CeBIT 2014

Bald ist wieder die CeBIT fällig, 10. – 14. März, Hannover.

Eines der grossen Themen wird Industrie 4.0 sein, und ein Keynote-Speaker dazu August-Wilhelm Scheer, einer der früheren „Päbste“ der deutschen Wirtschaftsinformatik. Während es in den meisten Fällen so war, dass die Wissenschaft vom Vorzeigeunternehmen der deutschen Informatik SAP gelernt hat, darf Scheer sich rühmen, zur Gestaltung des riesigen SAP-Softwarepakets einige wichtige Impulse geliefert zu haben, zum Beispiel sein ARIS-Tool zur Prozessgestaltung und -dokumentation.

Scheer war mir immer auch deshalb sympathisch, weil er auch Musiker ist. Er geht – als Milliarden schwerer Unternehmer und wissenschaftliche Koryphäe – mit professionellen Musikern auf Tournee, stellt sich in kleinen Not leidenden Jazzklubs vor das Publikum, und bläst die Backen auf… er spielt Saxophon (unter uns gesagt: man hört schon dass er kein Profi ist..). Aber diese Leidenschaft für eine Sache, um ihrer selbst willen, finde ich beeindruckend.

Scheer hat vor mindestens 30 Jahren in der Uni Saarbrücken das CIM-Labor gegründet – CIM steht für Computer Integrated Manufacturing. Zu dieser Zeit gab es die vielzitierte CIM-Euphorie: man hoffte durch die computerintegrierte Steuerung von Fabriken diese komplett automatisieren zu können. Menschenleer, nur Roboter und autonome Systeme und fahrerlose Gabelstapler. Mir wurde in meinem Wirtschaftsinformatik-Studium noch aufgetragen ein Buch mit dem Titel „CIM – die Fabrik der Zukunft“ zu lesen. FoF – Factory of the Future: natürlich auch eben menschenleer, traumhaft, nur Maschinen die nicht krank feiern und nicht streiken, und sich über genormte Protokolle wunderbar miteinander verstehen.

Die CIM-Euphorie war ab 199x verflogen, und was sich durchsetzte waren die japanischen Ideen: Lean Management, Kanban-Prinzip und Prozessorganisation. Das aber nur deshalb, weil die anspruchsvolle Technik sich nicht realisieren liess, auch Scheers CIM-Labor konnte daran nichts ändern. Dennoch kamen die Prozessorganisation und das Lean Management in die Schlagzeilen, weil man damit explosive Produktivitätszuwächse erzielen konnte. Die grossen Protagonisten dieser Idee, Michael Hammer und James Champy, wurden zu Medienstars. Was mit all den rausgeschmissenen Arbeitskräften passieren sollte, wurde auf den hinteren Buchseiten diskutiert.

Es gab ja nun noch einen Pabst in der deutschen Wirtschaftsinformatik, das war Peter Mertens. Und wie ich ja hier und da schon angemerkt habe: er hatte ja auch die möglichst komplette Automation im Sinn, auch wenn er mit der technisch-organisatorischen Realisierung dieser Idee nicht so erfolgreich war. Noch 2006 hat er sein Verständnis eines „nachhaltigen“ Trends oder Wissenschaftzieles der Wirtschaftsinformatik so beschrieben: „Am Ende steht der vollautomatisierte Betrieb, den keine Arbeitnehmerin oder kein Arbeitnehmer mehr betreten muss.“ „Mertens AB 01/2006“ Zur Rechtfertigung dieser Idee sagte er am Schluss eines Vortrages: „Abschließend eine rhetorische Frage: Wenn wir Sklaven für uns arbeiten lassen können, ohne dass man Menschen erniedrigen muss, weil die Sklaven ja Maschinen sind: Warum nicht?“ Ja warum eigentlich nicht?

Heute gibt es also wieder ein grosses Thema auf der CBIT: die Industrie 4.0. August-Wilhelm Scheer beschreibt auf seinem Blog sehr schön, worum es bei diesem Konzept geht „Scheer über 4.0“.

Was ist denn nun das prinzipiell andere an dieser Idee Industrie 4.0?

Die Zielsetzung der Produktivitätssteigerung ist jedenfalls die gleiche geblieben: wie der an der Konzeptentwicklung beteiligte KI-Professor Wahlster vom DFKI mal behauptet hat, sind damit Produktivitätssteigerungen von sage und schreibe 30 Prozent zu erwarten. Wie vor einigen Wochen Constanze Kurz und Frank Rieger in ihrem Buch „Arbeitsfrei“ so schön beschrieben haben, bedeutete das dann auf der anderen Seite wohl einen in etwa entsprechenden Zuwachs der Arbeitslosigkeit. Und Mertens wollte ja gleich die gesamte Belegschaft vor die Tür setzen – 100 Prozent auf Hartz IV.

Wenn man sich nun genauer anschaut was das Konzept der Industrie 4.0 ausmacht, fällt auf, dass ein zentrales Thema die Flexibilisierung der Prozesse in der industriellen Fertigung ist: „So wird die traditionell starre Zuordnung von Produktionsanlagen zu Produkten künftig durch flexible Rekonfigurationsmöglichkeiten der Produktionsanlagen ersetzt werden. Werke werden nicht mehr für bestimmte Produktionstypen gebaut, sondern man stellt bestimmte Produktionstechnologien zur Verfügung, die nahezu beliebig auf unterschiedliche Produkte in kurzer Zeit umgerüstet werden können.“ Nahezu beliebige, unterschiedliche Produkte – auf einer Produktionsanlage. An anderer Stelle ist von der Möglichkeit die Rede, in Losgrösse 1 zu produzieren, also individuelle Unikate herzustellen, auf speziellen Kundenwunsch. Dies aber eben nicht in Handarbeit! D. h.: es gibt nicht mehr die spezielle Fabrik oder den speziellen Hersteller für ein bestimmtes Produkt oder Produktsortiment, sondern eine Fabrik kann – nach kurzer Umrüstzeit – heute dies, und morgen jenes herstellen. Und damit ändert sich auch das Business, wie Scheer schreibt: „Es entstehen auch neue Unternehmenstypen in Form von Maklern. Um die Verbindung zwischen der Entwicklung von Produkten und der davon getrennten Produktion möglichst effizient durchzuführen, werden diese Makler über Plattformen den Bedarf an Produktionskapazitäten und das Angebot miteinander verknüpfen. Hier bietet das Internet mit seiner offenen Struktur Möglichkeiten, auch in Verbindung mit Logistikdienstleistern, global neue Produktionsstrukturen zu eröffnen.“

