Studien zur nächsten Gesellschaft

„Studien zur nächsten Gesellschaft“ fiel mir vor einiger Zeit die Hände, ein Buch von Dirk Baecker, der sich als Professor für Soziologie an der Zeppelin-Universität sein Brot verdient; das Buch ist erschienen bei Suhrkamp. Wer etwa so alt ist wie ich, dem würde beides, die ehrenvolle Professur und der ehrenvolle Buchdeckel der Suhrkamp-Taschenbücher Wissenschaft, als Garant gelten, dass sich zwischen diesen Buchdeckeln wichtige und wertvolle Weisheiten befinden. Und dann noch zu diesem unübertrefflich wichtigen Thema unserer Zeit: die nächste Gesellschaft. Wenn das nicht ein Grund ist dieses Buch sofort zu kaufen.

Schon auf dem hinteren Buchdeckel steht zu lesen, was die nächste Gesellschaft offenbar in ihrem Innersten und in ihrer charakteristischen Gestalt prägen und als solche möglicherweise (wenn ich richtig verstanden habe) hervorbringen wird: das seien die Computer. Ich sollte an dieser Stelle erwähnen dass das Buch 2007 in erster Auflage erschienen ist, also schon vor einigen Jahren, aber nicht etwa vor 30 oder 50 Jahren.

Die Einführung des Computers werde ebenso dramatische Folgen haben wie zuvor die Einführung der Sprache, der Schrift und des Buchdrucks. Die Einführung des Computers? Es ist schon richtig: umgangssprachlich ist es gebräuchlich, diesen langwierigen, hochkomplexen Vorgang der Entwicklung und Entstehung und schließlich auch der fortschreitenden Verbreitung der Anwendungsfelder des Computers „Einführung“ zu nennen. Es macht mich dennoch schon ein wenig misstrauisch. Aber diesen Vorgang dermaßen lax und vergröbernd mit „Einführung“ der Sprache, der Schrift und des Buchdrucks nach Bild-Zeitungsmanier platt zu klopfen und über einen Kamm zu scheren, das macht mich wütend. Und: ein bisschen reißerisch darf es auch klingen. Dramatische Folgen! Die Einführung der Sprache hatte dramatische Folgen. Das muss man sich auf der Zunge zergehen lassen. Was für eine Wahrheit will da jemand dem vertrauensvollen Suhrkamp-Taschenbuchleser verkaufen?

Wer noch nicht komplett vergessen hat, wie vor rund 30 Jahren etwa ein gewisser Jürgen Habermas diesen wahrhaft kulturbildenden Prozess der Entstehung und Entwicklung des sprachlichen Symbolgebrauchs und der damit verbundenen Implikationen für die Entstehung des erwachenden Bewusstseins des Menschen und seines gesellschaftlichen Eingebundenseins beschrieben hat, dem müssen ob einer solchen schnodderigen Vulgarisierung und wissenschaftlichen Verflachung und Gewissenlosigkeit die Haare zu Berge stehen.

Dramatische Folgen. Aha. Das macht zunächst sprachlos. Es fällt sehr schwer, eine mühevolle seriöse Argumentationskette aufzubauen, und dem Impuls zur Polemik zu widerstehn… zu schwer…!

Einführung der Sprache. Wurde die Sprache eingeführt? von wem? War das genehmigt?

Von Dirk Baecker gibt es den schönen Satz: „Auch Kriege sind Kommunikationen. Wenn auch mit großen Opfern.“ Was erklärt uns das? soll das Kriege rechtfertigen? weil Kommunikationen ja schliesslich nichts schlechtes sind? was sind denn wohl Kommunikationen im wissenschaftlichen Weltbild von Herrn Bäcker?

Hmm.

Was wird das Buch mich denn wohl lehren können über die nächste Gesellschaft? Worum wird es gehen? Kommunikation? Mehr Kommunikation? Kriege? Mehr Kriege? Weniger Kriege? Oder ist das nun grad ziemlich egal?

