Wert und Werte

Dinge, privatisierbare Güter, haben einen Wert oder können einen Wert haben, nämlich dann, wenn es mindestens einen Menschen gibt, der so ein Ding, ein Gut, in seinen Besitz bringen oder es dort haben will, oder wenn man zumindest annehmen kann dass es Menschen gibt die so ein Ding in Besitz haben wollten; und weil es dieser werten oder bewertbaren Dinge viele gibt, gibt es Wert auch im Plural: all diese gezählten und ungezählten begehrten Dinge und Güter, Leistungen, Materialien und Stoffe gehen (jedenfalls in hochentwickelten Volkswirtschaften mit einem ebenso hoch entwickelten Geldsystem) in die Bilanzen der Unternehmen und das Sozialprodukt der Volkswirtschaften ein, und bilden sozusagen den stofflichen Gehalt des Wohlstands der Menschen.

Es gibt nun auch Werte oder einen Wert, den gibt es nur im Singular: das Begehrte, auf das dieser Wert hinzeigt sozusagen, ist ein Zustand dieser Welt, in der wir alle leben, alle Menschen, und in gewisser Weise auch die Tiere, alle lebenden Wesen also, insbesondere aber die Menschen, als jene Wesen, denen wir einen Subjektstatus zusprechen, und Würde: die allen Menschen gleichermaßen zukommende und zustehende, unveräußerliche Menschenwürde.

Dieser Wert ist also bezogen auf oder verbunden mit oder leitet sich her oder enthält die Obligation zur Herstellung eines Zustandes der Welt, also der Lebenswelt für die darin lebenden Wesen, davon in erster Linie die Menschen.

Dieser Zustand nun ist gekennzeichnet durch zwei Elemente: erstens die Möglichkeit für alle Menschen, ohne Schuld zu leben, also ohne Obligation, etwas tun oder leisten oder ableisten zu müssen, sowohl im engeren moralischen Sinne, also natürlich auch ohne im strafrechtlichen Sinne schuldig geworden zu sein, aber auch ohne gegen erkennbare Rechte anderer Rechtssubjekte verstoßen zu müssen oder verstoßen zu haben, und ohne sonstige bindende und verpflichtende Obligationen und Gewissenslasten. Und zweitens: in möglichst großer, unbeschränkter Autonomie leben zu können, also die eigene “Autonomie des Willens” gegen die “Heteronomie der wirkenden Ursachen” setzen zu können (kantisch gesprochen).

Also: Herr des Tages zu sein, der eigenen Lebensumstände; die verfügbare Lebenszeit und -Kraft gestalten zu können, ohne hier durch vorgefundene naturwüchsige und vorkulturelle Naturnotwendigkeiten eingeschränkt zu sein. Es ist also durchaus das mit eingeschlossen, was man auch gerne “wirtschaftliche Unabhängigkeit” nennen mag: ein möglichst wenig eingeschränkter, möglichst freier Zugriff auf industriell herstellbare Konsumgüter, also Güter des täglichen Bedarfs und zur Unterstützung einer kommoden Lebenshaltung; dies natürlich nur im Rahmen des ökologisch vertretbaren Ressourcenverbrauchs.

Nicht ganz offensichtlich ist und daher auch nicht ganz leicht zu begründen (und daher wird dies leider auch oftmals verkannt): dass dies voraussetzt, dass diese Konsumgüter zum einen voll maschinell hergestellt werden können, und dass es zum anderen eine bestimmte Weise der Produktion und Verteilung dieser Güter voraussetzt, nämlich eine nicht-marktliche Güter- und Faktorallokation. Dazu später.

Jedenfalls scheint es so zu sein, dass so eine Idee eines idealen Zustandes der Welt, der gesamten Lebenswelt, rund um den Globus, den Menschen auf eine Weise bekannt ist, die möglicherweise den apriorischen Bewusstseinsinhalten entspricht, die uns das Denken ermöglichen, bevor wir je eine bewusste Erfahrung gemacht haben, also den kantischen Verstandeskategorien Raum und Zeit. Diese Idee eines Idealzustandes hat sich als Vorstellung eines verlorenen gegangenen Paradieses, als ein Leben nach dem Tod, als eine Verheißung ausserhalb des geschichtlichen Raumes in die heiligen Bücher der diversen Heilslehren und Religionen begeben, wo sie dann möglicherweise als göttliche Offenbarung erschien.

Aber auch im ganz streng rationalen Denken, in der Rechtsphilosophie beispielsweise, oder in der Ethik kommen wir nicht aus ohne diese Vorstellung eines Ideals, eines idealen Zustandes, den die Welt einnehmen soll, und den herzustellen uns Menschen aufgetragen ist, dazu sind wir uns gegenseitig verpflichtet; die Würde des einen Menschen verpflichtet den anderen dazu, an dieser Verwirklichung mitzuwirken. Dieser Zustand der gesamten Welt ist ein absoluter Wert, mit und durch nichts zu relativieren.