Technisch ermöglich wird diese Flexibilität durch „autonome Produktionsanlagen in Verbindung mit intelligenten Werkstücken“, die gewissermassen selber wissen, wie sie zusammengebaut werden müssen. Die tragen ihren Produktionsplan und ihre Stückliste als RFID-Chip mit sich herum.

Wie kommt es aber nun zu dieser Entwicklung? warum hat man nicht einfach die Idee der Vollautomation weiterverfolgt?

Es wird ja oft gesagt, die Märkte sind dumm. Die kennen nur den dummen Herdentrieb, und wenn die Lemmige zum Ufer rennen, rennen alle andern hinterher. Es häufen sich die Fälle von gut dokumentiertem Marktversagen. Aber: ganz ohne Intelligenz sind die Märkte offenbar doch nicht, genauer gesagt: die Marktteilnehmer. In diesem Fall handelt es sich ja um Unternehmer, die für die Gestaltung von Fertigungsanlagen zuständig sind, und die überlegen sich ja nun besonders genau, wie und für was sie ihr Geld investieren. Und hier ist die Botschaft der gesättigten Massenmärkte und der gestiegenen Marktmacht der Konsumenten ja durchaus angekommen: um heute als Marktanbieter bestehen zu können, muss man in der Lage sein, sehr schnell auf wechselnde Bedarfe der Konsumenten reagieren zu können. Da ist die Gefahr gross, dasss man ein Werk aufbaut und eine Produktionsstrasse für ein bestimmtes Produkt, das eine Zeit lang reissenden Absatz findet – aber dann wendet sich die Nachfrage schon einem neuen Produkt zu. Hedonistisches Käuferverhalten nennen das die Marketing-Strategen. Und dann könnte der Investor seine neue Fertigungsanlage gleich wieder abschreiben und verschrotten. Nicht so mit einer möglichst flexiblen Produktionsanlage: dann wird in dem flexiblen Werk eben ein komplett anderes Produkt gebaut, und wenn die Nachfrage für einen Moment ganz ausbleibt, werden die frei stehenden Kapazitäten an einen anderen Hersteller vermakelt.

Mit anderen Worten: die Tendenz zu Flexibilisierung, zu flexiblen, intelligenten, dennoch maschinellen und hochproduktiven Fertigungsanlagen wird von den bestehenden Marktverhältnissen mit weitgehend gesättigten Massenmärkten erzwungen.

Die ultimative, extremste überhaupt vorstellbare Form der flexiblen Produktion ist ja nun die Digitale Fabrikation. In der Vorstellung des Physikers Neil Gershenfeld besteht jedes Produkt aus nichts anderem als seinen Molekülen oder Atomen, und jeder Produktionsvorgang aus einer digitalen Platzierungsvorschrift für Myriaden von Atomen und Molekülen. Die ideale Fabrikationsmaschine ist ganz offensichtlich der Star-Trek-Replicator: er ist nämlich ganz nebenbei auch noch die Lösung der makroökonomischen, kreislauftheoretischen Probleme, die eine Ökonomie sich mit einer zu grossen Automation einhandeln würde. Er steht zu Hause beim Konsumenten im Keller, oder auf dem Küchentisch („Universal Desktop Fabrication“).

Bis nun der Star-Trek-Replicator auf der CBIT vorgestellt wird, dürfte es noch ein Weilchen dauern. 3D-Druck ist aber da durchaus angekommen, und ist ebenfalls ein heisses Thema, und spielt auch im Zusammenhang mit Industrie 4.0 ein wichtige Rolle.

Ganz wichtig ist im Zusammenhang mit diesen Entwicklungen m. E. aber folgender Gedanke: diese extrem flexibel und hoch maschinell gestalteten Produktionsanlagen drehen den Trend zum Outsourcing, zur Verlagerung der Fertigung in Billiglohnländer wieder um. Die Produktion wird wieder heimisch. Auch wenn eine Menge Arbeitsplätze durch Maschinen ersetzt werden, entstehen andere in der Herstellung dieser Kapazitäten, und darin soll und kann Deutschland führend sein. Ausserdem: wenn die Anlagen, die Arbeitgeber und die Hersteller nicht mehr allzu flüchtig auf dem Globus umher navigieren können, bedeutet das: grössere Stabilität der Arbeitsbedingungen für Arbeitnehmer, und vielleicht auch wieder ein bischen mehr Gelegenheit und Gewicht für die Gewerkschaften, bei der Gestaltung der Arbeitsbedingungen und der Löhne ein Wort mitzureden.

Wenn der Trend zu Flexibilisierung, Miniaturisierung und universaler maschineller Fabrikation nun anhält, ist die nicht uninteressante Perspektive die: wenn die Fertigungsmaschinen eines Tages tatsächlich aussehen werden wie Mertens‘ maschinelle Sklaven, dann können wir sagen: wir haben nichts gegen Sklaven – jeder soll einen haben!

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