Ich blättere ein wenig. Es gibt einen Abschnitt über Arbeit. „Arbeiten ist gefährlich“. Na so was! Nicht ganz so apodiktisch, aber doch durchaus auch unfreundlich würde ich die Arbeit ja auch hin und wieder mal charakterisieren wollen. Aber doch nicht in einem Buch bei Suhrkamp… Ich blättere noch weiter (ich komme noch wieder zur Arbeit zurück!). Was hält Gesellschaften zusammen? Auch hochinteressant. Halten Gesellschaften denn zusammen? Wenn Deutschland gegen England Krieg führt, oder die Amerikaner im Irak, bilden die Amerikaner und die Iraker und die Deutschen und die Engländer dann eine Gesellschaft? Die zusammenhält? Oder wenn die Amerikaner den Rest der Welt ausspionieren, wo sind dann die Ränder der Gesellschaft, die zusammenhält?

Ich lese einen beeindruckend schönen Satz: „Die aristokratische Hochkultur, stratifizierte Gesellschaft und zumeist Sklavenhaltergesellschaft, ist ein Produkt der Verarbeitung der Katastrophe der Einführung der Schrift.“ Donnerwetter! Da kennt sich aber jemand aus. Die Schrift wurde eingeführt, und gleich war das schon eine Katastrophe! Die konnte natürlich nur so verarbeitet werden, dass man mal schnell die aristokratische Hochkultur erfand. Zumeist Sklavenhaltergesellschaft. Wer war dieser unfähige Penner, der da die Schrift einfach eingeführt hat? Ohne daran zu denken dass jemand anders dann nichts anderes übrig bleiben würde als die aristokratische Hochkultur zu erfinden… B. t. w. – wer käme da eigentlich in Frage, als Erfinder? Vielleicht ein frühes autopoietisches Subsystem? Das sich mit Schrift schon so gut auskannte, dass es gleich erkannt hat: das gibt ja bestimmt ‘ne Katastrophe?

Es kommt noch schöner: „Zusätzlich zum Referenzüberschuss der Sprache tritt jetzt ein Symbolüberschuss der Schrift auf, der darin besteht, dass sich selbst bezeichnende Zeichen Aufmerksamkeit verlangen, ohne dass in der jeweiligen Situation kontrolliert werden könnte, woher sie kommen und mit welchem Recht sie auftreten. Diese Unwahrscheinlichkeitsschwelle, wegen der mangelnden Kontrollmöglichkeit mit keinerlei Aufmerksamkeit bedacht zu werden, musste die Schrift nehmen, indem sie zugleich mit der Autorität des Absenders (auf Götter und Könige verweisende Insignien) und dem Interesse des Empfängers (Quittungen für eingelagerte Güter, Schuldscheine) ausgestattet wurde.“

Ich komme mir blöd vor. Dieser Herr Professor bewegt sich in solchen Höhen des Geistes, so klirrend intellektuelle Begriffe, Symbolüberschuss, Referenzüberschuss, sich selbst bezeichnende Zeichen… faszinierend! So ein kluger Mann! Er hat sie entdeckt, die sich selbst bezeichnenden Zeichen….

Was ist denn eigentlich ein Zeichen? Was sagt der Semiot? Wer kann denn eigentlich ein Zeichen bezeichnen? Ich würde denken (sofern ich nicht zufällig gerade nur ein Semi-Idiot bin, als welcher ich mir wie bereits gestanden ja schon vorkomme..), das kann nur ein Wesen, das zum Symbolverstehen und zum Symbolerzeugen fähig ist. Ein kommunizierendes Wesen, ein Wesen mit Ich und Identität, und mit Sprachfähigkeit (und noch einigem mehr, das hier gar nicht alles benannt werden kann), kann ein Zeichen bezeichnen. Wobei – was soll denn eigentlich hier bezeichnen heißen? Benennen? Einem Zeichen einen Namen geben? Ein Zeichen braucht eigentlich kein Zeichen, keine Bezeichnung, wenn denn damit etwas anderes gemeint sein soll als Benennung. Ein Zeichen kann einen Namen haben, aber wozu sollte es ein Zeichen haben? Eine 5 ist ein Zeichen für eine Menge mit 5 Elementen, aber mit welchem Zeichen sollte man die 5 bezeichnen? Wozu?

Aber was sind nun sich selbst bezeichnende Zeichen? Herr Professor?

