen der Vermögensverwalter und deren Algorithmen.

Sind die denn nun das personifizierte Böse, dessen man sich einfach entledigen müsste? Hans-Jürgen Jakobs lässt Theodor Weimer zu Wort kommen, den Chef der HypoVereinsbank in München und Vorstand der Großbank UniCredit: »Dahinter stecken Private-Equity-Fonds, Hedgefonds, Vermögensverwalter, die Geld von Leuten einsammeln, die zu viel Geld haben. Das sind nicht irgendwelche bösen Buben oder Reiche, das sind normale Menschen. Die Fonds müssen aber Erträge generieren.“

Und wie sie das schaffen können, errechnen halt die Algorithmen. Sie selber waschen ihre Hände in Unschuld.

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Transformation der Industriegesellschaft – FABRICA St. Pauli

Es war für die Veranstalter und alle Beteiligten eine erfolgreiche und mit viel Freude verbundene Aktion, die den vielen Teilnehmern das aussergewöhnliche Erfolgserlebnis verschafft hat, mit eigenen Händen ein rundherum funktionsfähiges Handy zu bauen! Darüber hinaus ging es darum sichtbar zu machen, dass die Fabriken ihr Aussehen und ihre Funktion verändern werden: Konsumieren und Produzieren kommen näher zusammen, und die „Produktionsmittel“ werden so klein und so billig, dass sie sich fast jeder selber leisten kann.

Hier die Folien meines Vortrages, der damals vermutlich zuviel Stoff enthielt, um in der kurzen Zeit dargeboten und verstanden zu werden. Interessant aber auch, wie sehr des Thema der 3. Industriellen Revolution inzwischen aus der öffentlichen Debatte wieder verschwunden ist. Ob da jemand ein wenig nachgeholfen hat? Wenn die Konsumenten im Haushalt zu viel selbst produzieren, kann die Industrie natürlich nicht viel verdienen.

Transformation der Industriegesellschaft

Kapitalismus, vorübergehend

Liebe Besucher!

Es scheint inzwischen unbestreitbar, dass die Ereignisse in der Ukraine nach der Verschiebung des EU-Assoziierungsabkommens, die zu den zunächst friedlichen Protesten auf dem Kiewer Maidan geführt hatten, von Seiten EU und USA massiv gefördert und beeinflusst worden sind. Die Motive der USA liegen in einem Bereich zwischen Destabilisierung Russlands im Sinne der amerikanischen Vorherrschaftsstrategie nach Zbigniew Brzezinski, mittelfristigen wirtschaftlichen Interessen amerikanischer Energiemultis, und sogar unmittelbar persönlichen wirtschaftlichen Interessen der politischen US-Spitzenpersonals, wie das unrühmliche Beispiel Hunter Biden gezeigt hat. Wo die EU hier eigentlich reale Interessen verfolgt, bleibt da eher im Ungewissen, denn die EU wäre eigentlich mit einer im Sinne der geostrategischen Blöcke neutralen Ukraine als Mittler zwischen Ost und West, und nach wie vor guten und stabilen wirtschaftlichen und politischen Beziehungen zu Russland besser gefahren.

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Transformation der Industriegesellschaft

Dr. Ludger Eversmann: Transformation der Industriegesellschaft — Vom Maximum Spiel zum Nachhaltigkeitsspiel (PDF, 35 Seiten.)

Transformation der Industriegesellschaft

CeBIT 2014

Bald ist wieder die CeBIT fällig, 10. – 14. März, Hannover.

Eines der grossen Themen wird Industrie 4.0 sein, und ein Keynote-Speaker dazu August-Wilhelm Scheer, einer der früheren „Päbste“ der deutschen Wirtschaftsinformatik. Während es in den meisten Fällen so war, dass die Wissenschaft vom Vorzeigeunternehmen der deutschen Informatik SAP gelernt hat, darf Scheer sich rühmen, zur Gestaltung des riesigen SAP-Softwarepakets einige wichtige Impulse geliefert zu haben, zum Beispiel sein ARIS-Tool zur Prozessgestaltung und -dokumentation.

Scheer war mir immer auch deshalb sympathisch, weil er auch Musiker ist. Er geht – als Milliarden schwerer Unternehmer und wissenschaftliche Koryphäe – mit professionellen Musikern auf Tournee, stellt sich in kleinen Not leidenden Jazzklubs vor das Publikum, und bläst die Backen auf… er spielt Saxophon (unter uns gesagt: man hört schon dass er kein Profi ist..). Aber diese Leidenschaft für eine Sache, um ihrer selbst willen, finde ich beeindruckend.