Und die vielen relativen Werte der tauschbaren und privatisierbaren Güter beziehen ihren wahren Wert gewissermassen aus der Bezogenheit auf diesen absoluten Wert: dadurch, dass sie einen Beitrag leisten können, diesen Zustand zu realisieren, oder ihm ein wenig näher zu kommen. Das ist der Wert hinter dem Wert der „guten Dinge“. Die guten Dinge sind solche, die die Welt in diesem Sinne schöner bzw. erstrebenswerter machen können, und uns ein wenig dem „Paradies“ näher bringen.

Man kann sagen: die Welt soll so beschaffen sein, dass wir darin leben können in Freiheit und Unschuld. Nun kann man natürlich nicht einem bestimmten Zustand der Welt die Verantwortung dafür zuschreiben, dass ein einzelner Mensch irgendwo in dieser Welt individuelle Schuld auf sich lädt: das wird natürlich niemals durch irgendwie geartete menschengemachte Zustände der Welt verhindert werden können; sicherlich wird auch in dem vollkommensten aller Paradiese noch ein Mensch individuell schuldig werden können.

Aber wir können einen Zustand der Lebenswelt vorstellen und – möglichst – auch herstellen, in dem das Schuldigwerden nicht mehr gewissermaßen zur alltäglichen menschlichen Tragödie des Überlebens dazu gehört: im alltäglichen Überlebenskampf unter (wirtschaftlichen) Wettbewerbsbedingungen ist dieser sozusagen sportliche und vielleicht durchaus faire Wettbewerb durchmischt mit Verstößen gegen eigentlich gültige und erkennbare Prinzipien der zwischenmenschlichen Solidarität, und darum sind wir alle in der Fülle unseres satten Wohlstands ein kleines oder größeres Bisschen mit Schuld beladen, zum Beispiel der reiche und entwickelte Norden gegenüber dem armen Süden, dessen Lebens- und Entfaltungsmöglichkeiten recht systematisch und massiv beschnitten werden.

Aber schon im ganz alltäglichen Handeln und Wandeln, in dem ganz gewöhnlichen Kauf- und Verkauf von Gütern und Leistungen steckt möglicherweise ein kleines bisschen Schuldigwerden: ganz gewöhnlich begegnen sich in dieser Ur-Situation der Markt- und Tauschwirtschaft zwei Menschen mit konfligierenden Interessen, als die simmelschen Erwerbskontrahenten, und man kann eigentlich nie oder so gut wie nie wissen, ob ein erzielter “Preis” für eine Kaufsache, auf den man sich geeinigt hat, wirklich ein gerechter Preis ist: möglicherweise hat sich eben einer der beiden Kontrahenten durchgesetzt, und den anderen ein wenig oder ein wenig mehr übervorteilt.

Mit der dritten Kant-Frage „Was dürfen wir hoffen?“ ist in der kantschen Philosophie als Konsequenz einer separat begründeten Ethik die Idee eines historischen Projektes verbunden, bei Kant explizit beschränkt auf die Herbeiführung eines universalen Rechtsstaates. Aber es ist uns eigentlich auch erkennbar, dass so ein historisches Projekt mit einer breiter gefassten Zielsetzung verfolgt werden muss. Die Ideen der Menschenwürde, der Autonomie, der Menschenrechte haben weitergehende Implikationen, und die heute zur Verfügung stehenden technischen und kulturellen Möglichkeiten der Verständigung und des Zugriffes auf Wissenbestände haben den Raum des „Könnens“ erweitert, der ansonsten die Obligation beschränken würde.

Zwar gilt „ultra posse nemo obligatur“, aber wir können heute in einem wesentlichen umfassenderen Sinn die Lebensbedingungen einem verpflichtenden Ideal des Menschen anpassen; das „Posse“ ist so sehr erweitert, dass die Obligation sich dahinter nicht mehr verbergen kann, und sich dem stellen und anpassen muss. Das geschichtliche Projekt kann sich nicht darauf beschränken, die wenigen ökonomisch zur Verfügung gestellten Parameter „Wachstum“ und „Vollbeschäftigung“ auszuwerten, und darüber hinaus möglicherweise ökologische Katastrophen wenn nicht gänzlich zu verhindern, so doch wenigstens ein wenig in die Zukunft zu verlagern. Schon hier gehen die Verpflichtungen öffensichtlich weiter. Das „Posse“, das uns heute gegeben ist, bedeute aber auch eine viel umfassendere Obligation: die Verwirklichung von Würde und Freiheit des Menschen.

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