Freiheit statt Kapitalismus – ein Kommentar zu Sarah Wagenknecht

Sarah Wagenknechts im Mai 2012 erschienenes Buch ist brilliant. Das lange Lebensbuch des Kapitalismus, seine Eigenheiten und Unarten, seine Stärken und Gefahren hat sie wunderbar beschrieben. Der Kapitalismus war ganz ohne Zweifel erfolgreich: es sind weltweit immense Reichtümer geschaffen worden, darunter wirkliche Werte, die zahllosen Menschen auf der Welt das Leben erleichtern und bereichern und es ungleich lebenswerter gestalten. Ein immenser Reichtum ist nun da. Aber – das zeigt Sarah Wagenknecht wunderbar klar auf – dieser Reichtum erreicht ein solches Gewicht, eine solche Masse, dass er anfangt sich wie ein schwarzes Loch in den Tiefen des Alls zu verhalten: die Zentren des Reichtums fangen an, Werte die in ihre Nähe geraten, aufzusaugen, aufzutürmen und zu komprimieren; je mehr Reichtum an einer Stelle konzentriert ist, um so größer wird die Gier und Saugkraft und der Hunger nach mehr. Der Kapitalismus hat aufgehört, Werte zu schaffen und zu schöpfen: er kann nur noch Werte abschöpfen. Das Wachstum des Reichtums da wo er einmal entstanden ist, gelingt nur noch durch Verarmung an den Rändern der Gesellschaft, in immer grösseren Bereichen.

Was wird geschehen in den USA mit der Verschuldungsrenze? wird es noch einmal einen Aufschub geben, oder geraten wir nun alle in den amerikanischen  Schuldenschlamassel? 

Sarah Wagenknecht zeigt sehr schön auf, wie der gigantische Reichtum in den Händen der einen die Verschuldung auf den Schultern der anderen bedingt. Nur so ist die angestrebte horrende Kapitalrendite der Kapitalbesitzer erzielbar. Und sie zeigt ebenso schön auf, dass sich die realen Reichtümer und realen Werte, die einst von Schumpeterschen risikofreudigen, kreativen und vorausschauenden Unternehmern geschaffen worden sind (in Kooperation natürlich mit zahllosen ebenso kreativen und einsatzfreudigen arbeitenden Menschen), sich allmählich unter diesen gigantischen Massen von um die Welt vagabundierenden Geldströmen in heiße Luft verwandeln, die sich eines schönen Tages wie ein geplatzer heisser Luftballon in ein vollkommen wesen- und wertloses Nichts verwandeln können. Niemand weiss, wie nah dieser Tag uns bevorsteht.

Wenn nun eine nahende Katastrophe, oder – wenn man die nun gerade noch nicht so nahe bevorstehen sehen will – so doch erhebliche ökonomische und soziale Missstände so schön klar und hellsichtig beschrieben werden, so erwächst doch mit dieser gelingenden Einsicht ganz dringlich der Wunsch nach Eröffnung von Mitteln und Wegen, wie all dem denn nun alsbald Einhalt geboten werden könnte. Wie kommen wir denn nun raus aus dem Schlammassel, oder möglichst in diesen ganz großen uns unter ungünstigen Umständen bevorstehenden erst gar nicht hinein.

Sarah Wagenknechts Vorschlägen hierzu ist vor allem dies gemein: sie sind politische. Sie sind sämtlich mit politischer Gestaltungsmacht zu erreichen, umzusetzen und zu realisieren. Es bedarf dazu also politischer Gestaltungsmacht, und zwar ein ganze Menge. Sie möchte Unternehmen wieder angemessen besteuern, überhaupt die Besteuerung wieder mehr der wirtschaftlichen Leistungsfähigkeit anpassen (also höhere Steuern für Spitzenverdiener), ferner möchte sie Erbschaften ganz kräftig besteuern, und eine Reihe von Schlüsselindustrien verstaatlichen. Dass all dies – es kommt dann auf die genaue Ausgestaltung an – ökonomisch vollkommen angemessen und zweckdienlich und dem Dafürhalten der größten Pioniere der Marktwirtschaft sicher weitestgehend entsprechend ist (sie nennt ihr Programm ja “Erhardt Reloaded”) – daran kann gar kein Zweifel bestehen. Wenn diese notwendige politische Gestaltungsmacht einer aktiven Politikerin Sarah Wagenknecht oder jemand anderem der ihr Buch gelesen hat, eines Tages auf legale Weise verliehen sein möchte – es wäre nur zu schön. Vielleicht auch ein bischen zu schön um wahr zu sein. Es wäre jedenfalls nichts dagegen einzuwenden, ganz im Gegenteil. Es wäre unbedingt zu unterstützen.