Wie können nun Zeichen Aufmerksamkeit verlangen? Herr Professor? Und wieso kann man nicht kontrollieren, woher Zeichen kommen und mit welchem Recht sie auftreten? Wenn es sich z. B. um einen Schuldschein handelt, der aus solchen Aufmerksamkeit verlangenden Zeichen besteht, kann man das eigentlich ganz gut kontrollieren, mit welchem Recht diese Zeichen auftreten, oder: man könnte auch einfach sagen, man könnte kontrollieren ob der Schuldschein gültig ist. Dann würde man einfach sagen: eine Kultur hat sich über einen Satz von Schriftzeichen verständigt, es hat sich ein Verständnis der Bedeutungen dieser Schriftzeichen eingelebt, so dass es möglich ist diese Zeichen zu verwenden, mit hinreichender Gewissheit, dass das Verständnis ihrer Bedeutungen innerkulturell gegenwärtig ist; so dass also der Schreibende annehmen darf, von einem Leser verstanden zu werden. Dann gäbe es Zeichen, Symbole, die etwas bezeichnen (weil Leser dieser Zeichen ihre Bedeutung kennen können), und Leser mit hinreichender Aufmerksamkeit, diese Zeichen auch zu entziffern zu wollen und zu können. Um zum Beispiel der Bedeutung eines Schuldscheines die gebührende lebenspraktische Aufmerksamkeit zukommen zu lassen. Dann müssen nicht wunderliche Zeichen sich selbst bezeichnen, und sie müssen nicht magisch animiert werden, so dass sie Aufmerksamkeit verlangen können. Die Zeichen tun nichts, sie handeln nicht, und sie sind nicht überschüssig. Es handelt der Schreiber, und der Leser der Zeichen. Der Schreiber muss „richtig“ schreiben, und der Leser muss „richtig“ lesen. Hätte ich gedacht.

Aber Herr Professor sieht weitere magische Vorgänge, und magische Akteure. Die Schrift wird selber aktiv. Sie musste die Unwahrscheinlichkeitsschwelle nehmen. Musste sie. Sie war – das können wir ihr doch nachfühlen! – in Not. Darum, genau darum, wurde sie ausgestattet mit Autorität des Absenders und Interesse des Empfängers. Zack! Da haben wir die Erklärung. Die Schrift wurde mal eben ausgestattet. Clever, oder? Schon war der Symbolüberschuss geknackt. Wer hat das aber nun so clever hingekriegt? Mit dem Ausstatten? Wer war das noch grad?

Herr Professor. Was verdient so ein Professor? An der Zeppelin-Universität? Ja nicht so viel. Armer Mann. Zum Glück verlangen seine Zeichen ständig nach Aufmerksamkeit, überall, in dem ganzen Buch von Suhrkamp.

Arbeiten ist gefährlich. Warum? „Man setzt neue Produkte in die Welt die zunächst niemand braucht.“ Bitte? Das gibt es? Produkte? Was ist das bitte? Und woher weiß man wer wo was wann braucht? Zunächst? Oder zunächst nicht?

Dann folgen einige rätselhafte Sätze über „die Arbeit“: „Man lässt sich auf Formen des Umgangs miteinander ein, die gegen alle guten Sitten verstoßen. (???) Man verwendet Zeit auf sie, die andernorts verloren geht. Es ist daher kein Wunder, dass das Arbeiten in allen Gesellschaften zu den am meisten kontrollierten und regulierten Sachverhalten gehört. Die Form dieser Kontrolle und Regulation ist schlicht: Arbeiten ist generell verboten und nur ausnahmsweise gestattet; und die Ausnahmen sind bis ins Detail von der Gesellschaft geregelt. Geregelt ist, welche Produkte beim Arbeiten entstehen dürfen. Geregelt ist, wie man beim Arbeiten miteinander umgeht. Und geregelt ist, wie viel Zeit für die Arbeit aufgewendet werden darf.“

Lauter scharfsinnige Beobachtungen. Ja das ist kein Wunder. Doch nicht, oder? Das ist doch kein Wunder? Klar ist die Arbeit ein regulierter Sachverhalt! Schon wegen der laufenden Verstöße gegen die guten Sitten! Und weil Arbeit ständig mit Zeitaufwendung zu tun hat. Man kann praktisch nichts gearbeitet kriegen, ohne dass dabei Zeit drauf ginge. Das ist das Fiese an der Arbeit. Und dann noch: die Zeit ist dann weg! Statt andernorts! Andernorts ist sie dann verloren! Klar dass so ein Sachverhalt reguliert gehört.