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Common Stadtwerke für (fast) alles

Im April-Heft der Technology Review (2012) gab es einen Schwerpunkt zum Thema Rapid Manufacturing oder Additive Manufacturing, wie man nun wohl häufiger sagt. Sehr schöner Überblick über das, was inzwischen schon so alles geht – Lichtgedichte vom Laser z. B. gefällt mir so gut! – und was grad in der Pipeline ist, und auf die Perspektiven dieser Technik, also: wo sind die Nadelöhre, wo sind die Herausforderungen. Als wichtige Herausforderung wird unter anderem wohl die Schnittstelle zwischen Mensch – als Konsument in der Rolle des Produzenten, des Produkt-Entwicklers – und Maschine gesehen. Es ist ja so bei der Additiven Fertigung, dass zunächst dieses STL-File erstellt werden muss, also der maschinenlesbare Entwurf dessen, was man herstellen will. Und das ist ja ein enorm anspruchsvoller Vorgang, man muss über all das genauestens Bescheid wissen, die konstruktiven Eigenheiten und Anforderungen, die Beschaffenheit des Materials, erforderliche Festigkeit, Biegsamkeit, Belastbarkeit… lauter Dinge von denen man keine Ahnung hat und haben muss, wenn man in ein Geschäft geht und sich etwas kauft, beispielsweise einen Laufschuh, zum Rennen. Nun können natürlich solche Entwürfe gewissermassen vorgefertigt werden und irgendwo abgelegt, wo man sie sich dann herunterlädt und dann ein wenig – oder ein wenig mehr – “editieren” kann, also an die eigenen Wünsche, Vorstellungen und Bedürfnisse – etwa die Form der Füsse, wenn es sich um Schuhe handelt – anpassen.

Frank T. Piller, Professor an der RWTH Aachen und einer der weltweiten Vordenker der “Mass Customization”, sieht in der “Gestaltung des Lösungsraumes” eine der zentralen Herausforderungen, die bewältigt werden müssen, um diese Technik wirklich in der Breite nutzbar und erfolgversprechend werden zu lassen. Man muss Möglichkeiten finden, dem Nutzer einerseits dieses Meer der Möglichkeiten vor Augen zu führen, das ihm mit dieser Technik zur Verfügung steht, andererseits darf er darin aber auch nicht ertrinken! Er muss auch erkennen können, wo die Grenzen der Möglichkeiten sind; die physischen oder physikalischen Anforderungen des Entwurfs oder seines Wunsch-Designs muss so eine interaktive Lösung also einerseits “kennen”, das Wissen muss also darin implementiert sein, andererseits muss sie es dem Nutzer anschaulich darstellen und erkennbar machen können. Wahrhaftig eine Herausforderung an das Software-Engineering! Beispielsweise müsste er seinen Entwurf in der geplanten Funktion simulieren können, es muss ihn also nicht nur vor sich sehen, sondern ihn auch in “Action” erleben können, und mögliche Schwächen im Entwurf entdecken und behebn können… gewaltig.

Ein weiteres ganz wichtiges Element des Additive Manufacturung sind natürlich die Materialien, die Baustoffe… Hier wird gegenwärtig offenbar ebenso intensiv geforscht wie an den Verfahren selber; zum Teil ist es ja auch so dass die Materialien bestimmte Verfahren auch erzwingen, das muss also aufeinander abgestimmt sein. In dem Heft wird zum Beispiel beschrieben, wie ein bestimmtes Stahlpulver auf eine ganz bestimmte Weise beim Laser-Sintern behandelt werden muss, nämlich so dass der Laser in einem 67°-Winkel auf das Pulver auftrifft – weil dadurch bestimmte Eigenschaften erzielt werden können, wie zum Beispiel die erwünschte Härte und Festigkeit, aber ohne Verlust der Elastizität.

Aber doch, trotz aller speziellen Schwierigkeiten und der großen Varianz der gegenwärtig verfügbaren Maschinen, Materialien und Verfahren: wie das auch in diesem Heft vorhandene Interwiew mit Neil Gershenfeld, dem “Vater” der FabLabs in der ganzen Welt und einem der Pioniere der “Personal Fabrication”, handelt es sich im Prinzip um Variationen der “digitalen Fabrikation”, um “Universal Desktop Fabrication”, wie ein wissenschaftlicher Artikel zu dem Forschungsgebiet überschrieben ist. Und das bedeutet nichts anderes als: prinzipielle Universalisierung, und damit prinzipielle Homogenisierung der Verfahren, der Maschinen, und der Materialien, und – nahezu grenzenlose – Individualisierung erst im Produkt: werkzeuglose, vollmaschinelle Fertigung in der Losgrösse 1.