Aber. Um etwas zu gestalten, dass als ALTERNATIVE zum Kapitalismus zu verstehen ist, also Freiheit  statt  Kapitalismus, und nicht Freiheit  im  Kapitalismus, da werden lediglich politische Gestaltungsmittel nicht hinreichen.

Wenn man sich besinnt, wie der Kapitalismus entstanden ist, wird man unschwer erkennen können, dass die wesentlichen Entstehungsgründe nicht politischer Wille oder Einfluss waren, sondern: technische Möglichkeiten. Die Dampfmaschine, das mit mechanischer Energie angetriebene Fließband, vielerlei in den Produktionsprozess eingeflossene Errungenschaften der Ingenieurwissenschaften. All dies machte es möglich, den Kern der Wertschöpfung nunmehr aus der Landwirtschaft, der Bewirtschaftung des Bodens zur Nahrungsmittelproduktion, in die Erzeugung von Konsumgütern zu verlagern. Damit wurden die Fabrikanten die neuen Herren, und lösten in dieser Funktion die Land- und Gutsbesitzer ab.

Der Kapitalismus hat nicht nur diesen gigantischen und sich allmählich selbst erstickenden Reichtum geschaffen, sondern auch: ganz neue, revolutionäre, nie da gewesene Produktionsmittel. Da, wo noch tatsächlich wertschöpfend und real von der Industrie investiert worden ist, sind zunehmend Produktionsverfahren und Systeme entstanden, die eine immer intensivere Kooperation von Konsument und Produzent ermöglichen; die Produktionsmittel wurden immer kleiner, und universaler einsetzbar (sehr schön hier beschrieben, besonders der Abschnitt  “Die Verbreitung von Open Manufacturing”: )

Das “Ideal”, das theoretische (und zunehmend praktisch werdende) Maximum oder Optimum einer solchen Entwicklung ist der kleine Personal Fabricator, eine kleine universale Fabrik für “allmost anything”, mit einer theoretischen produktiven Universalität, die sich allerdings von der gegenwärtig noch gegebenen Beschränkung auf kleine Spielfigürchen aus Plastik durch eine vermutlich lange Reihe von Generationen bis zur volkswirtschaftlich relevanten tatsächlichen Universalität und Einsatzfähigkeit wird hinaufentwickeln müssen.

Aber – das ist der Keim. Der Keim ist in der Gegenwart winzig und bleich und blass, wie die Farben der Plastikfäden, die er gegenwärtig verarbeiten kann. Die Kraft, die Welt zu verändern, sieht man diesem Keim, diesen kleinen gegenwärtig in den FabLabs der Welt fabbernden Maschinchen nicht an. Aber aus diesem Keim – sicherlich zusammen mit erforderlichen unterstützenden und ergänzenden politischen Gestaltungsmaßnahmen – wird die geschichtliche Möglichkeit erwachsen, den Kapitalismus als dominierendes System abzulösen.

Erst dann kann gelten: Freiheit statt Kapitalismus.

Praxis

(Hiroshi Hara: Mid-Air-City)

Was wäre die Theorie ohne die Tat,   Pragma   , die   Praxis   , das verständige, weil theoriegeleitete Handeln.

Auf dieser Seite soll es um die Diskussion von konkreteren Gestaltungszielen gehen, um Entwürfe von vielleicht sozialen Konstrukten, oder technischen Artefakten, und wie das eine möglicherweise durch das andere bedingt ist. In diesem Zusammenhang möchte ich mich gerne inspirieren lassen von der   Commons-Debatte: vielleicht gibt es ein ganz spezielles Artefakt, das sich sinnvoll nur als ein Common Good verstehen lässt, als in Gemeineigentum befindlich, in öffentlichem oder allenfalls halb-privatem Eigentum…

Der japanische Architekt   Hiroshi Hara hat einige sehr kühne Entwürfe sehr hoch verdichteten Bauens geschaffen, darunter den gigantischen   500x500x500mCube   . Er hat sich vorgestellt, dass dieser Cube – eigentlich eine ganze Stadt, für 100.000 Bewohner – die Infrastruktur und Technik zur möglichst vollständigen Selbstversorgung seiner Bewohner beinhalten sollte. Eine Infrastruktur, die heutige Rapid-Produktionstechnologien sowie Open-Source Design Prozesse, das Management der erforderlichen Stoff- und Maintenance- sowie Distributionslogistik umfasst, liesse eine solche Vision möglicherweise näher an der beherrschbaren konstruktiven Realität erscheinen als Hiroshi Hara sich das in den 1990er Jahren hat träumen lassen…