Jetzt mal grad nochmal die Frage? Von wem jetzt noch grad, Herr Professor? Wer möchte da diesen Sachverhalt kontrollieren? Warum? Ok es braucht Kontrolle. Die beste Kontrolle ist natürlich: Verbieten. Arbeit ist nämlich verboten. Bis auf die Ausnahmen. Und wer macht das nun mit dem Kontrollieren und dem Regulieren – die Gesellschaft! Ach so. Warum noch mal – wegen der guten Sitten. Und die Gesellschaft regelt welche Produkte entstehen dürfen! Donnerwetter. Wie geht das genau vor sich? Haben die da einen Katalog? Erlaubte Produkte der Gesellschaft der Welt, gültig bis 2007? Wer arbeitet denn eigentlich? Ausnahmsweise? Ist das auch die Gesellschaft?

Noch ein paar schöne Sätze: „Die Kontrolle und Regulation von Arbeit hat einen Namen. Wir sprechen von Organisationen. Organisationen sind die Art und Weise, so hat Niklas Luhmann den Sachverhalt einmal formuliert, wie Gesellschaften über Arbeit kommunizieren.“

Ja klar! So ist es. Gesellschaften kommunizieren über Arbeit, und – piff! – stehen da so zwei drei Organisationen, irgendwo im Telefonbuch. Und die erledigen das dann, mit dieser doofen Kontrolle und Regulation. Gehören Organisationen auch zur Gesellschaft?

Es ist ganz offensichtlich ein Segen und unerschöpflicher Quell an Klarheit und Offenbarung, dass es so etwas gibt in der Hochschullandschaft, in der Wissenschaft, im uns allen zur Verfügung stehenden Weltwissen, das uns hilft unseren Weg zu finden durch die Dunkelheit von Verzagen und Wirrnis… diese bestechend klare hinreißend schöne systemische Gesellschaftstheorie. Wir dürfen aufatmen: wir müssen uns nicht mehr plagen mit Fragen nach unserer Verantwortung, nach Sinn und Unsinn unserer Arbeit, unserer Institutionen, nach der Qualität unserer politischen oder gesellschaftlichen Willensbildung. Das ist naiv! Das gibt’s alles gar nicht, es gibt lauter listige Akteure, in Wirklichkeit, die haben aber zum Glück keine ladungsfähige Anschrift. Die kennen nur die Soziologen, und das muss dann eigentlich ja auch reichen.

Computer und die nächste Gesellschaft.

Dass Computer Arbeitsmittel sind, und in den (Arbeits-)Gesellschaften dieser Welt meistens dazu benutzt werden, Arbeit zu erleichtern, und dann auch wiederum – zu erschweren, weil sie die Arbeitsleistung von Menschen steigern, dass all das – UNTER UMSTÄNDEN – dazu beiträgt, dass Produkte in die Welt gesetzt werden, die – nicht nur zunächst – niemand braucht, dass wir in einer wirtschaftlichen Gegenwart und Realität leben, die von Sättigung, ja von Übersättigung geprägt ist, und dass Computer vielfältige Gestalt haben, dass sie Informationen verarbeiten, dass sie auch als Stoff verarbeitende Roboter auftreten können – von all dem nimmt der Gesellschaftswissenschaftler und Professor Baecker vermutlich keine Kenntnis. Dass „die Computer“ sich mitten im Zentrum, im Kreuzfeuer sozusagen all dieser ökonomischen Faktoren allmählich wandeln zu Digitalen Fabrikatoren oder zu den steuernden Zentralen der Digitalen Fabrikation, die die Welt der Wirtschaft, der Arbeit und des Konsums derartig nachhaltig verändern werden, wie dies die Erfindung der Schrift, des Rades, des Buchdrucks und Dieselmotors zusammengenommen nicht haben bewirken können, auch das wird dem hauptamtlichen Gesellschaftsbeobachter zweiter Ordnung und erster Besoldungsstufe mit einiger Wahrscheinlichkeit verborgen bleiben. Das, Digitale Fabrikation, wird die nächste Gesellschaft bestimmen und hervorrufen. Die Prinzipien, die Regeln, die Ordnung, die damit, durch die Nutzung eines solchen kulturellen Arbeitsmittels, möglich sein werden, lassen sich nennen und rechtfertigen und es lässt sich begründen, warum eine so realisierbare und herstellbare Welt und Gesellschafts- und Wirtschaftsordnung „besser“, entwickelter und rationaler ist, gesünder, friedlicher und fröhlicher.

Aber das ist ja nicht wissenschaftlich. Luhmann interessierte der Mensch ja auch nicht. Das merkt man.

Mein Respekt, Herr Professor.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.