Während nun viele Autoren hier bei der theoretischen Basisforschung zur Additiven Fertigung davon ausgehen, dass es sich bei diesem Prozess tatsächlich um “Addition” von kleinsten und allerkleinsten Bauteilen handelt, die “selber” dazu keinen aktiven Beitrag leisten, forscht Gershenfeld an Materialien, die “intelligent” sind, die also Logik und maschinelle Intelligenz beherbergen, mit dem Ziel, eines Tages sich selbst zu einem grösseren Ganzen formende Materialien zu besitzen, die – analog der biologischen organischen Zelle – wachsen und auf diese Weise Dinge “fabrizieren” können. Gershenfeld rechnet innerhalb der nächsten 20 Jahre damit, in diesem Sinne digitale Materialien verfügbar zu haben.

So oder so: es handelt sich in beiden Fällen um “digitale Fabrikation”, was eben auch bedeutet, mit diskreten und universalen Einheiten oder Grundbausteinen zu operieren, und hier sieht Gershenfeld “so eine Art Mikro-Lego” am Horizont seiner Forscher-Träume, also Bausteine, die universal verwendbar sind und sich zu beliebigen Dingen – “almost anything” – zusammensetzen lassen. Und nicht nur das – ebenso auch wieder auseinandernehmen lassen, das Material bleibt als solches also – wie das Vorbild Lego-Stein – für weitere Verwendungen verfügbar, was ja mit Blick auf ökologische Erfordernisse ja mit einem Schlag all diese Probleme mit der Umweltmüll, genauso wie Ressourcenknappheit erledigen würde…man mag ja kaum so recht gleich dran glauben, zu schön um wahr zu sein, sagt hier die skeptische innere Stimme der Vernunft. Man wird sehen.

Festhalten können wir allerdings: die zentralen Prinzipien sind 1) Universalität, und 2) Homogenität. An was erinnert uns das denn nun?

In diesem gleichen Heft der Technolgy Review gibt es ein “historisches Gespräch”, ein fiktives Interview mit Oskar von Miller, einem Ingenieur, der zwischen 1855 und 1934 in München gelebt hat und dessen bleibender Verdienst darin besteht, die Elektrifizierung in Deutschland vorangetrieben zu haben. Es ist wahrhaftig interessant sich das noch einmal vor Augen zu führen, dass die Menschen ja damals von den Vorteilen der Elektrizität überzeugt werden mussten; dass man damals bei Elektrizität nur an das Licht dachte, und Oskar von Miller Überzeugungsarbeit leisten musste, um klar zu machen, dass sich ja auch Elektromotoren so betreiben lassen… und dass die Elektrizität damals in Hinterhöfen von kleinen Generatoren, angetrieben von Dampfmaschinen, erzeugt wurde. Oskar von Schwemmer hat die Grundlagen dafür gelegt, dass die Elektrizität zentral in Kraftwerken erzeugt und von da über Leitungen in die Haushalte verteilt worden ist. Erst so war es möglich, die Elektrizität und ihre Nutzung zu einem festen Kulturbestandteil werden zu lassen, zu einer festen und kalkulierbaren Größe, auf die sich all die zahllosen Erfindungen und Innovationen stützen konnten, die als Energiequelle die jederzeitige Verfügbarkeit elektrischer Energie voraussetzen.

Wegen der enormen Wichtigkeit dieser Energiequelle und der Wichtigkeit der Tatsache, dass sie auch zuverlässig und jederzeit in der erforderlichen Menge verfügbar ist, für private Haushalte ebenso wie für die Industrie, hat man die Erzeugung der elektrischen Energie lange Zeit nicht dem Spiel der Marktkräfte überlassen. Kraftwerke zur Energieerzeugung waren lange in öffentlichem Besitz, sie waren eine wichtige Aufgabe der kommunalen Stadtwerke, bis der Privatisierungswahn die politischen Gestalter in die ideologische Verblendung trieb, und sie die Energieerzeugung privater Gewinnsucht in die Hände gaben. Möglich und sinnvoll, die Energieerzeugung in öffentlicher Regie zu betreiben war es deshalb, weil es sich bei der Elektrizität um ein vollkommen homogenes Gut handelt, und eben um ein sehr wichtiges und basales. Elektrizität kommt für jeden Verbraucher vollkommen gleichartig aus der Steckdose, vollkommen ununterscheidbar, und einen “Yellow Strom” hat erst die Gewinnsucht privater Energieerzeuger erfunden, die sich von so einer Phantasie-Benamung erhofften, die Verbraucher zu blenden und ihnen vorzumachen es handle sich um einen irgendwie anderen oder besseren Strom, der darum auch ein bischen teurer sein darf.