Inzwischen sind einige weitere sehr kühne und beeindruckende Projekte standen, wie etwa die des französisch-belgischen Architekten   Vincent Callebaut: die Lilypad, eine schwimmende Ecopolis für Klimaflüchtlinge:  



… oder der Dragonfly, eine metabolische Farm für urbane Landwirtschaft:  



… und noch, als weiteres Beispiel eines “green building”, der Bionic Arch, ein nachhaltiger Turm:  



Der Sinn so eines in sich geschlossenen Gross-Projektes läge darin – abgesehen von den erzielbaren Vorteilen hochverdichteten Bauens an sich, und den hier noch angestrebten Effekten ökologischer Art sowie der ja sonst noch nie erreichten Integration auch von Nahrungsmittelerzeugung in den Wohnbereich, unter maximaler Raumnutzung – , dass sich ein homogener Planungs- und Gestaltungsraum ergibt, der – relativ zu einer ganzen Volkswirtschaft – klein und möglicherweise von der entstehenden Planungskomplexität eher überschaubar und beherrschbar ist. Das Ziel müsste eben darin bestehen, so eine Selbstversorgung tatsächlich über alle Bereiche dessen was Menschen heute als zu einem guten Lebensstandard zugehörig empfinden, zu ermöglichen. Wenn man auf der Grundlage dieser neuen Produktionstechnologien davon ausgeht, dass die sehr mächtig geworden sind und den allergrössten Teil dieser materiellen Güterbedarfe abdecken können, wäre hier nur noch der Rohstoff- und Energiebedarf zu “erledigen”, stünde also auf dem Katalog der von so einer Selbstversorgergemeinschaft zu erledigenden Leistungen. Und dann gibt es noch alle diese vielen Leistungen und Bedarfe, die eben nicht von Maschinen erledigt werden können. Die Frage wäre, ob die erforderliche Koordination, also die Güter- und Faktorallokation, wie die Ökonomen sagen, hier einem freien Spiel der Marktkräfte überlassen werden könnte. Möglicherweise wäre es auch notwendig oder hilfreich, hier ein – wenigstens minimales – Angebot auf einer übergeordneten Basis, also durch eine Art von Organisation geplant, zu schaffen. Möglicherweise entstünde so etwas aber auch ganz von selber, durch Selbstorganisation… Jedenfalls wäre so eine Organisation immerhin gross genug, um mit hinreichender Wahrscheinlichkeit auf ein grosses Reservoir an Professionen und Leistungsfähigkeit zugreifen zu können, um diese Aufgabe der Selbstversorgung auf der Höhe der Zeit zu lösen, und zwar so, dass die entstehenden Spielräume der Lebensgestaltung sich gegenüber dem gegenwärtigen oftmals doch sehr unsicheren und gehetzten, vielfach sogar geradezu menschenunwürdigen Lebensumständen ganz entscheidend erweitern.

Aber sicherlich ist das nicht der einzige Weg und die einzige Weise, ein solches Ziel, derartige Lebensbedingungen zu erreichen und denen näher zu kommen. Es gibt ein breites Bündel von Faktoren, die hierzu beitragen können und die uns allen offen stehen, und viele von diesen Faktoren liegen in der menschlichen Natur, sie sind uns Menschen mitgegeben, und diese Faktoren waren schon immer ausschlaggebend, wenn neue Ufer erreicht, und neue Höhen erklommen worden sind. Zu diesen Kräften und Möglichkeiten kommen nun diese neuen technischen Möglichkeiten dazu: die sind in der Geschichte der Menschheit neu, so etwas hat es noch nicht gegeben in dieser Welt. Es kommt also darauf, diesen neuen Raum der Möglichkeiten zu entdecken, der mit diesen neuen Künsten und Techniken erschliessbar geworden ist.

Sehr spannend finde ich auch die Idee der Digitalen Fabrikation in der Architektur, wie sie zum Beispiel hier ausgearbeitet wird:   Digitale Fabrikation. Wenn dann eben noch die Digitale Fabrikation von Dingen dazu käme, dann ergäbe sich so eine Art von Wohnraum, von Stadt, von Lebensraum, der viel mehr sein könnte als nur ein Dach über dem Kopf, oder die Behausung, sondern eine wirkliche Lebenswelt, eine Wohnmaschine, eine Heimat! eine – kleine – perfekte heile Welt. Und ganz ganz neu!

Aber es muss natürlich auch nicht unbedingt gleich so eine gigantisches Riesenprojekt sein! Ein   FabLab und noch ein FabLab ist natürlich ebenfalls schon ein sehr realisierungswürdiges pragmatisches Gestaltungsziel.

Auf jeden   Fall !