Digitale Fertigung macht Konsumgüter ebenfalls zu einem homogenen Gut. Ob in der digital gesteuerten Industriefabrik, der Industrie 4.0, oder im privaten Haushalt der ferneren Zukunft: Bezogen wird gewissermaßen abstrakte Fertigungsleistung, die Beschreibung von Produkten aus Daten: zu welchem Konsumgut die sich in der Digitalfabrik oder sogar beim Konsumenten in dessen Haushalt formen, ist vollkommen in dessen Ermessen gestellt. Der Besitzer einen digitalen Fabrik, der dann auch der Konsument sein kann, bekommt nur die “Bits und Bytes”, und ein universaler “Additiver Fabricator” oder eine komplexe Digialfabrik baut aus diesen Bits und Bytes das Konsumgut zusammen.

So wäre das im Prinzip. Da aber ersichtlich – das sagt auch schon der Blick auf den gegenwärtig erreichten State of the Art in dieser Branche – die Entwicklung noch sehr lange dauern wird, bis es wirklich universale und kleine und selbstreplizierende und allgemein verfügbare Fabrikatoren für “allmost anything” geben wird, wird es zunächst verschiedene Spezial-Fabrikatoren geben, Spezialisten für unterschiedliche Größen der Bauteile, unterschiedliche Materialien, unterschiedliche Baugeschwindigkeiten, Komplexitäten etc etc, so wie es im Laufe der Geschichte der Computer auch sehr unterscheidliche Rechnermodelle mit verschiedenen Anwendungsschwerpunkten gab, obwohl der Computer an sich die universalste Maschine ist, die man sich überhaupt denken kann.

Und diese unterschiedlichen Maschinen, all das was dazu gehört sie zu betreiben, fachkundige Menschen sicher auch, die Software, die Kapazitätsplanung, also sozusagen eine Fabrikatoren-Fabrik, eine geballte Ansammlung von universaler Fabrikations-Kapazität: all das sollte sich eines schönen Tages in öffentlichem Besitz befinden, vielleicht – wie die Stadtwerke – auf kommunaler Ebene, und ermöglichen, dass die Menschen ebenso wie früher auf die Stromerzeugung auf diese Produktionskapazität zugreifen können und sich darauf verlassen, dass sie verfügbar ist, und das alles dann zu einer angemessen Kostenbeteiligung, von der man annehmen kann, dass sie so sein wird, dass sich die Versorgung mit Konsumgütern auf diese Weise insgesamt drastisch verbilligen wird.

Die durch das Internet gegebenen Möglichkeiten, aktiv an der Entwicklung von Produkten und Verfahren, von Materialien und Entwürfen mitzuwirken, ist ja dadurch nicht behindert, im Gegenteil lassen sich diese Möglichkeiten so erst umfassend ausarbeiten und institutionalisieren.

Jedenfalls kommt es darauf an, die Produktion von Konsumgütern in öffentlichen Besitz zu verlagern und zu übertragen, denn das Spiel der Marktkräfte ist zu unberechenbar und zu unzuverlässig geworden, als dass dies zu einer sicheren und planbaren Lebensgestaltung auf lange Sicht noch die Basis sein könnte. Wir müssen uns verlässlichere Grundlagen der Existenzsicherung schaffen. Die Märkte werden in Zeiten hoher Marktsättigung zu volatil, die Bedarfe sind zu grossem Teil Luxuskonsum geworden, der ohne weiteres aufschiebbar ist, wenn sich am Konjunkturhimmel Wolken zeigen, so wie in der Gegenwart schon wieder einmal. Und dann kontrahiert die Wirtschaftstätigkeit, die Umsätze gehen zurück, und all die vielen gering beschäftigten und schlecht bezahlten Menschen, deren Konsum keineswegs aufschiebbar und Luxuskonsum geworden ist, müssen darunter leiden.

Commons und Open Source sind in der Gegenwart gewissermassen die Spielwiese, auf der diese Prinzipien erprobt werden können, nach denen später einmal Wirtschaftsprozesse gestaltet sein werden. Aber wir werden diese Prinzipien institutionalisieren müssen und in die politischen Verfassungen und die öffentlichen Grundgerüste der Existenzsicherung einkonstruieren und einbauen.

Dann können wir unter Umständen besseren Zeiten entgegensehen.